Interview

ES GIBT VIEL ZU TUN ...

STRIKE ANYWHERE
20.06.2007, Hamburg

Kaum zu glauben, aber wahr: Strike Anywhere waren wieder einmal in Europa unterwegs, obwohl ihr letzter Tour-Aufenthalt kaum ein halbes Jahr her ist. Den Herren scheint es hierzulande wirklich zu gefallen, was natürlich alles andere als ein Grund zur Beschwerde ist, schließlich weiß ihr aktuelles Album „Dead FM“ sehr zu gefallen, und zudem sind die Live-Qualitäten der Band absolut unbestritten. So sicher wie das Amen in der Kirche ist auch die Tatsache, dass Strike Anywhere eine Menge zu sagen haben, was Frontmann Thomas Barnett im ausgiebigen Gespräch erneut unter Beweis stellte.

Ende letzten Jahres wart ihr in Europa auf Tour, nur ein halbes Jahr später findet man euch wieder auf unseren Bühnen. Wie kommt es, dass ihr nach so kurzer Zeit wieder hier seid?
Thomas: Nun, wir versuchen, möglichst zwei Mal im Jahr bei euch zu spielen. Die Idee hinter dieser Tour ist, einige Konzerte in westeuropäischen Hauptstädten zu geben und dann zum ersten Mal in Osteuropa unterwegs zu sein. Demnächst werden wir zum Beispiel in Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Kroatien spielen. Dazu kommen noch Auftritte im Spanien und Portugal, dann waren wir in Schweden, um auf einem Festival dabei zu sein, und wir sind auch in diesem Jahr auf dem Roskilde Festival dabei. Diese Tour sollte einfach ganz Europa abdecken, obwohl wir es noch nicht geschafft haben, Polen und die baltischen Staaten mit einzubeziehen.

Wie finanziert ihr euer extensives Touren?
Thomas: Wir machen es einfach. Ab und zu müssen wir etwas von unserem Hab und Gut verkaufen, aber das ist okay. Unser Anliegen ist, die Szene intakt zu halten und den Fans zu zeigen, was uns diese Gemeinschaft wert ist. Für Strike Anywhere ist die Musik eine Art Mission und keine Beschäftigung. Zwischen den Touren haben wir alle unsere Jobs, und wenn es sich anbietet loszureisen, dann machen wir es – nicht, weil wir damit Geld verdienen möchten, sondern weil es darum geht, Ideen und Gedanken zu vermitteln. Wir treffen viele Leute, und das ist auch das Motiv von Strike Anywhere. Es geht darum, möglichst viele Menschen an den verschiedensten Orten zu erreichen. In den Staaten praktizieren wir so etwas des Öfteren. Vor dieser Tour haben wir zum Beispiel das komplette Land von Seattle bis in unsere Heimat in Virginia bereist und haben in kleinen Schuppen und Bingo-Hallen gespielt. Das waren ab und zu richtig kleine Räume ohne eine Bühne. Damit wollten wir zu unseren Anfängen zurückkehren.

Trotzdem hat sich für euch etwas verändert, und zwar das Label, auch dem ihr eure Alben veröffentlicht. Wie kam es zum Wechsel von Jade Tree zu Fat Wreck? Hat sich diesbezüglich etwas für euch als Band etwas verändert?
Thomas:
Nein, in Grunde haben wir mit Fat Wreck nebenbei lange zusammengearbeitet. Noch bevor wir bei Jade Tree unter Vertrag genommen wurden, hatten wir bereits eine Single auf Fat Wreck veröffentlicht. Damals, so um 1999, sind bei uns im Keller ein paar Songs entstanden, die wir über das Internet publik gemacht haben. Fat Wreck hat davon Wind bekommen und uns mitgeteilt, dass sie die Songs mögen und sie gerne als Single offiziell auf den Markt bringen würden. Also war das unsere erste Platte. Der Deal mit Jade Tree kam zustande, weil wir einige Leute aus der Hardcore-Szene an der Ostküste kannten, woraufhin der Kontakt zu Jade Tree dann entstand. Für uns war es eine riesige Ehre, auf diesem Label drei Alben zu veröffentlichen. Im Endeffekt haben wir ihnen mehr gegeben als im Vertrag vorgesehen, was natürlich das Resultat einer guten und freundschaftlichen Zusammenarbeit war. Was Fat Wreck betrifft, so wollten wir den Schritt zu einem neuen Label einfach einmal wagen und sind nicht enttäuscht worden. Im Gegenteil, sie sind in Europa uns sogar in Australien sehr präsent. Dazu kommt noch, dass wir schon immer mit Fat Wreck-Bands gemeinsam auf Tour waren – wie unter anderem auf der „Rock Against Bush“-Tour – dementsprechend fühlten wir uns quasi als Mitglied der Familie. Jetzt sind wir ein vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft, obwohl wir keinen langfristigen Vertrag besitzen. Im Grunde haben wir ihn mit „Dead FM“ bereits erfüllt.

