Interview

WER MECKERT, DER PUTZT

RENTOKILL
13.05.2007, Wien

Wer im Studio zuviel herumnörgelt, muss den Bandbus putzen. Auf diese Weise scheinen zumindest die Mäkeleien im Hause Rentokill sanktioniert zu werden. Der österreichische Punkrock-Vierer machte bereits vor einigen Jahren mit seinem Debüt „Back To Convenience“ auf sich und – gemeinsam mit einigen Kollegen – auf die musikalischen Qualitäten der Alpenrepublik aufmerksam. Nachschub gibt es nun in Form eines neuen Albums namens „Antichorus“, das erneut sehr zu gefallen weiß. Wie einer Band so etwas gelingt  und was außerdem noch bei Rentokill auf der Tagesordnung steht, berichtet Sänger und Gitarrist Jack.

Euer neues Album „Antichorus“ steht in den Startlöchern. Gab es – was den Prozess des Songwritings betrifft – Unterschiede im Vergleich zu dem Vorgänger „Back to Convenience“?
Jack: Definitiv – nachdem unser jetziger Gitarrist und Bassist erst Anfang 2003 eingestiegen sind, war das Songwriting von deutlich mehr Versuchen und auch äußeren Einflüssen geprägt als zwei Jahre später. Schließlich mussten wir musikalisch erst zueinander finden. Ich denke, das neue Album hat diesbezüglich eine deutlichere Linie, da wir uns über Sound und musikalische Richtungen klarer waren. Andererseits haben wir viel mehr herum probiert und uns vor allem beim Gesang mehr Zeit gelassen im Studio. In irgendeiner Form ist ein neues Album doch immer Neuland – zum Glück.

Ich gehe einmal davon aus, dass ihr mit dem neuen Werk hundertprozentig zufrieden seid. Oder gibt es im Nachhinein noch Dinge, die ihr euch jetzt bereits in Bezug auf euer nächstes Album verbessern werdet?
Jack: Nun, hundertprozentige Zufriedenheit hieße doch Stagnation, oder nicht? Wir haben bei den Aufnahmen sehr viel gelernt, in diesem Sinne können wir beim nächsten Mal sicher etwas verbessern. Außerdem sind wir viel zu sehr aktiv im Produktionsprozeß, um am Ende zufrieden zu sein. Ich glaube, wenn man mit einem Produzenten oder ähnlichem arbeitet und viele Entscheidungen aus der Hand gibt, wird man das Ergebnis aus sichererer Entfernung betrachten können und in diesem Sinne auch leichter zufrieden sein, weil man mehr Abstand hat. Ich für meinen Teil habe mir angewöhnt, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr ständig zu hinterfragen, denn sonst kann man das Ding ja nie abschließen. Wie schon Picasso sagte: „Das Bild wird nie fertig, ich höre einfach auf zu malen.“

Unter den 15 Songs befinden sich dieses Mal auch zwei kurze Einspieler namens „Abandoning Democracy“ und „Abandoning The Natural Habitats“. Welche Idee steckt hinter diesen Statements?
Jack: Die musikalische Idee kam von einem instrumentalen Stück, das wir mehrmals auf der Platte haben wollten, quasi als Auflockerung. Uns hat die Stimmung ganz gut gefallen, und so entstand die Idee, das als Vorläufer zu zwei Songs zu nehmen, zu denen die Stücke harmonisch passten – inhaltlich sind die gesprochenen Texte daher auf die nachfolgenden Songs bezogen. Vor „Collection Complete“ geht es um die Infragestellung demokratischer Entscheidungen in einem Mehrheitswahlsystem, und „Abandoning The Natural Habitats“ bildet die Einleitung zum sehr umweltpolitisch orientierten Stück „Para Fin[e]“

