Interview

HYPOTHETISCHE FRAGEN

KJU:
07.03.3007, Hannover

2007 könnte das Jahr für Hannover werden. Nicht nur, dass Hannover 96 gelernt hat wie man gewinnt und sich langsam in Richtung UEFA-Cup-Ränge schleicht. Nein, auch Kju: brachten Anfang des Jahres ihr neues Album „Setting Sun“ auf dem Markt und rocken die Republik. Um ein genaueres Bild der Jungs aus der Hauptstadt des Heavy Metals zu bekommen, mussten sie sich ein paar quälenden Fragen unterziehen.

Vor kurzem habt Ihr euer neues Album „Setting Sun“ auf dem Markt gebracht. Warum hat sich die Veröffentlichung so sehr in die Länge gezogen?
Kord: Seit dem Release des Vorgängeralbums „The Pieces Fit“ 2003 ist tatsächlich etwas Zeit vergangen. Wir waren nach der Veröffentlichung ständig unterwegs und sind 2004 / 2005 auf rund 130 Shows gekommen, für uns eine eher ungewohnte Situation. Die Kehrseite der Medaille war, dass zu dieser Zeit kaum Songwriting stattgefunden hat. Und auf Achse findet man einfach nicht die Ruhe, sich neuen Ideen zu widmen, außer ein paar Riffs beim Soundcheck und Gesangsmelodien ist nie wirklich viel rum gekommen. Ehe man sich versah, waren zwei Jahre ins Land gestrichen, erst dann kamen wir langsam wieder dazu, neues Material zu schreiben.
Tobi: Der anschließende Aufnahmeprozess hat sich dann auch wiederum über einen langen Zeitraum hingezogen, da wir anders als bisher eine kleine Vorproduktion gemacht haben und im Anschluss an die „echte“ Aufnahme der Basics in der Blubox (Drums, Bass, zwei Gitarren) alle Vocals und Specials zu Hause in Ruhe aufgenommen haben. Die Suche nach geeigneten Partnern in Sachen Label und Verlag hat dann auch nochmal relativ viel Zeit in Anspruch genommen.
Von Außen betrachtet liegt eine kleine Ewigkeit zwischen den Releases. Für uns als Band gab es allerdings bis auf wenige Ausnahmen andauernd was zu tun. Irgendwie erschrickt man sich selbst ein bisschen wenn man merkt, dass 3 ½ Jahre zwischen den Veröffentlichungen liegen.

Ihr habt nicht nur das Label gewechselt, sondern auch die Booking-Agentur. Wie sehen die neuen Ziele mit den neuen Partnern im Rücken aus? Welche Hoffnungen knüpft Ihr an diese Partnerschaften?
Kord: Man strebt natürlich immer nach neuen Zielen, wenn es im Umfeld zu solch einschneidenden Veränderungen kommt. Man will sich als Band immer weiterentwickeln, und so muss es zwangsläufig zu Veränderungen kommen. Wir wollen mit den neuen Partnern die erreichten Dinge festigen und darüber hinaus noch ausbauen.
Tobi: Ich hoffe, dass wir den eingeschlagenen Weg ein Stück weiter gehen können. Das heißt, das Album im angemessenen Rahmen veröffentlichen, vielleicht auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums, z.B. in BeNeLux oder Osteuropa, das heißt, weiterhin viele Shows spielen können und mit der Band unterwegs sein. Das waren die alten Ziele und das sind auch die neuen Ziele. Ein neues Ziel fällt mir da noch ein: Ein Supporttour für eine gute, mittelgroße Band wäre ne feine Sache.

Außer den ganz großen Bands in Sachen Rock, wie den Beatsteaks, Rammstein oder den Toten Hosen, gibt es häufig nur ein kurzes Aufflackern wie im Fall von Days In Grief, die aber so wenig Alben verkaufen, dass sie schon fast mit ihrem Rausschmiss bei Roadrunner Records rechnen müssen. Warum ist es gerade für deutsche Rockbands so unglaublich schwer sich im eigenen Land zu etablieren bzw. überhaupt einen Plattendeal zu bekommen? Fehlt den deutschen Plattenfirmen einfach der Mut in Newcomer zu investieren so wie es Victory Records laufend macht?
Kord: Wir haben festgestellt, dass in Deutschland den deutschen Bands leider oftmals geringe Wertschätzung entgegen gebracht wird. So denken viele da draußen: „Hey, die kommen aus Deutschland, die können doch gar nicht gut sein!“, besonders wenn man auch noch eine englischsprachige Band ist, die nicht auf den deutschsprachigen Trend aufspringt.
Die Plattenfirmen gehen oftmals auf Nummer sicher und signen Bands, die gerade angesagte Mucke machen, sei es Emo, Screamo oder Metalcore. Da fehlen teilweise wirklich der Mut und vielleicht auch die Mittel, eine Band auch mal über längere Zeit aufzubauen, selbst wenn sie gerade nicht ins angesagte Muster passt. Heutzutage muss es sofort funktionieren, sonst ist man schneller wieder raus als man drin war. Für uns ist es schön mit Treasure Tapes ein Label gefunden zu haben, dass an uns glaubt, sowohl musikalisch als auch menschlich.