Aber man kann davon ausgehen, dass euer nächstes Album auch auf Fat Wreck erscheinen wird…
Thomas: Wir mögen die Jungs, also wahrscheinlich schon. Es ist aber nicht so, dass wir es müssen. Wir haben die Wahl, und wenn wir der Ansicht sind, dass es an der Zeit ist, eine andere Plattenfirma zu unterstützen, die gute Arbeit leistet. Wir setzen unsere Prioritäten nicht ausschließlich danach, was ein Label für uns als Band erreichen kann, es ist zudem wichtig, welchen Status sie in der Underground-Szene innehaben. Das erklärt auch, warum unsere erste EP auf No Idea herauskam. Im Anschluss gab es dann noch eine Single auf Scene Police, die speziell hier in Deutschland erhältlich war, und fast zeitgleich unser Album auf Jade Tree. Das zeigt, wie sehr wir deren Arbeit zu schätzen wissen.

Im vergangenen März gab es eine traurige Nachricht: Matt Sherwood verlässt Strike Anywhere. Was waren seine Gründe und wer ersetzt ihn?
Thomas: Was die Gründe betrifft, so haben wir ein ausführliches Statement zu diesem Thema auf unserer Website abgegeben. Wer sich für die Gründe der Trennung interessiert, sollte sie dort einfach nachlesen. Wenn ich den Inhalt jetzt wiederhole, würde ich mit Sicherheit die Fakten nicht so bedacht wiedergeben, wie es in den veröffentlichten Ausführungen der Fall ist. Alles, was ich sagen kann ist, dass Matt gemeinsam mit seiner Frau in den Bergen lebt und sehr glücklich ist. Er besucht eine Kunsthochschule, macht ab und an Musik und lebt ein entspanntes Leben abseits jeglichen Trubels. Matt hat Mark, unserem Roadie, der schon oft mit uns auf Tour war, unsere Songs beigebracht. Mark steckte demnach schon zu einem gewissen Teil in der Band, er ist ein guter Freund, und deswegen stimmt die Chemie auch zwischen uns. Er gehört jetzt voll und ganz der Band an.

Kommen wir zu etwas Merkwürdigem: Momentan läuft im Internet gerade eine Umfrage, initiiert von PETA2, die nach dem erotischsten Vegetarier suchen. In der Liste der Nominierten taucht auch dein Name auf. Was hältst du davon und wie stehen deine Chancen, Berühmtheiten wie Alicia Silverstone, Pink oder Shaniah Twain zu besiegen?
Thomas: Oh ja, ich war auch bei der Wahl zum erotischsten Veganer mit von der Partie. Ich finde diese Aktionen nicht schlecht. PETA2 lassen sich immer wieder interessante Sachen einfallen, um das Interesse der Medien auf sich zu ziehen. Es geht dabei weniger um Tierrechte, die mir persönlich sehr am Herzen liegen, dafür aber umso mehr darum, Vegetarier in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken und viele Leute mit dieser Einstellung zu erreichen.

