Interview

POLITISCHE KUNST

PROPAGANDHI
26.10.2005, Hamburg, Logo

Im Punkrock gibt es wahrlich nicht viele Bands, die über Jahre hinweg und keinen Schritt von ihrem eingeschlagenen Kurs abweichen. Wenn dazu noch der Spagat zwischen einer intakten Marketing-Maschinerie auf der einen und einer unbeugsam kritischen Attitüde auf der anderen Seite gelingt, ist die Leistung umso reifer. Solch eine Band ist Propagandhi ? tierfreundlich, anarchistisch, aufmerksam, direkt, kanadisch?und mit einem neuen Album in der erhobenen Faust. ?Potemkin City Limits? heißt das neue Werk, das zugleich einen neuen Mann an Bord in Spiel bringt: Glen Lambert ? Gitarrist, Sänger, Co-Frontmann und Interviewpartner. Selbstverständlich verrät er Hintergründe zum Wechsel auf der Besetzungscouch.

Euer neues Album ?Potemkin City Limits? steht nun in den Läden, und es dauerte erneut eine lange Zeit (seit ?Today?s Empires, Tomorrow?s Ashes? liegt auch schon rund vier Jahre zurück), bis ihr ein Nachfolgewerk auf die Beine gestellt bekommen habt. Benötigt ihr prinzipiell so viel Zeit, um eine neues Album vorzubereiten?
Glen: Ich denke, dass es dafür mehrere Gründe gibt: Zuerst einmal habe ich keine natürliche Neigung fürs Songwriting. Außerdem haben wir neben der Band auch noch ein Leben außerhalb von Propagandhi, in dem es auch viel zu tun gibt. Und dann ist es nicht unser Anliegen, alle zwei Jahre ein neues Album herauszubringen, nur um ein Lebenszeichen von uns zu geben. Wenn ich mir die aktuellen Veröffentlichungen zu Gemüte führe, bin ich davon überzeugt, dass es den meisten Bands sicher gut tun würde, wenn sie sich ein bisschen mehr Zeit lassen und ein bisschen mehr Mühe geben würden, bevor sie ein Album auf den Markt bringen.

Auf eurer Website geht ihr mit dem Herunterladen von Musik ziemlich scherzhaft um. Seht ihr die Möglichkeit, komplette Alben aus dem Netz zu ziehen, als Fluch oder als willkommene Gelegenheit für Bands, ihre Musik zu verbreiten?
Glen: Wenn es sich die Menschen nicht leisten können, die Arbeit einer Band zu unterstützen, dann stimme ich dem Zugang zu der Musik und der Nachricht zu. Die Leute sollten nicht dafür benachteiligt werden, dass sie kein Geld haben.

Wie kam eigentlich dein Engagement bei Propagandhi zustande? Und wie bekommst du es gebacken, gesanglich genau wie Chris zu klingen?
Glen: Ich habe Jord und Todd bei einer Orgie, die von dem Gründer einer örtlichen Leihbücherei organisiert wurde, kennen gelernt. Seit diesem Zeitpunkt haben sie mir heimlich ?The Ways of The Hannah? beigebracht, bis der Zeitpunkt kam, an dem er durch mich ersetzt wurde.

Was denkst du nach so vielen Jahren über euer Debüt ?How To Clean Everything?? Der Hintergrund meiner Frage ist, dass es zahlreiche Bands gibt, die ab einem gewissen Zeitpunkt schlichtweg keine alten Songs mehr spielen oder sogar komplette Alben aus der Bandgeschichte verschwinden lassen.
Glen:?How To Clean Everything? ist ein interessanter und ziemlich beschämender Schnappschuss von Songs, die Jord und ich geschrieben haben als wir noch Teenager waren. Ästhetisch betrachtet ist dieses Album für mich eher weniger reizvoll, aber ich bin heutzutage immer noch von der Botschaft der Songs beeindruckt, die für mich immer noch einen hohen Wert besitzt. Auch wenn die Weise, wie sie rübergebracht wird, nicht das Gelbe vom Ei ist. Dennoch waren wir seinerzeit schon auf dem richtigen Weg. Damit meine ich, dass unsere heranwachsende Intuition über die Geschicke der Gesellschaft richtig war. Schockierend!

