Konzertbericht

ES WÄCHST 

HURRICANE FESTIVAL 2003
20.06. - 22.06.2003, Scheessel

Es ist eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt über dieses Festival, gelegen im Bermuda Dreieck Hamburg – Hannover – Bremen, berichten. Denn es geschah im Vorwege genau das, was man sich nicht wünscht, wenn man eine Reise macht - eine Autopanne und zwar zwei Kilometer von zu Hause entfernt. Also am besten mal die Werkstatt angerufen und einen Mechaniker bestellt. Man sichert uns zu, dass in spätestens 20 Minuten ein talentierter Kollege da sei. Nach 120 Minuten (das sind exakt 7200 Sekunden) hat sich noch immer kein Mitarbeiter von dieser Werkstatt unserem Problem angenommen, wir versuchen noch einmal telefonisch jemanden zu erreichen, jedoch meldet sich nur der Anrufbeantworter „Sie rufen leider außerhalb unserer Geschäftszeiten an“... Vielen Dank an dieser Stelle noch mal an die Fiat Werkstatt in Itzehoe für deren Auffassung von Service. Zum Glück halfen uns die gelben Engel und binnen fünf Minuten war unser Auto wieder fahrbereit. Nach dem üblichen Stau vor dem Elbtunnel und einer endlos langen Umleitung über die Dörfer kamen wir so gegen 22 Uhr (nach fast neun Stunden!) in Scheeßel an. Dummerweise fehlte die obligatorische Zeltstange, ohne die es unmöglich war, das große Zelt aufzubauen. Als wäre es an diesem Tag nicht schon genug Bestrafung gewesen, drei Igluzelte im Stockdunkel aufzubauen, brachen zudem die Wolken auf und es schüttete wie aus Eimern. Keine schönen Umstände für ein Happening dieser Art, wobei dieses nichts mit der Organsiation zu tun hat, denn diese empfand ich dieses Jahr als die Beste in der ganzen Geschichte des Hurricane Festival. Nach einigen Bieren und der Fertigstellung der Behausung kam dann auch das Sandmännchen und schickte uns in die Schlafsäcke.
Am nächsten Morgen konnten wir uns schon auf die ersten musikalischen Schmankerl freuen, die an diesem Freitag auf beiden Bühnen stehen sollten. Den Anfang auf der Hauptbühne machten „Pinkostar“, die ich nicht gesehen habe, die aber angeblich ein gutes Rockkonzert gaben. Zur fast gleichen Zeit läuteten „Venus Hum“ die Konzerte auf der Zeltbühne ein. Der Showpraktikant Elton durfte wohl das wuchtigste Rock-Brett des ganzen Tages ansagen, nämlich die Irische Band Thearpy?,

Sehr auffallend an dem diesjährigen Line up, war dass proportional viele Acts aus dem kleinen Land Island kamen. Auch das Sounkollektiv „Gus Gus“ sind Bewohner dieses Landes - scheinbar hatten sie die Ruhe weg, denn ihr Konzert begann ca. 20 Minuten später als geplant, womit sich der ganze Zeitplan im Zelt nach hinten verschob. Das ärgerliche dabei ist, dass sich auf einmal die Konzerte auf den beiden Bühnen fast zeitnah überschneiden und so begann mein persönlicher Kampf. Welche Band schaue ich mir an? Ring frei! Also. Die erste Runde bestand aus eben genannten „Gus Gus“ und „“Starsailor“. Da mich die Platte von der letzteren Band durch den Herbst und Winter des Jahres 2001 begleitete, schaute ich mir dieses Konzert an. Leider musste man feststellen, dass „Starsailor“ nicht so recht begeistern konnten. Zwar haben sie ihre Hits wie Alcoholic“ gespielt, doch irgendwie wirkten die meisten Songs ein wenig blutarm. Einer der wenigen Höhepunkte war „Poor Misguided Foll“ - dieser Song kam recht freudig herüber und mit dem Einbinden des Mama´s and Papa´s Evergreen „California Dreaming“ sprang auch der Funke kurzfristig über. 20:20 also zwanzig Minuten später begann der Auftritt von „Goldfrapp“. Man war sicherlich gespannt wie das Konzert sein wird, denn lockte Alison uns mit dem Debüt „Felt Mountain“ in eine klare Wunderwelt mit Berglandschaft, so stieß