Aber es bedeutet nicht den Weltuntergang für dich, wenn du nicht gewinnst, oder?
Thomas: Nein, auf keinen Fall. Ehrlich gesagt verfolge ich die ganze Aktion nicht wirklich intensiv. Es ist eine lustige Sache, aber wie ich schon sagte, ist es in erster Linie ein Medienspektakel. Ich finde es gut, dass berühmte Vegetarier ihre Meinung öffentlich vertreten, allerdings habe ich keine Ahnung wie mein Name auf die Liste gelangt ist, da es nicht die Absicht von Strike Anywhere ist, an einem solchen Wettbewerb unbedingt teilzunehmen. Ich fordere die Jungs jedoch nicht dazu auf, meinen Namen zu löschen.

A propos Einfluss, es ist kein Geheimnis, dass viele europäische Länder stark amerikanisiert sind. In welchen Bereichen siehst du die ernsthaftesten Bedrohungen?
Thomas: Die größte Bedrohung sind der Export der Arbeit und die Rechte der Arbeitnehmer. Dank der EU-Verfassung sind solche Dinge in Europa weniger das Problem, aber außerhalb geschieht vieles im Namen des Kapitalismus und des Fortschritts. Wie die Vereinigten Staaten verlagern die anderen mächtigen Industriestaaten der Welt ihre Produktionsstätten in arme Länder, in denen die Kosten sehr günstig sind. Es hat ein bisschen etwas von der einstigen Kolonialisierung. Trifft es das, was du meintest? Kulturell gesehen kann ich nur die ganzen schlechten amerikanischen Rockbands erwähnen. Es ist schrecklich, wenn ich europäische Bands erlebe, die ihren amerikanischen Vorbildern hundertprozentig nacheifern, obwohl sie es gar nicht nötig haben. Natürlich gibt es auch zahlreiche europäische Bands, die ihren eigenen Stil haben. Ich erinnere mich an die späten 80er oder die frühen 90er, als feine Bands beispielsweise aus Deutschland und den Niederlanden entdeckte, deren Musik frisch und unverbraucht klang. Und auch der europäische Straight Edge-Hardcore war irgendwie anders als bei uns. Für mich ist es ein Zeichen von Heuchlerei, wenn hiesige Bands einfach auf einen vermeintlich Erfolg bringenden Zug aufspringen. Das ist aber nebensächlich im Vergleich zu den Vorgehensweisen der industrialisierten Konzerne. Der Export von Arbeit bringt den inländischen Arbeitsmarkt aus dem Gleichgewicht und stellt die Gesellschaft vor hausgemachte Probleme. Stattdessen beutet man viele Menschen in Afrika, Mittelamerika und vor allem in Asien mit minimalen Bezügen für harte Arbeit aus. Wir haben einige Songs über diese Missstände geschrieben. Die Kernaussage ist einfach: Dieses Verhalten ungerecht und muss geändert werden.

Im nächsten Jahr stehen bei euch erneut Präsidentschaftswahlen zur Debatte, und George W. Bush darf nicht wieder kandidieren…
Thomas: Gott sei dank, seid ihr nicht ein bisschen stolz auf uns, dass wir zumindest ein Gesetz haben, dass diesen Dauerzustand unterbindet?