Kannst du mir ein wenig mehr Aufschluss in der George Soros-Sache geben? Soweit ich informiert bin, sollte einer eurer Songs auf den ?Rock Against Bush?-Sampler kommen, was jedoch gestrichen wurde, da ihr euch kritisch über Soros geäußert haben sollt.
Glen: Das Traurigste an der Geschichte ist, dass Fat Mike von uns verlangt hat, unsere Kritik an Soros hinter dem Berg zu halten. Dabei stand noch nicht einmal fest, dass er sich an der Produktion beteiligt. In Wahrheit hat Soros Punkvoter gar nichts zugesichert, worauf Mike natürlich baute. Nichtsdestotrotz ist es nicht unsere Art, die Interessen mit globalen Geldgebern zu teilen. Ich schätze, wir waren zugleich überrascht und enttäuscht herauszufinden, dass andere es sehr wohl sind.

Hatte diese Meinungsverschiedenheit irgendwelche Konsequenzen für euer Verhältnis zu Fat Wreck Chords? Immerhin habt ihr in eurem Booklet ein Bild, das Fat Mike beim Handschlag mit dem damaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry zeigt. Und das bestimmt nicht, weil Mike so gut angezogen ist, oder?
Glen: Na ja, es gibt immer zwei Weisen, eine Sache zu betrachten. Natürlich kann man sagen, dass dieser Zwiespalt negative Auswirkungen auf unser Verhältnis zu Fat Wreck Chords hatte. Andererseits kann man es aber auch so sehen, dass wir damit ein Thema auf den Tisch gebracht haben, das zuvor unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten wurde. Ich bin davon überzeugt, dass Bands sich politisch nicht nach den Leuten richten sollten, die ihre Alben veröffentlichen. Natürlich gilt das auch umgekehrt. Es ist nicht fruchtbar, wenn man politisch in Reih? und Glied steht.

Für mich als Deutschen ist das Intro zu eurem Song ?Die Jugend marschiert? leicht zu verstehen. Der Untertitel dazu lautet ?America?s Army?. Bedeutet das, dass du Ähnlichkeiten zwischen der alten Reichswehr und dem heutigen amerikanischen Militär siehst?
Glen: Es ist nicht unsere Absicht, mit diesem Song die Armeen zu vergleichen. Er soll vielmehr einen Blick auf die Art und Weise der Rekrutierung werfen. Die Reichen und Mächtigen, die aktuell in der Gesellschaft den Ton angeben, labern ständig davon wie tapfer und heldenhaft es ist, das Leben für den Staat ? also die Interessen der Reichen und Mächtigen ? herzugeben. Das ist etwas, was die Regierung einem von klein auf aufdrückt. So etwas nenne ich Faschismus.

Es soll noch viele Amerikaner geben, die außenpolitisch überhaupt nicht auf dem neuesten Stand sind und immer noch denken, es gäbe zwei deutsche Republiken. Wie kannst du als internationaler Nachbar und selbsternannter guter Freund vieler Amerikaner dir diese Bildungslücken erklären?
Glen: Im Vergleich zu den wichtigen Nachrichtendiensten, die ich im Ausland kennen gelernt habe, gibt es in den Staaten keine maßgebliche Berichterstattung über internationale Themen, die für den Durchschnittsbürger empfänglich ist. Leute, die sich dafür interessieren, müssen sich irgendwo andere Quellen mühsam suchen. Ansonsten interessieren sich die meisten Menschen in Nordamerika lieber fürs Konsumieren, anstatt nach der schwer fassbaren Wahrheit zu suchen.

Habt ihr jemals darüber nachgedacht, ein Album ohne ernsten oder kritischen Hintergrund zu veröffentlichen?
Glen: Ja, in der Tat arbeiten wir gerade an einem konzeptionellen Comedy-Album über einen Planeten, der kurz davor ist, sich selbst zu opfern. Es ist lustig!

Meine letzte Frage: Gibt es für dich zeitgemäße Bands, auf deren Aussage du Wert legst?
Glen: Politische Kunst ist eine subjektive Erfahrung. Ohne Zweifel gibt es Tausende unumgehbare Beispiele. Was mich betrifft, so muss ich zugeben, dass man diese leider nicht in der Punk-Szene trifft.

Glen, vielen Dank für das Interview!

INTERVIEW: Jack

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