sie uns mit dem zweiten Streich heraus aus der Naturkulisse und rein in die zwielichtige Umgebung einer Großstadt. Diesmal war keiner der Musiker mit Lois Trenker-Bekleidung ausgestattet und auch Alison sah nicht aus wie eine Elfe. Stattdessen legere Kleidung. Man muss eingestehen, dass Songs aus dem Debut wie „Lovely Head“ und „Utopia“ mit dem richtigen Ambiente mehr Magie versprüht hätten. Dadurch wirkten aber die neuen Songs intensiver. Nach dem Konzert schlenderte ich rüber zur Hauptbühne um die „Tocos“ zu sehen. Diese sind kurzfristig für Billy Corgan´s „Zwan“ eingesprungen. Und mit Konzerten von „Tocotronic“ ist das immer so eine Sache - entweder sind sie grandios oder miserabel. Einen Mittelweg habe ich bei Konzerten der Hamburger Jungs leider (oder zum Glück) noch nie erlebt. Diesmal war es ein misslungenes Konzert. Dabei darf man aber den drei Jungs von „Tocotronic“ nicht die Hauptschuld geben. Der Hauptschuldige war eindeutig der Mann am Mischpult. Vielleicht war es ja auch der Mischer von „Zwan“, der gedacht hatte seine Schützlinge spielen da unten. Da nütze es auch nicht viel, dass die Nordlichter Songs aus allen Phasen Ihres Schaffens präsentierten. Der miese Klang war dann doch so überwiegend, dass man nicht so recht Freude am Konzert gefunden hat.
Inzwischen fanden die Konzerte auf der Hauptbühne und im zelt gleichzeitig statt. Doch diesmal war die Endscheidung schnell gefallen. Statt sich den Massen-Crossover der Göttinger Band „Guano Apes“ anzutun, zog ich das Angebot vor, die beiden Nerds von Röyksopp zu erleben. Und es hat sich gelohnt und das nicht nur, weil hier der Mann am Mischpult Ahnung hatte und unsere Ohren mit einem Wohlklang überflutete. Nein, auch die beiden Norweger versetzten mit ihren Hits aus ihrem Album „Melody A.M“ das ganze Zelt in beste Partystimmung. Wer bei Tracks wie „Eple“, „Poor Leno“ und „Remind me“ nicht mal mit den Füßen gewippt hat, muss vermutlich mit einem Eisberg verwandt sein. Es ist erstaunlich, dass eine so einfache Kombination so eine große Wirkung haben kann - Svein Berge am Schlagzeug und Torbjorn Brundland verschanzt hinter einen Berg an PCs und anderen elektronischen Geräte. Dazu hatten sie wieder einen Gitaristen dabei. Einziges Manko war, dass „Röyksopp“ nur sporadisch den Kontakt zum Publikum suchten. Eigentlich schade, denn Torbjorn hatte früher in der Schule sogar Deutsch Unterricht. Trotzdem war dieses einer der besten Auftritte auf dem diesjährigen Hurricane. Nach dem Konzert war aber noch lange nicht Schluss. Durch die Zeitverschiebung im Zelt waren kurzfristig beide Bühnen leer, was ein wahrer Segen für die Bierstände war. Auch ich holte mir so einen kühlen Gerstensaft allein schon aus den Hintergrund, dass es in meinen Kopf wieder „Ring frei!“ hieß. Diesmal „Coldplay“ versus „Beth Gibbons and Rustin Man“. Beide haben uns schöne Platte geschenkt, die uns zutiefst berührt haben. Den Kampf hat „Beth Gibbons“ gewonnen, aber nur unter der Voraussetzung auch einen kleinen Teil von „Coldplay“ zu lauschen. Doch erst einmal musste man zu den 30 Minuten Wartezeit noch weitere 10 Minuten in Kauf nehmen. Man könnte diese Verzögerung ja damit rechtfertigen dass die Künstler darauf bedacht sind, dem Publikum einen möglichst guten Klang zu liefern. Was gerade im Fall von Beth Gibbons & Rustin Man sicherlich ein sinnliches Ereignis wäre. Doch was bei den ersten Songs aus den Boxen kam, ließ nur eine Vermutung zu: der Mischer von „Tocotronic“ bzw. vielleicht doch der von „Zwan“ treibt hier Schindluder. Denn am Anfang konnte man z.B. ein Störgeräusch entnehmen, welches entsteht, wenn man einen Stecker vom Mischpult zieht und dabei aber