Interview

PÄDAGOGISCH WERTVOLL

ENTER SHIKARI
18.01.2007, Hamburg

Wenn das keine optimalen Voraussetzungen waren: Da hat eine junge Band die große Chance, auf der anstehenden Deutschland-Tour im Vorprogramm der massiv aufstrebenden Punkrocker von Billy Talent ihre Songs einem großen Publikum zu präsentieren, und plötzlich läuft die Zeit davon. Am Vortag noch die Brixton Academy jenseits des Ärmelkanals gerockt, lief die Bustour in Richtung Hansestadt nicht ganz problemlos ab. Dennoch schafften Enter Shikari es, die Alsterdorfer Sporthalle rechtzeitig zu erreichen, wo nach einer in Windeseile verputzten Mahlzeit auch schon ein kleiner Fragenkatalog wartete, dem sich das Quartett stellen musste.

Hörsturz: Was war los auf der Reise nach Deutschland?
Chris:
Na ja, wir waren bei der Abfahrt ein wenig spät dran, weswegen wir die Fähre verpasst haben. Also mussten wir eine spätere Fähre nehmen.
Rory: Wir haben eine spätere Fähre genommen?
Rob: Ja, wir waren nur etwa fünf Minuten zu spät dran und durften dann eine Stunde warten. Schlussendlich sind wir dann hier an der Halle angekommen, doch damit nicht genug. Irgendwie war die Zufahrt abgesperrt, und so durfte der Busfahrer noch einige Runden drehen.

Hörsturz: Kommen wir zu einer einfachen Frage: Wofür steht ‚Enter Shikari’ eigentlich?
Rory: ‚Shikari’ ist indianisch und bedeutet soviel wie Jäger.

Hörsturz: Wenn man eure Musik hört, ist offensichtlich, dass ihr zahlreiche Stile kombiniert. War dies von Beginn an eure Absicht oder eher ein Resultat mangelnder Entschlussfreudigkeit?
Rob: Wir experimentieren gerne und hatten grundsätzlich nie die Absicht, uns auf eine Stilrichtung festzulegen. Wir saßen nie zusammen und beschlossen, Rockmusik mit Trance-Elementen zu verbinden. Am Anfang stand die Rockmusik, doch mit der Zeit fingen wir an, unterschiedlichere Musik zu hören – auch aus dem elektronischen Bereich. Mit diesen Einflüssen sind wir dann gewachsen. Es gab keinen definitiven Zeitpunkt in unserer Bandgeschichte, an dem wir diesen stilistischen Weg eingeschlagen haben. Die elektronischen Elemente sind auf natürlichem Wege hinzu gestoßen.
Chris: Einige der Ideen sind übrigens live entstanden. Direkt auf der Bühne hatten wir einfach ein bisschen herumprobiert, und es überzeugte uns schließlich. Auf jeden Fall kam es bei den Fans sofort gut an.

Hörsturz: Ich habe im Internet in Bezug auf eure Musik die Selbstbezeichnung ‚Nintendo-Core’ entdeckt.
Chris: Kann nicht sein! Wir nennen unseren Stil nicht ‚Nintendo-Core’.
Rou: Das passt auch gar nicht zu uns, denn unsere elektronischen Elemente haben mit dem klassischen Nintendo-Sound fast gar nichts gemeinsam.
Chris: Unsere Einflüsse stammen eher aus der Dance- und Trance-Richtung und weniger aus den 8-Bit-Gefilden.

Hörsturz: Ich wollte euch gerade nach einer detaillierten Definition dieser außergewöhnlichen Musikrichtung fragen, aber da sie nicht von euch stammt…
Rory: Wir bevorzugen den Begriff ‚Trance-Core’.
Chris: ‚Trance-Core’…klingt auf jeden Fall besser als ‚Nintendo-Core’. Wenn man uns irgendwie kategorisieren möchte, ist das okay.
Rob: Es ist schwierig, denn wenn man sich unser Album anhört, entdeckt man sowohl akustische Nummern als auch straighte Hardcore-Songs. Wir fixieren uns nicht auf einen Stil, sondern bringen unseren vielfältigen Musikgeschmack in das Songwriting ein. Wir hören so viele verschiedene Sachen von Klassik über Reggae und Jazz bis hin zu Dance und Happy Hardcore – da lässt es sich schwer festlegen, welchem Genre wir nun angehören.

