Interview

SCHLICHT NUR EINE BAND

MILLENCOLIN
19.11.2005, Hamburg, Grosse Freiheit

Mitte der Neunziger sorgten vier junge Herren aus Schweden für mächtig Aufhören in der Musikwelt. Mit ihrem Album ?Tiny Tunes? servierten sie genau die Kost für die Abspielgeräte, die gerade voll im Trend lag: Punkrock, immer schön flott gespielt, mit jeder Menge Ohrwurm-Qualitäten und vor allem aus Europa! Die Schweden-Punkrock-Welle war ausgelöst, und Millencolin schippern immer noch ? wenn auch nicht mehr ganz so wild wie einst ? locker auf ihr herum, während gleichartige Formationen bereits weggespült wurden. Mittlerweile haben Millencolin nicht nur ein paar mehr Jahre, sondern auch viele Erlebnisse auf dem Kerbholz. Also ließen wir Schlagzeuger Frederik Larzon ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Alter Schwede!

Euer neues Album ?Kingwood? wird oftmals als ein stilistischer Schritt zurück in eure früheren Jahre beschrieben. Hat sich beim Schreiben der Songs im Vergleich zu ?Home Form Home? etwas geändert?
Frederik: Nicht wirklich. Wir sind so an dieses Album herangegangen, wie wir es immer machen. Zumindest wie wir es bei den letzten drei Alben gemacht haben. Nikola und Mathias haben die Ideen, wir treffen uns dann zwei Mal im Monat und proben beispielsweise von Donnerstag bis Sonnabend. An diesen Tagen geht es dann intensiv zur Sache, und wir nehmen die Sachen gleichzeitig auf. Nikola lebt seit sieben Jahren in einer anderen Stadt, deswegen muss er immer zum Proben anreisen. Seitdem hat sich bei uns im Grunde nichts geändert.

Die Songs sind teilweise wieder ein wenig schneller geworden.
Frederik: Okay, das sind unsere Wurzeln. Wir wissen genau wie man diese Musik spielt und probieren ständig herum. Als wir uns um die aktuellen Songs gekümmert haben, klangen diese einfach gut, also rauf auf das Album mir ihnen. Solange sich ein Song prima anhört, spielt es für uns keine Rolle, ob er schnell oder langsam ist.

Vor nicht allzu langer Zeit brachte Nikola sein erstes Solo-Album heraus, auf ?Kingwood? gibt es schon wieder zwölf Songs, an denen Nikola maßgeblich beteiligt ist. Kannst du mir erklären, wo der Kerl die ganzen Ideen hernimmt?
Frederik: Er ist bekloppt! Nein, Nikola interessiert sich sehr für Musik und verfügt über eine Menge Talent. Er denkt zudem viel über Musik nach und verpackt seine Gedanken in Songtexten und Melodien. Einiges passt dann besser zu Millencolin, andere Sachen eignen sich eher für seine Solo-Karriere. Auf jeden Fall ist ein großartiger Musiker.

In einem anderen Interview meinte er, dass er zum letzten Mal Mitte der Neunziger einen Job hatte.
Frederik: Gut möglich. Wir leben seit 1995 von der Musik. Ich glaube, Erik hatte noch nie einen richtigen Job. Er ist quasi von der Schule direkt auf Tournee gegangen. Aber ich hatte mal einen Job.

Wir hatten vorhin über das Songwriting gesprochen. In der Beziehung fällt mir euer Song ?Mooseman?s Jukebox? auf, der textlich aus Songtiteln eurer Lieblingsbands besteht. Wie kommt man auf eine solche Idee?
Frederik: Daran ist natürlich Nikola schuld. Aber es ist eine tolle Idee! Wir vier mögen die Bands, die hinter diesen Titeln stecken, wahnsinnig gerne und fühlen uns von ihnen auch inspiriert. Ursprünglich sollte der Song ?Kingwood Days? genannt werden, aber er sollte nicht der Titelsong des Albums werden, weswegen wir ihn dann im Endeffekt ?Mooseman?s Jukebox? genannt haben. Es ist schon lustig, denn wenn man ihn das erste Mal hört, versteht man den Sinn des Textes überhaupt nicht. Dann fallen die Groschen immer mehr, und nachher versuchen die Hörer, möglichst viele bekannte Songtitel herauszuhören.