der Lautstärkeregler an ist. Somit hat der Mann an den Reglern den schönen Song „Mysteries“ leider verhunzt, doch so nach drei Stücken war das Soundproblem nicht mehr vorhanden. Und so konnte man die „Portishead“-Sängerin wie gewohnt sehen, wie sie mit beiden Händen sich an den Mikroständer stützt und singt, fleht, wimmert, raucht und leidet. Fast alles sehr leise vorgetragen, was eigentlich schön ist, aber auf diesem Festival einen bitteren Nachgeschmack hat. Denn während des ganzen Auftrittes konnte man den Bass von „Coldplay“ hören und die sind ja nicht wegen enormen Lärmpegels auf Konzerten bekannt geworden. Es war auch nicht enorm laut auf der Bühne aber scheinbar laut genung um die leisen Töne von Beth Gibbons & Rustin Man zu überlagern - selbst bei dem verhältnismäßig lauten „Tom the Model“. Im Gegensatz zu ihrem recht gutgelaunten Auftritt im Hamburger Delfi Showpalast wo Beth anschließend sogar brav einige Hände geschüttelt hatte, schien sie heute ihre bekannte Distanz zu halten. Als ich aber aus dem Zelt kam, musste ich zwei Dinge feststellen: zum einen, dass es draußen schon ziemlich dunkel war und zum anderen, dass Coldplay auch schon fast am Ende waren.
Deshalb fanden nur noch ein paar wenige Hits den Weg in mein Gehörgang und mein Blick fiel von weitem auf Chris Martin, der mal am Piano saß oder die Bühne von rechts nach links abwanderte. Schade eigentlich, dass ich nur ein kleinen Teil des Konzert wahrnehmen konnte. Na gut, wie ich eben geschrieben habe, konnte ich im Zelt einige Hits (z.B.“Trouble“ und „In my Place“) der britischen Melancholiker trotzdem lauschen.
Da bekannter Weise die Zeltbühne nachts erwartungsgemäß aus allen Nähten platzt, habe ich mich entschlossen, zeitig in dieses zu gehen um noch einen vernünftigen Platz abzubekommen. Das war gegen 01.20 Uhr. Es war mir ja auch bekannt, dass an dieser Bühne alle Konzerte eine Verspätung von ca. 40 Minuten hatten. Der Anblick der mit aufbauenden Roadies bestückten Bühne schien Einigen nach dieser Wartezeit nicht zu gefallen und machten mit Buh-Rufen und Pfiffen ihren Unmut Luft. Doch es dauerte noch rund 30 Minuten bis die Isländer die Bühne betraten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Zelt schon spürbar geleert und man hatte genügend Bewegungsfreiheit. Weniger Freiraum hatten „Sigur Ros“, denn diese haben noch ein kleines Streichorchster namens „Amina“ auf die Bühne geholt. Eine ideale musikalische Ergänzung wie man im Verlauf des Konzerts feststellen musste. Es ist erstaunlich, dass so ruhige, wabernde und atmosphärischer Sounds einen so mächtig mitreißend können, auch wenn das Konzert im Hamburger Kampnagel einen noch viel mehr mitgenommen hat als dieser Festival Auftritt. Das liegt zum größten Teil daran, dass bei den Hallenkonzerten „Sigur Ros“ viel mit visuellen Effekten und Leinwandpräsentation arbeiten, das geht halt auf ein Open Air-Gig nur bedingt. Trotzdem schafften sie es, dass das Publikum die lange Wartezeit vergaß, denn sie haben alle relevanten Werke gespielt, die Titelnamen ersparen wir uns an dieser Stelle, da diese wahrscheinlich eh nur verwirren würde. Erwähnenswert ist das Ende des Konzertes, das so gegen 3:30 Uhr war - die Zuschauer und Hörer forderten Zugaben und die Band kam auch wieder zurück, doch statt nochmal die Instrumente klingen zu lassen verbeugten sie sich brav. Eines der besten Konzerte auf diesem Festival und ein gelungener Konzertabschluß für den heutigen Tage. Wer wie ich noch genug Energie hatte, der ging noch ein bisschen abzappeln im Discozelt zu Standard Partysongs, die am zweiten Abend noch für Stimmung sorgten. Und ich blieb bis die Sonne wieder aufging.

