Konzertbericht

MEHR MELT! GEHT NICHT

MELT! 2007
13. - 15.07.2007, Ferropolis

Mehr Melt! war nie: mehr Zuschauer, mehr Werbung, mehr Bands. Bands, die sich dem Verschmelzen von Gitarre und Elektro verschrieben haben. Und nie zuvor war genau dieser Sound dank des explodierenden „New Rave“ so angesagt wie 2007. Passend dazu präsentieren sich auffallend viele Besucher im (in)diskutable 90er-Look, getreu dem Motto: Hurra, wir sind endlich alt genug, um auch mal solch ein Jahrzehnt aufleben zu lassen, das wir selbst erlebt haben. Heißt, wir tragen fragwürdige Sonnenbrillen zu ebenso fragwürdigen Frisuren und schmücken uns mit allerlei Kram in leuchtenden Neonfarben. Willkommen zurück in den Neunzigern.

Willkommen heißt uns am Freitag Arcade Fire-Mitglied Final Fantasy, der die erste Geige gleich selber spielt. Dazu bedient eine junge Dame auf der Bühne einen Overhead-Projektor, und man stellt fest: Dieser Frontalunterricht sorgt zu wenig für Stimmung. Bei Jamie T. und seiner Band ist dann schon mehr Heiterkeit angesagt. Sind die Songs anfangs eher rockig, überlassen die beiden Gitarristen der Band zunehmend der Funk-Rhythmus-Abteilung an Drums und Bass das Feld.

Ein anderes Feld bestellen zur selben Zeit Jeans Team im Zelt, wo ihnen die große tanzwütige Menge bei „Königin“ oder den „Jungs vom Waffenladen“ zu Füßen liegt.

Keine Melodien gibt es bei Kettcar sicher nicht. Die Hamburger bespielen in schönster Harmonie ihre ganze Bandbreite an Songs und schmuggeln den Fans hier und da ein wenig Neues in die Ohrmuschel. Die Freude ist aber natürlich umso größer, als „jetzt nur die alten Heuler“ angekündigt werden. Also los: „Jenseits der Bikinilinie“, „Money left to burn“ oder „Ausgetrunken“. Wir danken der Kettcar-Academy. Prima Konzert.

Ein wenig zwiespältig treibens die Herren von The Notwist im Anschluss. Markus Acher singt mit seiner herrlich verzweifelten Stimme in die Nacht, während Soundfrickler Console an seinen Beats bastelt. Allerdings lässt er eher den Saiteninstrumenten den Vorrang und lüftet nicht den Vorhang aus Gitarrenlärm. Schon ein gutes Konzert, aber The Notwist können es besser und intensiver – und das wäre für die Prime Time nicht schlecht gewesen. Schade.

Motorpsycho sehen sich im Anschluss scheinbar in der Notwist-Tradition und spielen ein Konzert unter ihren Möglichkeiten. Gebührender Gitarrenlärm hin oder her, aber auf einem solchen Festival ein so störrisches Konzert zu spielen, an dem nur passionierte Fans der Band ihre Freude haben, ist ein verschenkter Bühnenplatz für die Mainstage. Fast ärgerlich.

Musikalisch erfreulicher ist der Samstag, dem gleich mit den Shout Out Louds eine angenehme Indie-Prise von der Bühne entgegenweht. Passend zur tiefstehenden Sonne liefern die vier sonnigen Gemüter aus Schweden einen luftig-leichten ersten Höhepunkt. Apropos hoch: Man sollte Bebban Stenburgs Beine einmal live gesehen haben.

Live gesehen haben sollte man auch die Rifles. Die knüpfen nämlich an die sonnige Stimmung im Zuschauerraum an und bescheren den Fans ein kurzweiliges Konzert, das in „Local Boy“ seine Krönung findet. Da greift man gern zur Waffe.

Die Sonne geht unter, Hot Chip treten auf. Und man fragt sich: Wie können solch langweilig aussehende Kerle nur so gute Musik machen? Verdientermaßen haben sich Hot Chip im Vergleich zum letzten Jahr nun auf die Hauptbühne gespielt. Und wer die Massen zum Beispiel bei „Over and Over“ so hüpfen lässt, hat es auch nicht anders verdient. Hot Shit.

Kritischer und ernster wird es, als Tocotronic ihre Gitarren einstöpseln und uns ihre Kapitulation erklären. Ähnlich wie bei Kettcar ist es, als würde man einen alten Bekannten wiedertreffen. Und auch bei von Lotzow und Konsorten ist es ein richtig gutes Gefühl. Das druckvoll gespielte Set mündet schließlich im betörenden „Hi Freaks“ und wird noch einmal von „Freiburg“ getoppt. Gut, dass die Hamburger uns mal wieder was erzählen wollten.

Rüber ins Zelt, denn U.N.K.L.E. wollen uns nämlich auch etwas erzählen: in erster Linie sind das ihre „War Stories“. Und entsprechend spielen James Lavelle und seine fünf Mitstreiter (zwei davon an der Gitarre) hauptsächlich Songs des aktuellen Albums. Für viele ist dies allerdings zu düster, so dass sich im Zelt eher der harte Kern der Fans versammelt. Eigentlich soll man so spät nicht mehr essen, aber diese schwere Kost ist irgendwie doch ganz schmackhaft. Zur Verdauung sich Digitalism ansehen zu wollen, erweist sich übrigens als relativ schwierig: Die zwar nach allen Seiten offene Big Wheel Stage ist nämlich genau so nach allen Seiten voll mit tanzenden Menschen.

Das Warten auf Deichkind versüßen Simian Mobile Disco mit ihrer Soundfrickelei und bitten zum Tanz. Irgendwie recht unerwartet zündet gleichzeitig die Festivalleitung dazu die an den riesigen Tagebaubaggern angebrachten Feuerwerksraketen. Aaaaah. Ooooh.

Aus dem Staunen wird dann ein „Aha?“ oder „Oho?“, als Das Bo auf der Hauptbühne die Techno-Gruppe Fraktus („die Urväter des Technos“) ankündigt. Im Sonnenaufgang wird dazu aufgefordert die Band so gut es geht auszubuhen und mit Bechern zu bewerfen. Das gelingt. Nach einem einzigen miserablen Song verschwinden sie wieder von der Bühne. Dass man backstage dann die Herren Palminger, Strunck und Schamoni unter den Phantasiekostümen erkennt, ist wenig überraschend.

So wirklich überraschend ist auch nicht der Auftritt, den Deichkind dem sonnigen Morgen entgegenwerfen. Denn seien wir mal ehrlich: Trampoline und „Yippie Yippie Yeah“-Fahne sind nicht wirklich etwas Neues auf der Deichkind-Bühne. Aber egal, denn die Jungs legen mal wieder einen gewohnt intensiven und abgedrehten Gig hin. Die Massen – und es ist in der Tat eine riesige Menschenmenge – tanzen irgendwann wie verrückt zu den Beats von „No Limit“. Nicht zu toppen? Doch: Um 5:50 Uhr geht „Remmidemmi“ in „Rhythmus ist a Dincer“ über und Snap betreten die Bühne. Kollektive Ekstase. Willkommen zurück in den Neunzigern.


BERICHT: Henning

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