Gab es schon Anfragen von großen Labels, die euch unter Vertrag nehmen wollten? Wie weit würdet Ihr gehen bzw. euch in euren Stil reinreden lassen, um so ein Angebot zu bekommen?
Kord: Nein, bisher gab es da noch keine Anfragen. Das ist natürlich immer so die Sache. Wenn man ein unmoralisches Angebot bekommt, dann kann man schon mal ordentlich ins Schwitzen kommen. Ich denke, das wichtigste ist, mit allen Entscheidungen leben zu können, und auch morgens in den Spiegel gucken zu können, ohne sich selbst verleugnet zu haben.  Wenn wir also die Vorstellungen der „großen“ Plattenfirma mit unseren vereinbaren könnten, hätten wir vielleicht auch kein Problem, dort zu unterschreiben.
Tobi: Glücklicherweise ja aber eine rein hypothetische Frage ;-)

Viele Bands überleben kaum mehr als zwei Alben bei einem MajorLabel bevor das Controlling den Daumen senkt und das Projekt aus wirtschaftlichen Gründen für gescheitert erklärt. Wie groß wäre bei euch die Vorsicht bzw. der Respekt einen solchen Deal anzunehmen und in letzter Konsequenz eure Jobs für die Musik an den Nagel zu hängen, mit der vorher genannten Gefahr im Hinterkopf?
Kord: Ich denke, wir sind schon zu lange und ja teilweise auch beruflich im Musikbereich unterwegs als dass wir vorschnell Entscheidungen treffen würden ohne vorher reiflich zu überlegen. Wenn wir das Gefühl haben, es ist richtig, den Job für die Band aufzugeben, dann wird dies aus einem triftigen Grund geschehen.
Tobi: Zum Teil ist das ja sogar schon passiert. Besonders in dem o.g. Zeitraum 2004/2005 haben wir viel, eigentlich fast alles auf die Band ausgerichtet. Ich habe damals meinen festen Job als Designer gegen die freiberufliche Variante eingetauscht, Peter hat sich ebenfalls selbstständig gemacht um sich flexibler und mehr mit der Band beschäftigen zu können. Also in unserem Rahmen haben wir da eigentlich schon viele Veränderungen mitgemacht. Allerdings nie Hals über Kopf und ohne Abwägen der Vor- und Nachteile.

Wenn Bands zu einem Major wechseln, fällt häufig das böse Wort Kommerzialisierung. Ist es einfach nur der Neid der Erfolglosen? Wie würdet Ihr das Wort Erfolg im Hinblick auf Kju: definieren?
Kord: Es ist immer recht schade, wenn die Leute es verteufeln, dass eine Band zum Major wechselt. Da sitzt nun mal am meisten Kohle, und um als Künstler von der Musik leben zu können, ist es heute fast nicht anders möglich, als zu einem der Großen zu gehen. Selbst die größeren Indie-Label haben inzwischen ja Major-Strukturen. Wenn man dem Künstler größtmögliche Schaffensfreiheit geben will, ist es natürlich nicht vom Nachteil, wenn er dazu Geld von einer großen Plattenfirma bekommt, und so autark arbeiten kann. Dass dies nicht zum Nachteil werden muss, wurde ja nun etliche Male bewiesen.
Erfolg für uns bedeutet, nach all den Jahren immer noch zusammen in einer Band zu spielen, tiefe Freundschaften geschlossen zu haben, Platten rausbringen zu können, auf Tour zu gehen…All diese Dinge, von denen andere Bands zum Teil immer träumen.
Tobi: Wenn kommerzieller Erfolg im Vordergrund stehen würde, dann würde kju: sicher völlig anders klingen. Da kann ich Kord also vollends zustimmen, es geht darum unser Ding zu machen, die Musik zu machen die wir mögen, gemeinsam daran zu arbeiten und unterwegs zu sein. Und da wir das dann jetzt bald acht Jahre machen, ist das erfolgreich.