Oh ja, aber was wird danach passieren?
Thomas: Das ist eine gute Frage. George Bush hat die USA in eine Richtung geführt, die nicht einmal die zynischsten Linken vorhergesehen haben. Bandintern sind wir nicht einer einhelligen politischen Ansicht. Es gibt sozialdemokratische, post-linke und anarchistische Tendenzen. Wir fordern nicht, dass die Vereinigten Staaten zu einem zweiten Kanada werden und dass die Nationalstaaten und die Weltwirtschaft zu Grabe getragen werden. Aber ich denke, dass nach der Wahl im nächsten ein kräftiger Ruck durch unser Land gehen wird. Die gemäßigten Konservativen sind vom Bush-Regime dermaßen abgeschreckt, das deren Stimmen wahrscheinlich ausreichen würden, um eine fortschrittlichere Regierung auf die Beine zu stellen. Und damit meine ich nicht nur einen Gesinnungswechsel auf dem Stuhl des Präsidenten oder im Senat, sondern unter anderem auch bei der EPA, der „Environmental Protection Agency“. Besonders dort wird es Zeit für Veränderungen, denn diese Institution steht sehr unter dem Einfluss mächtiger Wirtschaftsunternehmen. Hinzu kommt, dass die USA einem in Bezug auf die Rechte der Frau oder die freie Meinungsäußerung wirklich Angst einflößen können. Deswegen haben wir uns mit diversen Organisationen zusammengetan, um die Aufklärung ein bisschen anzukurbeln. Generell bin ich der Ansicht, dass wir in 2008 acht lange Höllenjahre hinter uns lassen und dass die Leute, die diesen Zustand gefördert haben, gesellschaftlich zur Rechenschaft gezogen werden oder dort untergebracht werden, wo sie weniger Schaden anrichten können. Ich denke, dass auch unser Wahlsystem nicht fair ist und dringend verändert werden muss. Wir unterstützen die Abschaffung einer Politik, die andere Menschen ausnutzt, und fordern eine intelligente Außenpolitik, um vielleicht zehn Menschenleben zu retten. Wir können nicht nur auf eine intellektuelle Revolution warten, wir müssen uns zusammenschließen, um mehr Macht zu haben, die wir lediglich einmal in vier Jahren nutzen können. Es gibt viele potentielle Kandidaten, bei denen es wie beim Sport ist: Jeder möchte es ins Finale schaffen. Dazu muss man sagen, dass sich die Konservativen in einer Zwickmühle befinden, denn ungefähr die Hälfte der Kandidaten aus ihren Reihen wollen sie gar nicht. Zum Beispiel der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani, der nichts gegen Homosexualität hat und die Option eines Schwangerschaftsabbruchs als eine gesetzlich geschützte und legale Möglichkeit für eine schwangere Frau unterstützt. Diese Ansichten kollidieren mit denen der Konservativen, und es wird schwierig für ihn, sich gegen die hinterhältige und teuflische Meinungsmache der Bush-Anhänger durchzusetzen. Dabei ist George Bush an sich nicht das größte Problem, es sind die Leute, die hinter ihm stehen… Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Antwort war, aber ich habe mein bestes gegeben.

Selbstverständlich. Gehen wir noch ein wenig auf die amerikanische Dominanz ein: Es gibt in Europa viele aufstrebende Bands wie Red Lights Flash, mit denen ihr ja derzeit auf Tour seid, oder – ebenfalls aus Österreich – Rentokill. Es macht jedoch den Anschein, als würden jene Bands trotz großartiger Musik in den USA keine echte Chance bekommen, amerikanische Bands hingegen werden bei uns kräftig abgefeiert.
Thomas: Ich gönne es den europäischen Bands auf jeden Fall. Weißt du, es gibt viele amerikanische Bands, die hier beliebt sind, in ihrer Heimat aber nicht. Im Grunde kommen sie nur nach Europa, um als Band am Leben zu bleiben. Die amerikanische Musikwelt ist stark wettbewerbsorientiert, sehr kommerziell und gnadenlos. Es ist für einen Künstler wahnsinnig schwierig, sich über Wasser zu halten. Als Band musst du nebenbei viel arbeiten und kannst es dir leisten, vielleicht alle drei Jahre ein Album zu veröffentlichen und gelegentlich zu touren. Deswegen zieht es viele Bands nach Europa, weil man hier der Musik wesentlich loyaler gegenübersteht. Europa, Australien und Kanada – dort macht das Touren richtig Spaß. Aber in den USA ist es verdammt schwer, als Punkrock- oder Hardcore-Band langfristig zu bestehen, selbst wenn du einheimisch bist. Und ausländische Bands haben es noch viel schwerer, was ich persönlich schade finde, denn sie haben eine Menge zu sagen. Es wäre cool, in Chicago oder Kansas eine deutsche, belgische, polnische oder niederländische Band live zu erleben, aber es erscheint unmöglich. Wie sollen diese Bands sich eine Tour in den Vereinigten Staaten leisten können, wenn es nicht einmal die einheimischen Bands schaffen? Der einzige Weg wäre, sich über die digitalen Medien, also Myspace und dergleichen, interessant zu machen. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Leute heutzutage einfach überfrachtet sind. Sie sind bei der Reizüberflutung überhaupt nicht mehr in der Lage, eine gewisse Leidenschaft zu entwickeln. Es bleibt herzlich wenig hängen, weswegen wir uns um die Zukunft der unabhängigen Musik ein bisschen sorgen. Wir lieben die Musik, und sie ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, aber es ist gewiss nicht die cleverste Karriere.