Am nächsten Tag aufgewacht, spürte ich, dass die vergangene Nacht noch nicht so lange her war. Und deshalb beschloss ich erstmal den Grill anzuschmeißen und den Tag mit Wurst, Kartoffelsalat und Bier zu begrüßen und anschließend noch ein wenig auszuspannen. Was zur Folge hatte, dass ich Cellophane Suckers, Union Youth, Underwater Circus verpasst habe und auch keinen kannte, der diese Bands gesehen hatte. „Good Charlotte“ habe ich zwar auch nicht gesehen, aber meine Informanten teilten mit, dass allerhand Mädels vor Konzertbeginn den Bandnamen zugerufen hatten und aus dem Häuschen waren, als sie ihren Hit „LifestyleXXXXXXXXXX“ spielten. Leider verpasste ich auch die kauzigen „Grandaddy“, die ich dieses Jahr aber noch unbedingt sehen will. Ein Vögelchen zwitscherte mir ins Ohr, dass die hierzulande recht unbekannte Holländerin „Anouk“ zwar nicht die Massen begeisterte, aber immerhin Fans aus dem fernen Spanien anlockte.
Um 15 Uhr auf der Hauptbühne spielte eine alte Hurricane-Bekannte, die Ex-Skunk Anansie Sängerin Skin sang sich durch ihr Debutalbum, während 50 Minuten später auf der Zeltbühne die Koblenzer Band Blackmail die Fans begeisterten. Erst gegen 16:20 nahm ich den Konzertmarathon wieder auf und beschloss, mir die vier ausgebildeten Cellisten von „Apocalyptica“ anzuschauen. Wie gewohnt verarbeiteten sie Heavy Metal Hits mit ihren Instrumenten zu klassischer Musik. Und ob „Smoke on the Water“ oder „Enter Sandman“ - die Finnen machten vor nichts Halt, was aus der Hardrock-Ecke kommt und sich irgendwie auf einem Cello spielen lässt. Alles kam gut rüber und man muss sie dafür bewundern, dass sie ihre Instrumente so gut spielen können und dennoch dabei die Mähne so kraftvoll schütteln. Doch der Gesangsauftritt von der „Lambretta“ Sängerin, die den textlich ziemlich dünnen Song „Bimbo“ und zwei weitere Hits vortrug, hätten sie sich auch verkneifen können. Nach dem Konzert galt es aber keine Zeit zu verlieren, denn auf der Zeltbühne fing das Konzert der New Yorker Band „Interpol“ an. Und man muss den vier adrett gekleideten Herren eines lassen, denn mit jedem Konzert werden sie immer souveräner, markanter und wuchtiger. Die Stimme von Daniel Kessler grub sich kräftig durch schnelle Songs wie „Roland“ und PDA“, verstand es aber auch so ruhigeren Stücken wie „NYC“ seine Stimme elegant anzupassen. Die New Yorker spielten all die schönen Hits aus ihrem wunderbaren Debüt „Turn on the bright Lights“ und zusätzlich tauchten noch Songs auf, die weder auf dem Album noch auf einer der Singles zu finden sind. Scheinbar waren das schon die ersten Vorboten zum nächsten Longplayer. Ob die düsteren Herren dann auch einen dauerhaften Mann an den SynthzeiseXXXXr haben, ist auch noch unklar. Als ich sie im Jahr 2001 zum ersten Mal live sah, war der Manager noch selber tätig an den Tasten. Letztes Jahr bediente Bassist Carlos D. dieses Instrument. Doch diesmal war wieder ein völlig anderer Mann an diesem Tasteninstrument. Es bleibt spannend, wer beim nächsten Auftritt diesen Job übernimmt. Da ich das komplette Konzert von „Interpol“ begeistert verfolgt habe, musste ich feststellen, dass ich schon den größten Teil des Auftrittes der Herren um Fat Mike verpasst habe. Zugegeben einige Songs fanden auch den Weg in mein Gehörgang wie „.Franco Un-American“ aus