Inwieweit muss eine Band etwas von sich aufgeben, um wirklich erfolgreich zu werden?
Kord: Wenn wir das wüssten, dann wären wir längst Plattenmillionäre oder Berater ;-)
Ich denke, es ist wichtig, sich treu zu bleiben. Sich nicht zu verbiegen oder irgendwelchen angesagten Sounds oder Trends generell nachzueifern.  
Tobi: Manche sicher gar nicht oder kaum, andere vielleicht komplett. Ich denke dafür gibt es keine pauschale Antwort.

In schöner Regelmäßigkeit ändert sich der vorherrschende Musikstil, so dass viele Bands ständig mit der Weiterentwicklung ihrer Musik in die „richtige“ Richtung beschäftigt sind. „Setting Sun“ unterscheidet sich nun nicht gerade gravierend von „The Pieces Fit“ und böse Zungen behaupten dieser Musikstil gehört schon der Vergangenheit an. Wie wichtig ist euch Kontinuität und wie sehr hört Ihr auf diese sog. Kritiker oder auch Musikweisen?
Kord: Findest Du? Wir haben eigentlich schon das Gefühl, uns recht weit von dem Stil, der auf „The Pieces Fit“ zu hören ist, entfernt zu haben. Gut, wir machen nun nicht auf einmal Techno oder Schlager, aber es ist doch eine deutliche Veränderung zu hören. Jedenfalls bilden wir uns das ein.
Uns ist es wichtig, dass wir uns mit dem, was wir machen, wohl fühlen. Wir hören da nicht auf irgendwelche Kritiker oder andere Außenstehende, sondern möchten unsere Ideen verwirklichen. Ob dann dabei ein von anderen als antiquiert erachteter Stil herauskommt ist uns dabei natürlich herzlich egal.

Gibt es überhaupt Bands, die euch mit ihrem Stil beeinflussen?
Kord: Sicherlich beeinflussen uns, bewusst oder unbewusst, die Bands, die wir hören. Und natürlich gibt es hier und da Momente beim Songwriting, in der wir uns Ideen und Inspirationen von anderen Bands holen, gewollt oder ungewollt. Aber da gibt es keine bestimmte Band oder Vorbilder, die uns dermaßen beeinflussen, dass wir sie hier namentlich nennen müssten.
Tobi: Dennoch können wir eigentlich immer recht gut sagen, welche Platten beim Songwriting gerade im CD-Player der Bandmitglieder lagen. Aber das ist ganz natürlich denk ich.

Zuletzt habt Ihr auf den Visions-Parties gespielt. Wie wurde das neue Material von den Fans aufgenommen und was bedeutet es für Euch auf Tour zu sein?
Kord: Das Material wurde gut aufgenommen. Wir waren ja eher die melodische Rockband in dem LineUp mit den Blood Brothers und Urlaub in Polen. Aber das Publikum war großartig, so dass diese Shows sehr viel Spaß gemacht haben.
Tobi: Neben der Arbeit an der Musik sind die Konzerte sicher das, was eine Band ausmacht und warum man sich dafür entscheidet, Teil einer (Rock)Band zu sein. Besonders nach den vielen Shows war es eine ungewohnte Situation, 2006 wenig zu spielen und damit zu verbringen, die Weichen für das neue Album zu stellen. Umso glücklicher sind wir jetzt, dass wir endlich wieder unterwegs sind. Es ist schon mehr als einfach nur losfahren und spielen. Jede Tour, und sei es auch nur ein verlängertes Wochenende mit 3-4 Shows, hat ihre eigenen Geschichten und schönen Momente, für die allein es sich schon lohnt loszufahren.

Wie groß ist der Anteil von Guido Lucas an Eurem Album, der auch schon den Vorgänger produziert hat?
Kord: Guido hatte auf „Setting Sun“ einen viel größeren Einfluss als noch auf „The Pieces Fit“. Damals kam er erst zu den eigentlichen Aufnahmesessions dazu und hatte so keinen Anteil am Entstehungsprozess der Songs. Als wir aber die ersten Songs für „Setting Sun“ schrieben, hielten wir ihn regelmäßig auf dem Laufenden und schickten ihm unsere Demoaufnahmen. So kam es, das er hier und da Anmerkungen machen konnte, Verbesserungsvorschläge hatte, oder auch Dinge benannt hat die seiner Meinung nach überhaupt nicht gingen. Außerdem hat er uns das kompakte „auf-den-Punkt-schreiben“ nahe gebracht.

