Konzertbericht

UND WIR KOMMEN WIEDER

HURRICANE FESTIVAL 2007
22.06. - 24.06.2007, Scheessel

Vielleicht ist es einfach nur purer Zufall, aber rückblickend könnten böse Zungen behaupten der Name „Hurricane“ beeinflusst den Wettergott in einer Art und Weise, die ihn jedes Jahr zu neuen Herausforderungen antreibt.

Nur wenige Wörter wie Matsch, Regen, Regen und Matsch könnten das diesjährige Festival besser beschreiben. Der Bericht eines norddeutschen Radiosenders klingt als hätte der Reporter ein anderes Festival besucht. „Das Wetter war nicht so schlecht wie angekündigt und die Bands haben fast durchgehend gerockt“. Ein Blick auf das Festivalgelände und die angrenzenden Campingplätze sprach eine andere Sprache. Auf dem Presseparkplatz wurden im Minutentakt Autos aus Schlamm gezogen, so dass Hamburgs Starkoch, Tim Mälzer, seinen alten Mustang, 68er Fastback, erst gar nicht auf den Parkplatz stellte, um ihn nicht von einem neumodischen Fendt-Trecker in zwei Teile reißen zu lassen.

Auf dem Gelände wurde schon am Samstag Mittag verkündet, dass die kostenlosen Regenjacken im schönen Magenta aus waren, so dass die Besucher ohne geeignete Kleidung, all ihre Fantasie aufbringen mussten, um sich vor den kräftigen Schauern zu schützen.

Das Gelände selbst zeigte sich schon am Freitag von seiner schlechteren Seite und konnte im Laufe des Wochenendes noch ein paar Zentimeter mehr Schlamm drauflegen.

Wie jedes Jahr schworen sich viele Besucher im letzten Jahr schon, dass es ihr letztes Festival war. Dieser Schwur verfügt aber über eine geringe Halbwertszeit. Spätestens als die Beastie Boys, Placebo, Marilyn Manson, Pearl Jam oder Sonic Youth angekündigt wurden, vergaßen viele die Vorsätze vom letzten Jahr und strömten in Massen in das sonst so beschauliche Dorf Scheessel.

Der bereits anfangs erwähnte Wettergott trat am Freitag kräftig auf die Euphoriebremse, so dass sich pünktlich zu Snow Patrols „Chasing Cars“ die Schleusen öffneten. Nur harte Männer freuten sich, da sie die Tränen zu dem so zauberhaften Auftritt der Jungs aus Glasgow als primitive Regentropfen verkaufen konnten. Der Rest folgte dem Song „Shut Your Eyes“ und weinte still und heimlich in sich hinein. Es sollte doch ein Wochenende der Musik, der Sonne, des Alkohols und der Nächstenliebe werden. Stattdessen hieß es kollektiv im Matsch und Regen stehen.

Nur im Pressezelt konnte man trockenen Hauptes die Bands auf dem Flachbildschirm bestaunen. Diese Annehmlichkeit wurde aber durch die Anwesenheit von Max Buskohl gestört, der mit Papi an der Hand durchs Zelt stolzierte, in der Hoffnung, ein wenig Aufmerksamkeit zu erhalten.

Flucht aus dem Raum der Banalitäten ins pralle Leben. Die Fanta Vier riefen und die Jünger kamen. Es gab Hits, hüpfende Fans, aber irgendwie haben wir das alles schon mal besser gesehen. Lag es an der wetterbedingten leicht getrübten Stimmung oder kommen die Herren in die Jahre? Im Gegensatz zu den (fast) immer gutgelaunten Stuttgartern zeigte Damon Albarn mit seiner Band, The Good, The Bad & The Queen, dass es auch anders geht. Nach diesem Gig fanden die Besucher die Dunkelheit und den Matsch ganz schön.

Ganz schön wurde es auch danach. Ach falsch, es wurde großartig. Die Herren MCA, Mike D und Ad Rock luden zum gemütlichen Beisammen sein ein. Mit ihnen sorgten Mix Master Mike und Money Mark für den Höhepunkte überhaupt. Die Beastie Boys zeigten den Fantastischen Vier mal wie sich Herren im gehobenen Alter zu präsentieren zu haben. Feinste Anzüge und ein Equipment aus Acryl waren für diesen Abend angesagt. Für einige Besucher ungewohnt griffen die Jungs aus Brooklyn selbst zu den Instrumenten und spielten locker, flockig ein paar Songs vom neuen Instrumentalalbum „Mix Up“. Der Rest lässt sich mit wenigen Worten wie Hits, Hits, Hits beschreiben. „No Sleep Till Brooklyn“, „Intergalactic“, „Root Down“, „Tough Guy“, „Sure Shot“ oder “Three MCs And One DJ”. Bewegungen als wären die letzten Jahre spurlos an ihnen vorüber gegangen. Mit „Sabotage“ verabschiedeten sich die Beastie Boys und gaben rüber zur Green Stage, auf der jetzt die Queens Of The Stone Age geladen hatten. Der anfängliche Sound war ähnlich zäh wie die Bodenverhältnisse bevor es dann stetig bergauf ging.