dem aktuellen Werk „The War on Errorism“. Doch dass ich von „NOFX“ nur ein Bruchteil gesehen habe, ist eigentlich eine Schande. Das gleiche gilt für Deutschlands Indie-Helden von „Slut“. Diese habe ich auch nur ein wenig verfolgen können. Das liegt daran, dass man auf einem Festival nicht nur die Musik genießt sondern auch die Gelegenheit ausnutzt, um mit Freunden ein bisschen zu feiern. Und einige Freunde traf ich als ich zu dieser famosen Band gehen wollte. Einige winzige Eindrücke konnte ich aber dennoch einfangen. Zum Beispiel als das griffige Intro zu dem Hit „Easy to Love“ einsetzte und das ganze Publikum vor Begeisterung jubelte und die Hände der Band entgegenstreckte. Da ich aber mit einigen Menschen feierte und das Wetter um ca. 19 Uhr recht schön war, stand ich unter freiem Himmel. Und somit hatte ich die Gelegenheit mir ein wenig den einzigen Hip-Hop Act des ganzen Festivals anzuschauen. Nämlich die Herren der Formation „The Roots“ betraten die Hauptbühne und bewiesen, dass Hip-Hop auch seine Berechtigung auf den Festivalbühnen hat. Die Musiker reicherten den Rap noch mit einer gesunden Portion Jazz an. Damit die Masse vor der Bühne auch geschwind in Bewegung kam, haben sie den alten Sugarhill Gang Heuler „Rappers Delight“ dargeboten und von da an bewegten sich die Leute, die sich in dem abgegrenzten vorderen Bereich befanden. Diese Absperrung kamen dieses Jahr zum ersten mal auf dem Hurricane Festival zum Einsatz und sollen solche Katastrophen wie seinerzeit in Roskilde vermeiden. Für so manch einen Crowd Surfer waren diese Absperrung sicher eine Spaßbremse. Aber ich denke, dass die meisten Besucher für solche Sicherheitvorkehrung Verständniss haben. Bei der kleineren Zeltbühne war solch ein Schutz zwar nicht angebracht - trotzdem ist auch dort das ganze Festival über sicherheitstechnisch alles reibungslos abgelaufen. Auch beim Set der britischen Band „Supergrass“ lief alles glatt. Auch wenn man vor lauter Andrang kaum in das Zelt gelangen konnte, aber darüber muss man sich eigentlich nicht wundern, wenn man die letzte Platte „Life on other Planets“ hört. Schmissige Popsongs, die gemacht sind für ein Publikum. Ob nun die flotte Titel oder langsamere Songs wie „Seen the Light“ - alles funktionierte. Auch ältere Titel wie z.B. „Moving“ vergaßen die Männer mit den lustigen Frisuren nicht. Während im Zelt die Menschen noch zu Britpop schwenkten, erntete einer der heißesten nationalen Acts auf der Hauptbühne Ruhm und Applaus. Und das ganze sah beeindruckend aus, denn die Berliner Jungs von „Seeed“ sind ja bekannterweise nicht wenige. Und die unzähligen Herren stellten klar, dass sie ein famoser Live Act sind. Die MCs waren dauerhaft in Bewegung genauso wie fast alle anderen Beteiligten. Ist aber auch kein Wunder, wenn man solche Hits wie „Dancehall Caballeros“ oder „Music Monks“ geschrieben hat. Klar war auch, dass die Stimmung vor der Bühne kurz vorm Überkochen war. Übergekocht ist die Stimmung dann spätestens bei „Dickes B.