Interview

ROCKENDE UNBEKANNTE

UNWRITTEN LAW
20.05.2007, Hamburg

Quasi ein Fremdkörper hierzulande sind Unwritten Law, denn obwohl die Band bereits zu Beginn der 90er Jahre ins Leben gerufen wurde und durchaus erfolgreiche Alben auf den Markt brachte, lief in europäischen Gefilden nicht viel, genauer gesagt fast gar nichts. Spärliche Auftritte, schlecht vertriebene Platten – es machte den Anschein, als würde die Band sich militant auf den amerikanischen Markt fixieren. Dementsprechend rar gesät sind auch die Informationen rund um die mittlerweile vierköpfige Punkrock-Combo. Es gibt also eine Menge Nachholbedarf, dem Bassist Pat „PK“ Kim den Kampf ansagt.

Wie sieht es derzeit bei euch aus? Ich habe gehört, dass ihr momentan für eine Plattenfirma namens Abydos Records Aufnahmen macht.
PK: Wir stehen kurz vor einer Tour durch die USA. Wir sind lange nicht mehr in den Staaten unterwegs gewesen, dementsprechend wir alle heiß darauf, ein paar Konzerte zu spielen und mit den Fans Kontakt aufzunehmen. Was die Aufnahmen betrifft: Richtig, wir wurden praktisch von jeder Plattenfirma fallen gelassen, auf der wir uns befanden. Also haben wir uns dazu entschieden, „The Hit List“ über Abydos Records in Eigenregie herauszubringen.

Wo du gerade „The Hit List“ erwähnst: Was hat echt dazu veranlasst, die alten Songs neu einzuspielen, anstatt in bekannter Best Of-Manier einfach ein paar Originalsongs zusammenzustellen?
PK: Ein triftiger Grund für dieses Album ist, dass quasi jedes unserer Studioalben auf einem anderen Label veröffentlicht wurde, und es folglich ein kostspieliger Alptraum gewesen wäre, die ganzen Rechte für die Songs zusammen zu bekommen. Des Weiteren gefiel uns die Produktion einiger älterer Songs nie wirklich, weswegen es für uns Sinn machte, diese neu einzuspielen.

In eurer Vergangenheit gab es zahlreiche Veränderungen im Line-up, beispielsweise wurde Gründungsmitglied Wade Youman am Schlagzeug von Tony Palermo ersetzt. Fühlt ihr euch immer noch als die Unwritten Law von einst oder hält bei euch mittlerweile ein unternehmerischer Geist Einzug, bei dem Abtrünnige einfach von neuen Leuten ersetzt werden, um die Sache am Laufen zu halten?
PK: Wir sind definitiv eine andere Band als zu Beginn – unabhängig von den Besetzungswechseln. Man muss immer in Betracht ziehen, dass wir mittlerweile seit über einem Jahrzehnt zusammen Musik machen, in dem wir uns musikalisch und menschlich weiter entwickelt haben. Natürlich ist die Band zu einer Art Unternehmen geworden – so traurig es klingen mag – und nicht jede Entscheidung, die wir getroffen haben, war positiver Natur. Aber um als Band weiter intakt arbeiten zu können, mussten wir handeln. Wir lieben die Musik, und das fühlen wir auch als Band, die sich ständig neu entfaltet und frisch bleibt. Wenn man sich unsere Platten anhört, kann man sicher nicht sagen, dass sie alle gleich klingen.

Vor kurzem schien es arge Probleme mit dem langjährigen Bandmitglied Rob Brewer gegeben zu haben, die ihren Höhepunkt in einigen ausgeschlagenen Zähnen bei Sänger Scott Russo fanden. Wie konnte das passieren?
PK: Weißt du, die Geschichte passierte vor einigen Jahren, und aus Respekt vor Rob und der Band möchte ich diese nicht wieder aufwärmen. Nur soviel: Ja, es gab eine heftige Auseinandersetzung. Und ja, Rob gehört nicht mehr der Band an. Diese Tatsache zu erklären wäre so, als müsstest du erklären, warum es zwischen dir und deinem Bruder zu einem Kampf gekommen ist. Es passierte einfach, und nun ist das Thema gegessen. Vor kurzem habe ich mit Rob gesprochen. Ihm geht es jetzt besser, und er meistert sein Leben.

Da ihr beschlossen habt, ihn nicht zu ersetzen, übernimmt Scott bei Konzerten die Rolle des zweiten Gitarristen?
PK: Ja, Scott greift ungefähr bei der Hälfte der Songs zur Gitarre. Er hatte schon immer Gitarre gespielt, also war es für ihn kein Problem, dies auch live zu machen. Das ist auch gut so, denn einige Songs schreien förmlich nach zwei Gitarren.