Die Blood Brothers verabschiedeten die Besucher in eine regnerische Nacht. Am nächsten Morgen verfügte nahezu jeder Zeltbesitzer über einen eigenen Teich. Nur leider war der häufig nicht vor dem Zelt, sondern genau in der Mitte der meist 2m mal 2m Behausung.

Schlecht gelaunt und nass schleppten sich die Massen zum Gelände. Die männlichen Besucher wurden am Nachmittag von einer gewissen Maja Ivarsson aufgeheitert. Als leicht bekleidete blonde Frontdame von The Sounds zauberte sie teilweise ein Lächeln in die trüben Gesichter. Teilweise wurden wahre Gefühlsausbrüche wie „Wer ist denn die geile Sau?“ beobachtet. Fast alle Hits des „Dying To Say This To You“-Albums bekamen die Fans zu hören, bevor das rauchende, rotzende Luder die Bühne räumte.

Erst bei Arcade Fire verstummten die bösen Stimmen wieder, die sich noch kurz zuvor über die so bescheidene Situation beschwert hatten. Zehn Kanadier sorgten mit unzähligen Instrumenten für einen Lichtblick an diesem so trüben Tag. Erste Gummistiefel bewegten sich rhythmisch zu den Klängen. Festivalbesucher sind hart im Nehmen und können auch unter widrigen Umständen feiern.

Bevor sich die Headliner in ihren Garderoben warm machten, durften die Manic Street Preachers auf die Bühne. Gott wäre das schön gewesen, wenn Herr Bradfield seine Gesangspartnerin der neuen Single „Your Love Alone Is Not Enough“ mitgebracht hätte. Eine Nina Persson hätte nach Maja Ivarsson wieder für strahlende Gesichter gesorgt. So blieben die drei Herren allein und arbeiteten sich durch die Songs.

Nachdem die männlichen Besucher schon ein Highlight zu verzeichnen hatten, waren jetzt die Frauen an der Reihe. Schon vor dem Auftritt von Incubus gab es die ersten Tränen. Der erste Wellenbrecher war voll, so dass der Traum, dem so hübschen Brandon Boyd, ein wenig näher zu kommen, ausgeträumt. Die kurzfristig Enttäuschung bekamen die Mitarbeiter der Sicherheitsfirmen zu spüren. Mädchen, denen man einen Blick auf den Incubus-Frontmann verwehrt hat, sollte man besser aus dem Weg gehen. Aber nur so lange bis die ersten Klänge der Band ertönen.

Es hagelt Hits der Band aus Kalifornien. Die Jungs tragen die Sonne im Herzen und lassen alle daran teilhaben. Für einen Moment schienen die äußeren Umstände vergessen.

Auch ein Herr Manson konnte im Anschluss die Massen weiterhin fesseln und begeistern. Danach schlichen die Besucher wieder zurück auf die Campingplätze, die mittlerweile eher Seenlandschaften glichen.

Ein Glück, es ist Sonntag und ein Ende ist in Sicht. Jetzt hieß es noch einmal die restlichen Kräfte für Kings Of Leon, Editors, Placebo und Pearl Jam zu bündeln.

Alles schien glatt zu gehen bis sich Sonic Youth auf einen Kampf mit dem Wettergott einliessen und ihn herausforderten. „Teen Age Riot“, „Silver Rocket“ und „Hey Joni“ rührten diesen zu Tränen, so dass mal wieder Regen auf dem Programm stand.

Me First & The Gimme Gimmes schienen ihm dagegen zu gefallen, so dass der Weg für die beste Coverband frei war. Endlich wurde mal so richtig gerockt und gefeiert. Die Editors in allen Ehren, aber gegen die Starbesetzung dieser Punkband sehen alle Indiebands ein wenig blass aus.

Die Stammgäste des Hurricane-Festivals namens Placebo lieferten einen gewohnt starken Auftritt ab. Auch Gegner dieser Combo ließen sich zum Mitsingen hinreißen.

Der Rest des Festivals gehörte Pearl Jam. Egal, was man von den in die Jahre gekommen Herren denkt, sie rocken einfach. "Corduroy", "Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town", "Black", "Jeremy", "Dissident" und "Rearviewmirror" treffen immer noch den Geschmack der Besucher.

Während viele Besucher im Anschluss noch mit der Frage nach der Rückkehr im nächsten Jahr beschäftigt waren, sprangen die Unerschrockenen noch ein bisschen mit Deichkind um die Wette und genossen den Restalkohol im Blut.

Wir sehen uns 2008. Auch wenn wir es uns jetzt noch nicht eingestehen wollen.

BERICHT: Tim
GALERIE: Hurricane 2007

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