Habt ihr wegen eures Artworks trotz Hinweis im Booklet, dass ihr weder Waffen noch Hersteller noch waffenbezogene Vereinigungen unterstützt, irgendwann mal Kritik zu hören bekommen?
Frederik:Überhaupt nicht. Obwohl die Menschen ab und zu auf verrückte Ideen kommen. Sicher könnte man Leute finden, die davon ausgehen, dass wir Jäger sind, anstatt einfach auf den Gedanken zu kommen, die Sachen könnten lustig aussehen. Manchmal analysieren die Menschen einfach zu viel, deswegen haben wir diesen Vermerk ins Booklet geschrieben. Wir wollten keine Verwirrung stiften.

Inzwischen sprechen zahlreiche Kritiker vom typischen Millencolin-Sound. Kannst du dir vorstellen, was dahinter steckt?
Frederik: Ich denke mal, sie beziehen sich auf das ?Life On A Plate?- und ?For Monkeys?-Album. Diese beiden Platten kommen immer wieder ins Gespräch, wenn von unserem typischen Sound die Rede ist. Daran orientieren wir uns auch heute noch, aber wir lassen uns nicht von Kritikern verbiegen. Wir stehen zu dem, was wir machen. Andere wiederum identifizieren uns mit ?Pennybridge Pioneers? an meisten, weil es den größten Bruch mit dem Stil des Vorgängeralbums verzeichnet.

Gibt es für dich denn Merkmale, die deine Band unbedingt besitzen muss? Oder hören wir bald Streicher in euren Songs?
Frederik: Was mich persönlich betrifft, so kenne ich keine Grenzen. Ich halte Millencolin auch nicht für eine Punkrockband, sondern schlicht für eine Band.

Ich habe mal etwas von einem ?Millencolin Skateborading-Contest? erfahren. Kannst du mir darüber genauere Informationen geben?
Frederik: Ja, diesen Wettbewerb gibt es jetzt seit drei Jahren in unserer Heimatstadt in einer großen Halle. Erik hat sich dafür mächtig ins Zeug gelegt, und wir versuchen, jedes Jahr diese Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Jeder, der möchte, kann teilnehmen. Das sieht dann so aus, dass wir freitags die Qualifikationen austragen, abends gibt es eine große Party, und sonnabends steigt dann die Endausscheidung.

Klingt sehr professionell?
Frederik: Stimmt, dieser Wettbewerb wird als der beste in ganz Schweden gesehen. Die schwedische Skater-Elite lässt ihn sich auf keinen Fall entgehen, dazu kommen noch Top-Fahrer aus England und Frankreich.

Was denkst du in diesem Sinne über Bands, die sich so stark vermarkten? Viele Bands gründen Klamottenmarken, welche fast ausschließlich über die Musiker, die dahinter stecken, identifiziert werden.
Frederik: Na ja, ich überlasse jedem die Entscheidung selbst, sich in diese Richtung zu entwickeln. Außerdem wird doch kein Mensch dazu gezwungen, die Klamotten zu kaufen. Aber das Geschäft mit der Musik ist so vielschichtig geworden?