Hörsturz: Ihr habt euch 2003 gegründet, und schon ein Jahr später waren eure Konzerte weitestgehend ausverkauft. Ein weiteres Jahr später wurdet ihr als eine der besten Bands ohne Plattenvertrag ausgemacht. Kam das für euch überraschend, oder war es nur eine logische Folge der harten Arbeit?
Rob: Na gut, das mit den ausverkauften Shows ist Ansichtssache. Die Clubs, in denen wir aufgetreten sind, fassten ab und zu rund 50 Leute, somit war es nicht ganz so schwer, den Laden zu füllen.
Chris: Aber wir haben auch vor drei- oder vierhundert Leuten gespielt. Ich kann mich noch gut an einen Auftritt in Manchester erinnern, als plötzlich tatsächlich 300 Leute auftauchten. Das ist schon ein komisches Gefühl. Sicher hat uns das Internet viel geholfen, aber der Erfolg war keineswegs ein Selbstgänger. Wir sind in Großbritannien von einer Ecke in die andere gereist, und zwar mehrmals. Zuerst kamen ein paar Fans, beim nächsten Mal waren es schon einige mehr, und so konnten wir dann nach und nach immer mehr Leute überzeugen.

Hörsturz: Also wurde der Einsatz belohnt?
Chris: Auf jeden Fall! Und das Internet hat wie gesagt seinen Teil dazu beigetragen. Die Zahl unserer Freunde bei Myspace steigt stetig. Nach jedem Auftritt haben wir neue Freundschafts-Anfragen.

Hörsturz: Habt ihr eine Ahnung, wie viele Freunde ihr bei Myspace aktuell auf der Liste habt?
Rob: Wir haben die 80.000er-Marke durchbrochen. Jedes Mal, wenn ein neuer 10.000er erreicht ist, wird ordentlich gefeiert.

Hörsturz: Wo ihr gerade das Medium Internet erwähnt: 2006 habt ihr auf dem ‚Myspace Newcomer Festival’ gespielt. Wie wichtig ist für euch das weltweite Netz – auch unter dem Aspekt, dass man sich auf illegale Weise ganze Alben dort herunterladen kann?
Chris: Illegal…es ist ja oftmals so, dass die Songs ungefähr eine Woche vor der Veröffentlichung des Albums legal gestreamt werden können. Es gibt immer Leute, die diese Songs dann auf den illegalen Markt bringen. Für uns sehe ich darin eigentlich kein Problem, denn es passiert so ziemlich jedem Künstler. Zudem hat das reguläre Album gegenüber dem Download einiges mehr zu bieten, wie beispielsweise das ganze Artwork. Man bekommt eine runde Sache für sein Geld. Wir hoffen natürlich, dass unsere Fans das Original bevorzugen. Ansonsten kann man als Band heutzutage kaum noch auf das Internet verzichten. Im Grunde benötigt man gar keine Plattenfirma mehr, denn man kann auch ohne Vertrag zu einem gewissen Erfolg gelangen.

Hörsturz: Wie fühlt ihr euch, wenn ihr plötzlich vor Tausenden von Leuten auf der Bühne steht, die schlimmstenfalls während eures Auftritts lautstark nach dem Hauptact – in diesem Falle Billy Talent – rufen?
Rob: Wie viele Leute sollen heute hier sein? 8.000? Prinzipiell fühle ich mich gut, denn wir können uns und unsere Musik vielen Leuten vorstellen. Wir setzen uns dennoch nicht groß unter Druck. Einfach herausgehen, eine nette Zeit haben und neue Erfahrungen sammeln…
Chris: Definitiv. Das größte Publikum, vor dem wir bis dato gespielt haben, waren 5.000 Leute, das war auf dem besagten ‚Myspace Newcomer Festival’. Dementsprechend haben wir es heute mit der größten Menschenmenge zu tun, vor der wir jemals gespielt haben.

Hörsturz: Ihr seid euch aber durchaus bewusst, dass es gut möglich ist, dass zahlreiche Leute aus dem Grund ihres Besuches keinen Hehl machen…
Rory: Klar, wir haben bereits einige komische Konzerte erlebt. Einmal haben wir auf einem merkwürdigen Festival in Holland gespielt, wo durch die Bank weg nur Hells Angels anwesend schienen. Überall, wo man hinblickte, sah man Motorrad-Rocker, die unsere Musik wohl nicht wirklich mochten. Die haben uns den ganzen Auftritt lang äußerst seltsam angestarrt. Aber okay, wenn unsere Musik auch nur einem vor der Bühne gefällt, dann spielen wir eben für ihn.
Rob: Denen, die uns nicht mögen, kann man es dann so richtig zeigen. Das macht die Sache umso lustiger.