Ihr seid mittlerweile seit elf Jahren als Band unterwegs. Wie kommt es, dass bisher erst zwei Alben dabei herausgekommen sind?
Jack: Nun ja, die Bandgründung liegt inzwischen tatsächlich elf Jahre zurück. Wir hatten einige Zeit gebraucht, um mal unsere Instrumente einigermaßen zu spielen und dann nochmals einige Zeit um zu kapieren, dass man gewisse Sachen schon selber in die Hand nehmen muss, damit etwas passiert. Schließlich war jeder von uns an einem Punkt angekommen, an dem man gewisse Entscheidungen trifft, Prioritäten im Leben setzt, und das war jener Punkt, an dem damals zwei Leute die Band verließen, nachdem wir uns sagten „ganz oder gar nicht“. Parallel dazu kam damals erst die Sache mit dem Neustadtpunk.net-Kollektiv ins Rennen, das Johnny Amok selbstlos aber konsequent betreibt, und von daher ist plötzlich mehr passiert in unserer näheren Umgebung. So etwas hilft natürlich dabei, den eigenen Arsch in die Höhe zu kriegen. Außerdem hatten wir das Glück an einigen anderen österreichischen Bands zu sehen, dass es sehr wohl möglich ist, viele Konzerte – vor allem auch über die Landesgrenzen hinaus – zu spielen, und in der neuen Besetzung waren viele Konzerte dann plötzlich auch möglich. Das erste volle Album kam dann auch erst ein Jahr nach der Umbesetzung raus, insofern sehen wir 2003 als Neustart, und zwei Alben in vier Jahren find ich gar nicht mal so schlecht.

„Back To Convenience“ ist unter anderem von Vitaminepillen Records veröffentlicht worden. Rückblickend gesehen, war es ein richtiger Schritt für euch, dieses Album einem Label anzuvertrauen, das in den letzten Jahren nicht wirklich aktiv in Sachen Neuveröffentlichungen gewesen ist?
Jack: Also, dass Vita mit unserer Platte die letzte Veröffentlichung machen sollte, abgesehen vom letzten Sampler, konnten wir zu damaligen Zeitpunkt nicht wissen. Ich kann rückblickend auch nicht sagen wie Ralf mit Veröffentlichungen vor fünf oder sechs Jahren umgegangen ist, also wieviel Arbeit hineingesteckt wurde, als sich CDs noch deutlich besser verkauften. Wir haben auch im Rahmen der damaligen Veröffentlichung einiges an Promotion selbst gemacht, insofern war die CD über Vita grundsätzlich überall erhältlich, aber ohne konsequente Werbung geht halt nicht viel, und das konnten wir uns damals unmöglich leisten. Heute auch nicht wirklich, um ehrlich zu sein, da braucht es schon Leute, die mit Munition ins Rennen gehen – um das mal so auszudrücken. Weiters ist schwer abzuschätzen, inwiefern mehr Konzerte in Deutschland geholfen hätten, das Release zu promoten, aber das werden wir jetzt stetig nachholen.

In euren Texten gebt ihr euch stets sehr kritisch. Kann man eure Attitüde in wenigen Sätzen zusammenfassen. Und wenn ja, wie würde diese Zusammenfassung lauten?
Jack: Hui, schwierig. Vier Leute in einer Band können sich doch nicht einmal einigen welche CD im Bus laufen soll, wie soll ich da EINE Attitüde zusammenfassen?Grob gesagt: viele Konzerte spielen, viele Menschen treffen, viel austauschen, viel dazulernen. Viel Spaß haben, ohne daß jemand andres draufzahlt. Man kann auch „FairTrade“ konsumieren. Man kann auf jeden Fall ohne tote Tiere überleben. Man kann Schritte in Richtung einer nachhaltigen Lebensweise setzen. Man kann Musik machen ohne sich an exklusive, profitorientierte Leute zu verkaufen. Man kann noch soviel machen und hat nur sowenig Zeit.