Einst habt ihr mit schnellen Punkrock-Nummern angefangen, jetzt geht ihr wesentlich gedrosselter und relaxter zu Werke. Da drängt sich die übliche Frage nach dem Reifeprozess auf…
PK: Ich würde unsere Musik nicht als „weich“ oder „relaxt“ bezeichnen, nur weil wir nicht mit 200 Beats per Minute spielen. Punkrock zu spielen bedeutet nicht automatisch, schnell zu spielen. Ein Reifeprozess ist mit Sicherheit auszumachen, was die Entwicklung unserer Songs betrifft. Meiner Meinung nach gibt es nur eine Punkrock-Band, die immer wieder nach dem selben Strickmuster Musik machen konnte ohne langweilig zu werden: die Ramones.

Eure Fans fordern auf Konzerten den schnellen Klassiker „CPK“. Besteht die Möglichkeit, in Zukunft einmal wieder ein paar schnellere neue Songs von euch zu hören? Schließlich habt ihr mit Tony Palermo einen Schlagzeuger an Bord, der sich mit dem hohen Tempo bestens auskennt.
PK: Selbstverständlich spielen wir live unsere älteren Songs. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Nur, weil wir keine Überschall-Songs schreiben, bedeutet es nicht, dass wir die alten Nummern nicht mehr mögen oder ihnen den Rücken gekehrt haben. Sie sind der Grund dafür, dass wir heute dort stehen, wo wir sind. Ach ja, Tony kann übrigens höllisch schnell spielen!

Interscope Records haben mit „20th Century Masters: The Millenium Collection“ ein weiteres Best Of-Album von euch veröffentlicht. Geschah dies im eurem Sinne oder ähnelt es eher einem Alleingang des Labels? Ist letzteres der Fall, wie stehst du zu dieser Verkaufsstrategie – auch unter dem Aspekt, dass auf dem Album lediglich zwölf Songs vertreten sind?
PK: Ich würde diese Veröffentlichung nicht strategisch, sondern tragisch nennen. Die Sache ist vergleichbar mit dem großen Fisch, der den kleinen Fisch fressen möchte. Ich finde es traurig, dass sie unsere Fans und ihre Kunden, die allesamt ihr hart verdientes Geld für Unwritten Law ausgeben, solch ein armseliges Produkt zumuten. Interscope Records hatten nur die Rechte an unserem selbstbetitelten Album und an „Elva“ und haben tatsächlich aus diesen beiden Scheiben ein Best Of-Album gemacht. Wen möchten sie bitte damit verarschen? Um es klar zu stellen, sie hatten von uns auf keinen Fall den Segen, diese Veröffentlichung herauszubringen. Ich glaube, dass sie es aus reiner Boshaftigkeit gemacht haben, was ich sehr traurig finde.

Ihr habt auch ein Akustik-Album namens „Music In High Places“ vor einigen Jahren veröffentlicht. Was bewegte euch dazu, eure Instrumente auszustöpseln und zum Yellowstone Park aufzubrechen, um nicht nur eine CD, sondern auch eine DVD aufzunehmen?
PK: Uns wurde angeboten, in High Places Musik zu machen, und da die meisten unserer Songs mit der Akustikgitarre entstanden sind – warum nicht? Es stellte für uns eine große Herausforderung dar, alles auf ein Minimum zu reduzieren und trotzdem gut zu klingen. Ich denke, wir haben es hinbekommen. Die Aktion war eine großartige Erfahrung und einer der erinnerungswürdigsten Momente, die ich mit dieser Band erlebt habe, ein wahres Highlight! Außerdem bin ich der Meinung, dass noch keiner aus der Band vorher an diesem wunderschönen Ort war.

Im Vergleich zu vielen Bands habt ihr in Europa – speziell in Deutschland – was das Touren betrifft mit jeder Menge Abwesenheit gestraft. Wo liegen die Gründe? Und wird es in naher Zukunft für uns die Gelegenheit geben, euch live auf der Bühne zu sehen?
PK: Richtig, wir waren bislang nur zweimal bei euch auf Tour. Gründe dafür kann ich nicht wirklich nennen, denn beide Male hatten wir eine großartige Zeit. Das letzte Mal waren wir mit den Toten Hosen unterwegs. Die Shows waren wirklich unglaublich. Wir hatten mit ihnen vorher schon zusammen auf der europäischen Version der Vans Warped Tour gespielt, aber damals konnten wir uns überhaupt nicht ausmalen, wie groß die Band in ihrer Heimatstadt ist. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die Fans außer Rand und Band waren. Es fühlte sich an wie bei einem Fußballspiel mit Kneipenkollegen – es war einfach unglaublich. Die Toten Hosen und deren Fans waren allesamt sehr nett zu uns. Heilige Scheiße!

Ein deutliches Schlusswort. PK, vielen Dank für das Interview.

INTERVIEW: Jack

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