“. Zwar war dieses Konzert nicht so grandios wie das im letzten Jahr in Roskilde, aber diesmal war die Bühne auch größer. Und mit großen Bühnen ist es wie mit großen Kochtöpfen, es dauert länger bis es kocht. Warum „The Hellacopters“ im Zelt spielten, ist irgendwie nicht ganz klar, denn das letzte Album „By the Grace of God“ hat so viele Stadion Rock Songs, dass man sie eigentlich auf der großen Bühne hätte spielen lassen müssen. Aus diesem Grund habe ich sie mir nicht angeguckt. Stattdessen habe ich ein Fischbrötchen gegessen (Nochmal ein dickes Lob an die Verkäuferin, die beim zweiten Besuch genau wusste, was ich wollte). Eine Stärkung tat auch Not, denn der Magen wurde langsam unruhig. Zum einem, da er in den letzten Tagen nur spärlich mit fester Nahrung versorgt wurde und zum anderen, weil der letzte isländische Künstler auftrat - man grübelte schon den ganzen Tag - wie ist Björk wohl gelaunt? In was hat sie sich diesmal verwandelt? Und wie wird es sein? Besser als beim letzten Besuch anno 1999? Um die letztere Frage zu beantworten: leider Nein! Zwar war die Bühne wieder interessant aufgebaut -auf der einen Seite allerhand Computergedöns und auf der gegenüberliegenden linken Seite, eine junge Dame zwischen Harfe, Akkordeon und ThereminXXXX. In der Mitte ein kleines Streicher- Ensemble, und mittendrin die zierliche Björk. Diesmal trug die Hauptdarstellerin ein für ihre Verhältnisse dezentes schwarzes Satin Kleid. Doch auffallend an ihr waren die beiden grünen Federringe, die um ihre beiden Ohren drapiert waren. Man hat als Zuschauer eigentlich vermutet, dass sie ihre größten Hits spielt, doch wirkliche Hits blieben eher Mangelware bei diesem Konzert. Gut, „Hyperballad“, und Joga“ tauchten zwar auf, waren aber verändert. Ansonsten bestand ihr Set eher aus B- Seiten und einigen „Vespertine“ Songs. Leider vermittelte die Isländerin häufig den Eindruck, dass sie an diesem Tag nicht so viel Lust hatte und unterstrich somit die These, dass sie launisch sei. Schade war auch, dass bei dem Hurricane Auftritt 1999 ein wesentlich besserer Klang aus den Boxen kam. Während bei Björk noch die letzten elektronischen Geräusche aus den Lautsprechern krochen rockte im Zelt die kalifornische Band „Fu Manchu“, die wie fast jedes mal ein anderes Set spielte. Selbstredend war dieses Konzert wieder mal großartig – wie es viele erwartet hätten. Ich bin nicht dabei gewesen, genauso wenig wie bei den „“Mighty Mighty Bosstones“. Widmen wir uns dem letzten Konzert des Tages. Ebenfalls eine Band, die schon mal auf diesem Freilufthappening gespielt haben. Nämlich „Massive Attack“ - mittlerweile zu einer Ich-AG geschrumpft. Doch um dieses auszumerzen sind diesmal Gastmusiker mit von der Partie gewesen. Und erstaunlicher Weise kam der Sound wesentlicher massiver entgegen. Die Setliste bestand größtenteils aus Songs vom neuen Werk „100th Window“. Als Massive Attack das Hurricane Festival das letzte Mal vor vier Jahren beehrten, war das eher eine Selter statt Sekt-Veranstaltung. Diesmal konnte man mehr Schampus schmecken. Dieses ist auch der Multimedia Show zu verdanken, bei der versteckt immer der Ortsname „Schessel“ vorkam. Doch diesen Gag haben sie angeblich auch auf dem Southside Festival veranstaltet. Nach dem Konzert bin ich dann noch mal geschwind in das Disco-Zelt gegangen - irgendwie war es da nicht sonderlich aufregend, denn auch am dritten Tag machte sich der Plattenreiter nicht die Mühe, seine Playlist zu erweitern. Er spielte die gleichen Hits (z.B. „Song 2“ oder die Pauli Hymne „You never walk alone“) wie an den vorherigen Tagen - scheint kein Kreativkopf zu sein.