Ich habe gehört, dass deine alte Band Inquisition so langsam wieder belebt wird. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten?
Thomas: Das ist auch eine gute Frage. Also, ich würde nicht von einer Wiederbelebung sprechen, wir haben lediglich nach langer Zeit einmal wieder ein Konzert gespielt. Die Show war restlos ausverkauft, und so haben wir noch eine zweite gespielt, die ebenfalls ausverkauft war. Beide Auftritte fanden in einem kleinen Club in unserer Heimatstadt Richmond statt. Der Hintergedanke war, dass wir vor elf Jahren, als wir uns aufgelöst hatten – was jedoch niemand von uns ahnte – kein richtiges Abschiedskonzert geben konnten. In den Jahren seit dem Ende der Band sind wir menschlich mehr und mehr zusammengewachsen. Weißt du übrigens, wer 1996 bei uns als Vorband aufgetreten ist? Es waren AFI. Da sieht man wieder, wie schnell sich die Dinge ändern können. Mal abgesehen davon hatten wir einfach wieder Lust, gemeinsam ein Konzert zu spielen, was wir dann auch taten. Zudem wurde unser Album „Revolution…I Think It’s Called Inspiration“ via A-F Records wiederveröffentlicht, um der jüngeren Generation unsere Songs nicht vorzuenthalten. Einigen von denen schien die Musik gefallen zu haben, so dass wesentlich mehr Leute zu den beiden Konzerten gekommen sind, als wir uns ausgemalt hatten. Eine DVD von den Shows soll bald auf No Idea Records herauskommen. Trotzdem sind wir von einer Reanimation weit entfernt, schon aus dem Grund, dass wir weit entfernt voneinander wohnen. Der Inquisition-Gitarrist lebt beispielsweise in London und Bassist und Drummer, die nach 1996 die Band Ann Baretta ins Leben gerufen haben, sind in Portland zu Hause. Es ist folglich verdammt schwierig, zusammen etwas auf die Beine zu stellen.