Ihr habt immerhin auch euren eigenen Vans Old-Skool-Schuh.
Frederik: Dieses Modell basiert auf einer engen Zusammenarbeit. 1997 haben wir auf der Vans Warped Tour in den Staaten gespielt und Leute von Vans kennen gelernt. Seit vielen Jahren bringt diese Firma Pro-Modelle heraus, ich denke da zum Beispiel an Steve Caballero, und es gibt wahnsinnig viele junge Skater, die sich nichts sehnlicher als ein eigenes Schuhmodell wünschen. Als wir uns mit den Leuten von Vans unterhalten haben, sind wir zu dem Entschluss gekommen, die Sache mit dem eigenen Bandmodell auszuprobieren. Vans hatte so etwas vorher auch noch nicht auf den Markt gebracht, und wir haben einfach nur aus Spaß mitgemacht. Ich denke, heute wird das Modell nicht mehr hergestellt.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Ihr wart die erste Band aus Europa, die eine Platte auf Epitaph Records herausgebracht hat. Macht man sich nicht ein bisschen in die Hose, wenn man plötzlich auf einem Label mit den großen Vorbildern wie Rancid, NOFX und The Offspring ist?
Frederik: Ein bisschen? Wir hatten von so etwas nicht einmal zu träumen gewagt. Als sich die Zusammenarbeit dann anbahnte, hatten wir absolut keine Bedenken. Alles, was Epitaph damals herausgebracht hatte, hatte Hand und Fuß. Im Laufe der Zeit sind wir dann gute Freunde mit Brett geworden, der später bekanntlich ?Pennybridge Pioneers? produziert hat. Der Sprung zu Epitaph war definitiv einer der größten Schritte, die wir gemacht haben. Ein legendäres Label!

Was auffällt ist, dass Millencolin seit zwölf Jahren aus den selben Mitgliedern besteht. Wie gelangt ihr zu dieser Konstanz?
Frederik: Keine Ahnung. Wenn man lange in einer Band mit den selben Leuten spielt, lernt man diese ziemlich gut kennen. Man versteht sich immer besser und weiß auch, wie man Aussagen zu bewerten hat. Und wenn jemand mal eine schlechte Phase hat, kann man sich um ihn kümmern und ihn aufbauen. Was aber nicht heißen soll, dass wir ständig zusammen sind. Nach ?For Monkeys? mussten wir uns eine Auszeit nehmen, da wir gespürt haben, dass wir vier nicht ständig gemeinsam auf Tour sein können. Eine gewisse Zweit zusammen ist nicht nur okay, sondern auch wichtig in Bezug auf ein neues Album. Man muss bloß rechtzeitig erkennen, wann man voneinander Abstand nehmen sollte. Ob du es glaubst oder nicht, aber wir waren schon kurz davor, die Band aufzulösen. Das war Ende 1998. Wir brauchten unbedingt eine Auszeit, die wir uns natürlich genommen haben, um neue Energie zu sammeln und uns neue Ziele zu stecken. Und tatsächlich hatten wir nach einiger Zeit das gemeinsame Musikmachen wieder vermisst. Wir fingen wieder an zu Proben, hatten Unmengen von Ideen und ein Angebot von Mr. Brett, das neue Album zu produzieren. Da gab es keinen Zweifel mehr.

Millencolin 2005 ? wie viel Leidenschaft und wie viel Beruf?
Frederik: Auf jeden Fall eine Menge Leidenschaft! Das Touren kann sehr anstrengend sein, aber die Show auf der Bühne entschädigt eine Menge. Am Anfang, als noch vieles neu war, ging es noch darum, betrunken zu werden oder sich die Städte anzusehen. Heute konzentriert man sich zu 120 Prozent darauf, eine gute Show abzuliefern. Als junge Band setzt man eben andere Prioritäten.

Mittlerweile ist die Liste eurer Ausrüster ziemlich lang geworden, wenn ich mal einen Blick auf eure Website werfe.
Frederik: Aber ?Ausrüster? bedeutet nicht automatisch, dass wir alles kostenlos bekommen. Das ist ein Nehmen und Geben: Du bekommst Rabatt, dafür erwähnst du ihren Namen. Wir werden seit geraumer Zeit von Vans und We unterstützt. Die Leute kennen wir schon jahrelang, Erik hat sogar mal für We einige Sachen entworfen. Was die Instrumente betrifft, so bekomme ich nicht regelmäßig Schlagzeuge geschenkt. Ihre Unterstützung besteht darin, dass sie mir Instrumente zur Verfügung stellen, wenn wir beispielsweise in den USA oder in Australien unterwegs sind. Das Mindeste, was ich im Gegenzug dafür machen kann, ist, diese Firmen zu erwähnen. Die Tattoos lassen wir uns ebenfalls von Freunden aus unserer Heimatstadt stechen. Einer von den Jungs hat mal bei Bombshell Rocks gespielt und arbeitet jetzt als Tätowierer. Wieso sollten wir ihm nicht auch ein wenig auf die Sprünge helfen?