Mit ein wenig Traurigkeit wachte ich am nächsten Tag auf, denn mit der Zeit freundet man sich mit den Nachbarn an. Und auch das Festival-Feeling ist einem wieder an das Herz gewachsen. Zumal auf diesem Festival die Ordner auch besonders freundlich waren. Dieses Jahr gab es sogar Ordner, die freundlich auf uns zu kamen und fragten „Ob es uns gut geht?“. Vor einigen Jahren hatte mich ein Ordner als „alte Zecke“ bezeichnet. Es schön zu beobachten, dass die Organisatoren gehandelt haben und solche Mitarbeiter nicht mehr zulassen. Ebenfalls jedes Jahr besser werden die sanitären Anlagen. Erlebte man in den Kinderschuh-Jahren noch voll verdreckte Toiletten und Waschmöglichkeiten, so kann man heute diese Bereiche nahezu sorglos betreten. Da der Abschied ein wenig schwer fällt, versucht man die restlich verbleibenden Stunden erst einmal in geselliger Runde mit den Nachbarn bei Wurst und Bier einzuläuten. Das ist auch der Grund warum jetzt über folgende Bands und Interpreten keine fundierte Konzertkritik zu finden ist. Betroffen sind folgende Acts: „The Sounds“, „22-20s“, „Brendan Benson“, Danko Jones“ (habe ich aber vom weiten gehört), und leider auch „Kettcar“. Eigentlich wollte ich Martin Gretschmann alias „Console“ schauen, die laut Plan um 18 Uhr auf der Zeltbühne spielen sollte. Da aber die Mannschaft von „Asian Dub Foundation“ irgendwo im Stau steckten, mussten die Veranstalter kurzfristig umdisponieren. Sprich, Console spielten auf der Hauptbühne und somit hab ich leider dieses Konzert auch nicht gesehen. Dabei hätte ich gerne gesehen ob die Titel wie „Surfin´Atari“ oder „Suck and Run“ auf der großen Bühne funktioniert hätten. Keine Ortsänderung gab es bei den Jungs von „Nada Surf“ - sie spielten ein angeblich gelungenes Konzert. Währenddessen startete auf der Hauptbühne der heimliche Headliner und mit ihnen eine richtige Schar an „Turbojugend“. Ganz klar wer hier die Bühne betraten - „Turbonegro“. Diese Kulttruppe war im Zuge ihrer Reunion Tour hier um die Songs aus dem Wiedervereinigungsalbum „Scandinavian Leather“ der versammelten Fanscharr um die Ohren zu hauen. Und das taten Hank, Happy Tom, dann auch und das ganze erbarmungslos nach vorn. Egal ob aktuelles Liedgut oder ältere Werke immer volle Fahrt voraus! Gegen Ende dann mal eine ganz kurze Verschnaufspause mit dem relativ ruhigen „Fuck the World“ bis dann das Finale begann. Und da feuerten die Chaoten, Klassiker wie „Get it on“ ins Volk. Und nehmen sich dabei gegenseitig Huckepack. Anschließend stellten sie sich noch alle brav vor um dann noch die Hymne „I got Erection“ zu zelebrieren. Auch wenn viele gehofft hatten, dass die „Scandinavian Leather“ die deutsche Version gespielt hätten – vor alllem weil Scheeßel auch nicht so weit vom Millerntor entfernt ist. Trotzdem einer der Festivalhöhepunkte in diesem Jahr. Vor lauter Begeisterung habe ich beinahe vergessen, zum Reitunterricht im Zelt zu gehen, denn dort waren „International Pony“ schon voll im Gange. Und ihre Disziplin (ambitionierte Clubmusik mit der Magie des Souls) meisterten Erobique, DJ Koze und Cosmic Dj mit Bravour. Denn die Massen tanzten und als ihr Hit „Leaving Home“ kam und die Stimmung am kochen war. Nach soviel Energieverbrauch (Pogen bei „Turbonegro“ und tanzen bei „International Pony“) tat eine Auszeit Not. Weshalb ich die Punk Rock Helden von „Millencollin“ nicht angeschaut habe. „Asian Dub Foundation“ waren mittlerweile angekommen, hatten aber leider ein Platzproblem. Denn die kleine Zeltbühne ist halt eher für Bands gemacht mit einer klassichen Besetzung - Gitarre, Bass, Schlagzeug und Sänger, aber für die ganze Horde von „Asian Dub Foundation“ ist die Bühne definitiv zu klein, zumal die Band auch eine gewisse Bewegungsfreiheit benötigt. Trotz alledem schafften sie es, dass wieder mal Bewegung in das Zelt kam. Und da ist wieder der Vergleich - ein kleiner Topf kocht schneller als ein großer Topf. Immer wenn der letzte Tag auf einem Festival ist, sucht