Hörsturz: Demnächst seid ihr schon wieder in Deutschland unterwegs…
Chris: Ja, dann machen wir unsere eigene Europatour mit vier oder fünf Konzerten in Deutschland, dann aber natürlich in kleinen Clubs. Dort ist die Nähe zum Publikum einfach besser, und man kann die Resonanz eher spüren als in großen Hallen vor unzähligen Leuten.

Hörsturz: Das Thema Merchandise spielt für Bands generell eine wichtige Rolle, und es ist oftmals so, dass aufstrebende Combos mit steigendem Erfolg ihre Preise für T-Shirts zu Beispiel auf ein exorbitantes Niveau erhöhen. Wie geht ihr damit um?
Rob: Wir versuchen, die Preise in einem vernünftigen Rahmen zu halten. Wenn die Fans auf ein Konzert einer Band gehen, die sie gerne hören, und ein T-Shirt kaufen möchten, das wollen sie dabei nicht unbedingt arm werden. Dasselbe gilt natürlich auch für die Ticketpreise. Immerhin geht es um Leute, die uns unterstützen. Daran muss man als Band immer denken, also wäre es falsch, sie mit unangemessenen Preisen zu vergraulen.
Rory: Die Leute, die uns live sehen möchten, kommen extra zum Konzertort, investieren quasi ihren ganzen Abend. Wenn sie sich ein T-Shirt kaufen, tragen sie zudem noch unseren Bandnamen durch die Gegend.
Chris: Was die großen Bands betrifft: Die höheren Preise lassen sich in dem Punkt rechtfertigen, dass große Konzerte auch mit höheren Personalkosten verbunden sind. Abseits der Bühne gibt es viele Leute, die es verdient haben, für das bezahlt zu werden, was sie machen.
Rob: Glücklicher Weise können wir noch direkt bestimmen, wie viel unsere Merchandise-Artikel kosten sollen. Ich stehe nicht besonders darauf, dass man uns vorschreibt, was wir zu verlangen haben.

Hörsturz: In eurem Forum wurde ein Thread eröffnet, in dem ein junger Fan öffentlich darüber sinniert hat, einen Vortrag über euch im unterricht zu halten. Hat er oder sie Kontakt mit euch aufgenommen?
Chris: Leider nicht. Wir wollten uns eigentlich nach einem Konzert treffen, haben uns aber verpasst.
Rob: Was wollte er machen?
Chris: Er wollte im Englischunterricht einen Vortrag über uns halten.

Hörsturz: Was haltet ihr von dieser Idee?

Rob: Cool! Einen Vortrag über uns in der Schule…
Chris: Es gibt sogar Bands, die unsere Songs covern. Das ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man sich mit unserer Musik so intensiv befasst.

Hörsturz: Sozusagen eine pädagogisch wertvolle Band, die in nächster Zeit eine Menge unterwegs sein wird und außerdem mit „Take To The Skies“ ein neues Album auf den Markt bringen wird. Sollte es so richtig gut laufen, wie werdet ihr mit dem Erfolg umgehen? Und sollten eure Erwartungen sich nicht erfüllen, wie sieht es dann aus?
Chris: Bis jetzt haben wir immer Wert darauf gelegt, uns treu zu bleiben. Das, was auf unserem neuen Album zu hören ist, sind hundertprozentig wir.
Rob: Die Songs sind exakt so wie sie klingen sollen. Wenn jemand damit nicht zufrieden ist, werden wir uns deswegen nicht verbiegen. Wer unsere Musik bereits vorher kannte, wird ziemlich überrascht sein, denn wir haben unseren Stil schon ein bisschen verändert. Ich hoffe, dass es ihnen trotzdem gefällt.

Hörsturz: Wenn das Album richtig einschlägt, fahrt ihr dann Ferrari und seid bei ‚MTV Cribs’ zu sehen?
Rob: Nein, ich werde keinen Ferrari fahren!
Chris: Ich werde ‚MTV Cribs’ wegschicken!

Hörsturz: Auf der anderen Seite würde aber auch die Welt nicht untergehen, oder?
Chris: Richtig. Wir werden unserer Linie treu bleiben und weiterarbeiten. Zum Glück müssen wir keine Quoten erfüllen wie es auf vielen Major-Labels der Fall ist. Darum müssen wir uns keine Sorgen machen.

Hörsturz: Okay, vielen Dank für das Interview und bis bald in Deutschland.


INTERVIEW: Jack

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