Im Booklet eures Albums „Dead FM“ schreibst du einige Zeilen über deinen Großvater, der während des Zweiten Weltkrieges für das „Manhattan Project“ gearbeitet hatte. In wieweit hat dieser Sachverhalt deine soziale und politische Aufmerksamkeit beeinflusst. Ich meine, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unzählige Großväter deutscher Bürger seinerzeit Nationalsozialisten waren – der meinige mit inbegriffen.
Thomas: Ich finde es gut, dass man dazu steht und über solche Fakten offen spricht. Während des Zweiten Weltkrieges schien es so, als wären die USA der Engel aus dem goldenen Westen, die Hitler im Endeffekt besiegt haben, aber man darf die ganze Sache nicht so oberflächlich betrachten. Man darf mich jedoch nicht falsch verstehen, ich bin froh, dass es so passiert ist. Die Amerikaner haben damals viel in Großbritannien und Frankreich investiert, und als es den Anschein machte, dass die Deutschen den Krieg gewinnen würden, wuchs der Druck. Und dann kam auch noch Pearl Harbor. Mein Großvater war bei den Kriegen im Pazifik dabei und wurde später nach Tennessee abkommandiert, um an diesem Projekt mitzuarbeiten. Ursprünglich plante er, nach Island zu gehen, weil dort intensiv mit Erdwärme gearbeitet wurde. Er war ein Mensch der Arbeiterklasse mit globalen Ansichten. Die Vorgesetzten ließen ihn jedoch nicht ziehen, stattdessen arbeitete er an diesem Projekt weiter, von dem mein Großvater überhaupt nicht wusste, was es für Dimensionen hat. Er bekam stets nur kleine Bestandteile zu sehen, aber niemals das Gesamtkonzept. Dazu muss ich auch erwähnen, dass er von der Natur nicht gerade gesegnet war. Er hatte einen offenen Gaumen fast bis zur Kehle und wäre als Kind beinahe ums Leben gekommen. Er hat bis zu seinem neunten Lebensjahr praktisch kein Wort gesprochen. Logischer Weise war er sehr traurig und desillusioniert, als er zur Armee kam. Im Militär-Krankenhaus haben die Ärzte den Gaumen dann geschlossen, man muss aber immer die medizinischen Möglichkeiten der 40er Jahre bedenken. Im Vergleich dazu: Ich bin 1973 geboren und hatte eine Lippenspalte und ebenfalls einen gespaltenen Gaumen – aber längst nicht so gravierend wie bei meinem Großvater. Trotzdem musste ich zwischen meiner Geburt und meinem 18. Lebensjahr eine Menge Operationen über mich ergehen lassen, damit ich richtig atmen und sprechen konnte. Ich denke, dass die Eingriffe erfolgreich verlaufen sind, denn ich rede eine Menge. Ich hole so weit aus, weil ich es für richtig halte, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Mein Großvater hatte nie vor, die Pläne der USA zu boykottieren, aber er fühlte sich einfach seltsam bei dem, was er machte, nämlich dem Bau einer gewaltigen Bombe. Außerdem war er noch zur Geheimhaltung verpflichtet. Er war auch nicht direkt am Bau beteiligt, sondern vielmehr eine Art Schichtleiter. Daher hatte er auch nicht die konkreten Informationen. Eines Tages ging es ihm sehr schlecht, und dann wurde auch schon mein Vater geboren, was ihn dazu veranlasste, die Armee zu verlassen. Er und seine Familie zog durch den Bundesstaat Virginia und hielt sie mit einigen Jobs über Wasser. Doch er konnte keinem mehr vertrauen, da er sich von seinem Vaterland betrogen und missbraucht fühlte. Diese Geschichte ist ein riesiger Teil meines Lebens, weswegen ich sie auch zu ausführlich erzähle. Ich sehe Amerika genau als diese sich windende Welt der Widersprüche und der Verrate. Natürlich gibt es auch zeitweise eine heldenhafte Seite, dennoch sind die USA ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Nationalstaaten ihre eigenen Bürger betrügen und verletzen und es anschließend vertuschen. Dieser Zustand ist mein Stoff, um einen zwei Minuten langen Punksong zu schrieben, der diese Missstände an den Pranger stellt.

Das ist eine wirklich bewegende Geschichte…
Thomas: Ja, und ich denke, dass es bei deinen Großeltern ähnlich war. Zwischen den beiden Weltkriegen herrschte eine Menge Orientierungslosigkeit, Armut und Unzufriedenheit, was schließlich den Aufstieg Hitlers ermöglichte. Ab dann lautete das Prinzip „friss oder stirb“ – entweder man zieht voll und ganz mit oder man landet früher oder später in einem Konzentrationslager. Mein Freund Robert Ehrenbrand, der bis vor kurzem bei Boy Sets Fire war, kommt ursprünglich aus München. Seine Vorfahren leisteten dem Nationalsozialismus Widerstand, was nahezu ausgeschlossen war, denn man hatte keine Orte und keine Zeit, um sich irgendwo zu organisieren. Was ich damit sagen möchte ist, dass es enorm wichtig ist, mit vielen Menschen auf der ganzen Welt über diese Dinge zu reden.