Du bist vorher schon ein bisschen auf dieses Thema eingegangen. Hat sich angesichts deines Alters das Leben auf Tour verändert?
Frederik: Klar, ich bin jetzt 32 Jahre alt und habe eine Menge Erfahrungen gesammelt. Ich glaube, ich war auf dieser Tour noch nicht einmal angetrunken. Es spricht nichts dagegen, zwischendurch einmal kräftig zu feiern, am schlimmsten ist jedoch der Tag danach. Wir sind keine Asketen, es hängt aber von der Laune ab. Wenn man gut drauf ist, dann kann man sich auch mal schön aus dem Leben schießen.

Ich habe gelesen, dass man in Schweden vom Staat finanziell überstützt wird, wenn man eine Band gründet. Stimmt das wirklich?
Frederik: Ja, es gibt in Schweden Organisationen, die einem unter die Arme greifen, wenn man sich beispielsweise Instrumente leihen oder einen Probenraum mieten muss. Dazu bekommt man noch ein wenig Zeit im Studio zur Verfügung gestellt, was ich persönlich sehr gut finde. Mit dem Geld kann man zwar keine Bäume ausreißen, dennoch hilft es jungen Bands schon weiter. Aus diesem Grund gibt es im Schweden auch so viele gute Bands.

Wann war der Zeitpunkt, an dem du gemerkt hast, dass mit deiner Band eine Menge drin ist?
Frederik: Ich würde sagen so ungefähr 1994 oder 1995, als wir anfingen, quer durch Schweden zu touren. Viele große Festivals haben uns gebucht, auf denen ? in unseren Augen ? richtig berühmte Bands spielten. Und wir durften sogar auf den großen Bühnen ran. Dazu kamen noch ein paar Stadtfeste, auf denen wir ein breites Publikum erreichten. Folglich tauchten auch einige unserer Songs in den schwedischen Charts auf. An diesem Punkt ging uns schon durch den Kopf, dass wir auf einem guten Weg sind, auf der anderen Seite merkten wir aber auch, dass die Medien einen riesigen Einfluss haben. Als wir dann außerhalb von Schweden unterwegs waren?wir waren unter anderem mit Pennywise hier in Deutschland?

War das die Tour, auf der Fletcher so abgedreht ist?
Frederik: Ja, hier in Hamburg in der Markthalle?Auf jeden Fall sind wir für einige Zeit kaum noch in Schweden aufgetreten, was sich in letzter Zeit wieder geändert hat. Mittlerweile haben die heimischen Medien auch mitbekommen, dass es nicht um Bands geht, die komische Fratzen schneiden, sondern um die Musik, die sie spielen.

Meine letzte Frage: Wenn du zwischen einem Skateboard und einem Schlagzeug wählen könntest, was würdest du vernachlässigen?
Frederik: Definitiv das Skateborad, denn das wäre am besten für die Band. Auf Tour hatte ich mit einmal das Schlüsselbein und einmal den Arm gebrochen, so dass Ross von Bodyjar und Kjell von No Fun At All für mich einspringen mussten. Es ist ein blödes Gefühl, seine eigene Band live spielen zu sehen.

Also, Finger weg von den Skateboards!
Frederik: Auf jeden Fall!

Frederik, vielen Dank für das Interview!

INTERVIEW: Jack

Impressum © 2006 hoersturz.net