Nicht nur der Albumtitel „Antichorus“ spricht eine deutliche Sprache: Es geht darum, eine Kontraposition einzunehmen. Habt ihr auch etwas Lobenswertes auf den Lippen?
Jack: Na ja, es ist immer einfacher sich über Sachen aufzuregen als zu loben. Manche Leute meinen, der Mensch sähe immer nur das Negative, aber das glaube ich nicht. Dennoch finde ich es schwierig, das persönliche Engagement einzelner Personen zu loben, während der Staat auf voller Linie versagt, wenn ich mir zum Beispiel die aktuelle Asylrechtssituation in Österreich ansehe. Der Titel „Antichorus“ allerdings ist eher zweischneidig zu sehen, denn ich halte das blinde Einnehmen von Kontrapositionen für eine gefährliche Sache im Schatten des modernen Medienzirkus. Wenn sich Leute dem Punk oder wem auch immer nur verschreiben um jugendliches Anderssein zu leben, dann hat das der Gesellschaft zehn Jahre später nicht viel gebracht, oder? Wenn Leute ihre Wahlentscheidungen aufgrund der Anzahl von Wahlplakaten treffen, oder einfach nur dagegen sein wollen, findet nie ein konstruktiver Prozeß statt, denke ich. Trotzdem sind einige Tendenzen des Umdenkens in der Gesellschaft zu spüren, vor allem wenn es um so globale Themen wie Klimaerwärmung oder nachhaltige Wirtschaft geht. Schließlich sind wir als Kinder der unumstrittenen Wohlstandsgesellschaft stets bemüht, auch unseren eigenen Vorteil zu sehen, und somit kann das Aufzeigen von Unbehaglichkeiten sehr wohl dazu führen, dass Menschen beginnen ihr angestammtes Leben zu hinterfragen und auch zu ändern.

Auf eurer Myspace-Seite erklärt ihr, dass ihr unter anderem vom täglichen Leben beeinflusst werdet. Wie sieht dieses aus?
Jack: Nun, auf der Myspace-Seite steht, dass wir mitunter beschäftigt sind mit unserem täglichen Leben, und daher nicht immer gleich auf alle Messages antworten können. Das hat damit zu tun, dass wir ab und zu mal Musik machen wollen, Freunde treffen, Jobs haben. Ich finde es interessanter, bei einem Bier über irgendwas zu philosophieren, oder sich eine Dokumentation anzusehen als MySpace-Friends zu adden. Unser tägliches Leben sieht wohl nicht viel anders aus als das der meisten anderen Leute auch...

Ihr befindet euch in nächster Zeit mehrere Monate quasi durchgehend auf Tour. Wie schafft man es – beziehungsweise mit welchem Einsatz und welchen Entbehrungen ist es verbunden – einen derartigen Marathon auf die Beine zu stellen?
Jack: Also ich sehe das mit den Entbehrungen relativ. Manche Leute haben Lust auf eine tägliche Dusche oder ein weiches Bett, das kratzt mich alles nicht so. Wenn man die Gelegenheit hat, neue Länder zu sehen, neue Leute zu treffen oder anderswo gute Konzerte zu spielen, ist das mehr Entlohnung als genug. Ein interessantes Ziel wäre, dass sich das Ganze auf Dauer rechnet oder zumindest die Kosten einspielt. Das war auf unserer jüngsten Tour durch Spanien und Frankreich leider nicht der Fall. Wir haben unseren eigenen Bus, und die alte Dame kostet manchmal ganz schön... Aber mal sehen, nach der Release-Tour in Österreich geht’s ab Mitte Juli wieder ab nach Belgien, Holland und England, und danach steht Deutschland auf dem Programm. Jede Show hat ihren eigenen Reiz, und alles in allem stehst du am Ende da mit Erfahrungen, die sehr vielen Menschen verwehrt bleiben, und die dir niemand wieder wegnehmen kann.

Leider stehen bislang keine Termine im hohen Norden Deutschlands zur Debatte. Wann werden eure Fans in dieser Region in den Genuss kommen, euch live auf der Bühne zu erleben?
Jack: Im September stehen mal zwei Wochen nur in Deutschland an, da werden wohl hoffentlich auch Shows im hohen Norden dabei sein, denn da waren wir tatsächlich noch nie. Ich hab aber momentan keinen konkreten Einblick in Details, da eine Freundin das von Deutschland aus übernimmt. Anfragen können natürlich gerne gestellt werden an: one-slut(at)militia-agency.net. Außerdem planen wir eine gemeinsame Tour mit Enemy Alliance aus Schweden, einer neu gegründeten Band von Mitgliedern von Satanic Surfers und Venerea. Allerdings steht das noch in den Sternen, nachdem die Jungs Anfang September schon eine eigene Tour anstehen haben. Aber wenn das was wird, führt der Weg nach Schweden zwangsläufig auch durch den Norden Deutschlands. Wir sind sehr gespannt, und freuen uns auf jeden Fall auf die Konzerte!

Hörsturz: Wir ebenso. Vielen Dank für das Interview!

Impressum © 2006 hoersturz.net