Euer Bandlogo hat seinen Ursprung sogar in der deutschen Geschichte. Die „Eiserne Front“ trat zu Beginn der 30er Jahre unter diesem Symbol auf. Wie kamt ihr darauf?
Thomas: Wir sind nur eine von unzähligen Bands in der antifaschistischen Gemeinschaft, die dieses Zeichen nutzen. Erstmalig traf ich auf dieses Zeichen in England bei einem Konzert von Chumbawamba, bevor sie „Tubthumping“ veröffentlicht haben. Natürlich auch danach, aber auf jeden Fall vor diesem Album waren sie eine beeindruckende anarchistische Band. In der Vergangenheit benutzten eine Menge Bands speziell in Europa das Symbol, und jetzt sind wir die einzige Band damit. Es ist wichtig, den Hintergedanken aufrecht zu erhalten, denn das Zeichen steht für eine gesellschaftliche Bewegung, die damals von den Sozialdemokraten in Deutschland initiiert wurde, um auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Was passieren kann, ist hinlänglich bekannt. Wir waren jetzt zehn Mal in Europa auf Tour und haben im letzten November zum ersten Mal ein Konzentrationslager besichtigt. Wir waren in Dachau und gingen durch eine Ausstellung, in der wir dieses Symbol entdeckten. Darunter befanden sich Informationen in fünf verschiedenen Sprachen, die uns sehr interessiert haben. Weißt du, für mich steckt hinter der ganzen Sache einfach mehr als nur die Musik oder eine Band, es geht darum, dass die Leute für die gute Sache an einem Strang ziehen.

Ich erinnere mich an einen Artikel im Internet, in dem stand, dass die US-Armee Rekrutierungszelte auf der Vans Warped Tour platziert hatte. Wie kann das angehen?
Thomas: Du denkst vielleicht, dass es unglaublich ist. Ehrlich gesagt taten wir es auch, aber dieser offensichtliche Widerspruch in sich dokumentiert genau das, zu dem die Vans Warped Tour in den letzten Jahren entwickelt hat. Es ist ein riesiges Spektakel mit vielen Bühnen und Punkrock-Bands, mit Tierschutz-Ständen und einigen guten Ideen. Lokale, ehrenamtliche Organisationen präsentieren sich. Ich habe damals sogar bei einigen von diesen Vereinen angerufen und gefragt, ob sie sich nicht auch vorstellen möchten. Schlimmer Weise folgt die Warped Tour dem Ruf des Geldes. In den jungen Jahren der Tour war Punkrock noch richtig groß, was er leider heute nicht mehr in diesem Maße ist. Deswegen hört man jetzt zunehmend Emo, Screamo und Metal auf der Warped-Tour, und die Punkbands treten nur noch auf den kleinen Bühnen auf und fühlen sich fremd. Als Punkband ist man aktuell eben nicht mehr ein wichtiger Teil der Show. Der Nachwuchs hingegen kommt in Scharen, weil sie denken, dass die Warped Tour ein Teil einer Jugendbewegung sei. Dabei ist es überhaupt nicht gut für sie, denn die Kids werden von dem Aufwand fast erschlagen. Das Gelände ist wie eine riesige Einkaufspassage. Wer sich ein Zelt leisten kann, der ist mit von der Partie. Okay, Nazis sind wohl nicht gerne gesehen, aber ansonsten ist vieles möglich. So tauchten eines Tages auch Soldaten der Armee auf, die den Nachwuchs für das Militär anwerben wollten. Während unseres Auftritts riefen wir dazu auf, sich nicht in die Liste einzutragen und potentielle Kadidaten davon zu überzeugen, dass sie ebenso handeln sollten. Des Weiteren wurde deren Zelt blockiert und den Soldaten mitgeteilt, dass sie nicht willkommen seien. Es hatte funktioniert. Die Kids werden sogar in der Highschool angesprochen, andererseits wird es Organisationen wie „Military Free Zone“ untersagt, sich auf dem Gelände öffentlicher Schulen zu präsentieren. Deswegen müssen sie sich vor der Schule aufhalten, um Eltern zu informieren oder Flyer zu verteilen. Wo bleibt das Recht der freien Meinungsäußerung, wenn der einen Partei die Werbung erlaubt wird, der anderen hingegen nicht?

Wir haben die letzte Frage erreicht: Sehen wir euch in etwa sechs Monaten wieder?
Thomas: Wenn ihr in etwa sechs Monaten nach England reist, dann seht ihr uns wieder. In der Weihnachtszeit werden wir dort eine Woche unterwegs sein.

Thomas, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

INTERVIEW: Jack

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