Euer Basser hat die Band zu Beginn des Jahres verlassen. Wie sehr beeinträchtig euch dieser Ausstieg und war es abzusehen?
Kord: Glücklicherweise haben wir recht schnell guten und adäquaten Ersatz in unserem alten Kumpel Sascha gefunden. Der ist so gut, dass er sich sehr schnell die Songs drauf half und wir für die Shows gerüstet waren. Von daher ist es keine Beeinträchtigung.
Tobi: Auch menschlich ist es mit Sascha super da wir ihn schon sehr lange kennen und er sich nahtlos eingefügt hat. Das war ein sehr gutes Gefühl, eigentlich gleich ab den ersten Proben mit ihm.

Wie schwer ist es für Euch Job und Band zu vereinbaren, da nicht alle Mitglieder in Hannover wohnen, und Ihr auch Jobs habt, die nicht gerade eine häufige Abwesenheit erlauben?
Kord: Wir haben sehr kulante Arbeitgeber, die uns in den ganzen Jahren keine Steine in den Weg gelegt haben. Man muss aber auch dazu sagen, dass sämtlicher Urlaub für die Band drauf geht, so dass wir uns das mehr oder weniger auch erlauben können.
Das Peter jetzt in Berlin wohnt hat bis dato zu noch keinen Problemen geführt. Dadurch, dass er selbstständig ist und eh viel auf Achse ist kommt er öfter in Hannover vorbei, so dass wir regelmäßig proben können.

In ein paar Monaten bricht wieder die Festivalsaison an. Wo können wir mit eurem Erscheinen rechnen?
Kord: Bisher sind wir noch in der Planungsphase. Sobald es da News gibt, seid ihr natürlich die Ersten, die Infos bekommen.

Werden die Fans erneut so lange auf ein neues Album warten müssen, oder ist in naher Zukunft mit einem neuen Kju:-Album zu rechnen? Gibt es bereits neues Material?
Kord: Wir sind tatsächlich schon wieder dabei, neues Material zu schreiben. Natürlich wünschen wir uns, dieses Mal nicht so lange bis zum nächsten Album zu brauchen. Aber „Setting Sun“ ist gerade veröffentlicht worden, ein wenig wird man sich also noch gedulden müssen. Aber live wird man ja vielleicht bald den einen oder anderen neuen Song hören können.

Als Hannoveraner Band muss der Gedanke an einen Gig zusammen mit den Scorpions oder Fury In The Slaughterhouse doch für weiche Knie sorgen, oder? Wer wäre euer WunschSupportAct auf einer eigenen Tour, und in welchem Vorprogramm wäret Ihr gern einmal Gast?
Kord: Einen WunchSupportAct gibt es eigentlich nicht. Wichtig ist uns, das die Chemie zwischen uns und der anderen Band stimmt. So ist es immer cool, mit befreundeten Bands wie Harmful, Wisecräcker, Genepool, Face Tomorrow, AndTheWinnerIs, oder auch ehemals Mournful zusammen zu spielen.
Tja, und als Opener für eine bekanntere Band…da gibt es so viel. Aber Alkaline Trio, The Draft oder Against Me! wären schon cool!
Tobi: Brand New hätte ich toll gefunden, schade dass das nicht geklappt hat. Hätte gut gepasst denk ich. Ansonsten wäre eine Tour mit den wiederveinten FAR und Quicksand sicher ne feine Sache ;-)

Kju: gibt es in Verhältnis zu anderen Bands schon fast ewig. Wie motiviert Ihr euch nach so langer Zeit noch, und was bringt die nahe Zukunft?
Kord: - Musik ist für uns ja nicht einfach eine Freizeitbeschäftigung, sondern ohne sie wären wir unerträglich. Von daher müssen wir einfach weitermachen. Selbst wenn es die Band irgendwann nicht mehr geben sollte, würden wir alle irgendwie weiterhin dabei bleiben. Da braucht es also keine große Motivation. Mit jeder gelungenen Probe, jedem neu geschriebenem Song oder jedem guten Auftritt weiß man, warum man das macht und freut sich auf alle kommenden Dinge.

Das war’s. Hoersturz.net sagt Danke an Kju: aus der Rockcity Nummer 1 in Deutschland.
Und kju: sagt Danke für das Interview aus der wahren „You’ve Got Balls“-Rockcity Hannover!

INTERVIEW: Tim

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