man sich eine Band aus, die man sich nicht anschauen will, um stattdessen seine Zelte abzubauen. Dieses Jahr war die beste Gelegenheit abzubauen, so gegen 18:30 Uhr. Denn exakt um diese Uhrzeit stand die US-Band „Counting Crows“ auf der Hauptbühne. Und wie wohl fast jeder vermutet hatte, war das nicht gerade das aufregendste Konzert. Aufregender war es hingegen auf der Zeltbühne. Dort begann eine Stunde später das Konzert von einer der innovativsten Dance Formationen der letzten zehn Jahre. Die Rede ist von „Moloko“, die Anfang des Jahres mit den wunderbaren Longplayer „Statues“ überrascht haben. Auch hier wurde man überrascht, denn die Songs klangen frisch und luden ebenfalls zum Tanzen ein. Schön war auch Roisin Murphys Garderobe - ein Kleid und ein rotes Tuch, das immer um sie herumwirbelte. Aber nicht nur Roisin kam im neuen Gewand, auch die Musik war oft in neuen Gewändern zu hören. Geschneidert hatte diese Kleider vor allem Roisins Band Kollege und ihr Ex-Freund Mark Brydon. Besonders der Hit „Sing it back“, mit dem Moloko ihren großen Durchbruch hatten, kam auffallend erfrischend daher. Einziger Wehmutstropfen war, dass man nach dem Konzert immer noch tanzen wollte. Also ab zur Hauptbühne und weiter abzappeln zu Musik von den Briten „Underworld“. Doch wenn man die schnittigen Housetracks von Moloko im Kopf und Herzen hat, dann funktioniert Techno von „Underworld“ irgendwie gar nicht. Die Beats waren einfach nicht filigran genug, aber wer das Konzert gesehen hatte und dabei nicht vorher im Zelt war, der hatte bestimmt seine Freude daran. Wahrscheinlich hatten dafür die “Underworld“-Jünger Probleme mit dem Act, der das Licht auf der Zeltbühne dieses Jahr ausknipste. Reggae-Klänge von „Patrice“ sind halt ein wenig relaxter als harte Bässe, was aber für viele Leute ein gutes Argument war. Was zur Folge hatte, dass das Zelt aus allen Nähten platzte. Und nebenbei eine der besten Stimmungen im Publikum zu beobachten war. Das hat die Massen vor der Hauptbühne weniger interessiert, denn diese warteten auf einer der wichtigsten und innovatisten Bands der musikalischen Neuzeit. Fast logisch, dass von „Radiohead“ die Rede ist. Irgendwie war jeder gespannt auf das, was uns erwartete - vor allem für diejenigen, die zum ersten Mal das Vergnügen hatten Thom Yorke & co. live zu sehen. Und dieses Vergnügen dauerte fast zwei Stunden. Eigentlich würde man vermuten, dass eine derartige Dauer gepaart mit der komplizierten Musik der Briten recht langatmig sein können. Doch diese These muss man schnell et Acta legen. Egal welchen Song sie spielten – es war einfach nur berauschend. So sehr, dass man vergaß, welchen Titel sie spielen. Man bekam lediglich mit, dass neben den Hauptteil der Songs aus „Hail to the Thief“ auch verstreut Werke aus „OK Computer“ auftauchten. Immer im Blickpunkt der schüchtern wirkende aber an diesem Tag gut gelaunte Thom Yorke. Bei dieser Stimme war man immer wieder nahe am erstarren, denn Thom schrie, flehte und leidete sich durch die vielen Songs. Der berauschende Zustand wurde noch angereicht durch Licht-Installationen, die teilweise flimmerten. Auch schön an diesem Auftritt war, dass „Radiohead“ nicht nur einen Zugabe-Block gaben. Nein, diese Zeromonie fand gleich doppelt statt. Was zur schönen Folge hatte, dass Radiohead die Fans noch mit „Just“ aus dem 95er Album „The Bends“ beglückten bevor sie die Bühne verließen. Trotzdem blieben viele noch beglückt vor der Bühne stehen - in der Hoffnung, noch mehr zu bekommen. Auch wenn dieser Wunsch nicht erhört wurde, dieses Konzert machte viele Festivalbesucher überglücklich. An dieser Stelle muss man den Organisatoren noch einmal danken für solch ein gutes und einzigartiges Line-Up. So viele relativ ruhige Bands (z.B.: Radiohead, Coldplay, Massive Attack, Sigur Ros, Beth Gibbons & Rustin Man) als Headliner zu engagieren, verdient auf jeden Fall Bewunderung.

BERICHT: Hauke

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