Interview

OHNE PROBEN NACH OBEN

ME FIRST AND THE GIMME GIMMES
02.05.2006, Hamburg, Docks

Dass wir das noch erleben durften: Me First and the Gimme Gimmes haben es tatsächlich hinbekommen, eine kleine Europatour auf die Beine zu stellen. Im Grunde sollten die fünf gestandenen Musikanten unseren Kontinent bereits im September 2005 beehren, was allerdings an einem schweren Krankheitsfall in der Familie Fat Mikes scheiterte. Dem  Nachholbedarf wurde die All-Star-Formation des Punkrock vor kurzem unter anderem mit einem Konzert in Hamburg gerecht. Da ist es natürlich klar wie Kloßbrühe, dass sich einer der Meister der Coversongs unseren originalen Fragen stellen musste. Und wer einen Joey Cape in der Band hat, braucht sich wirklich keine Gedanken zu machen, wer als Interviewpartner herhalten muss.

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass euer nächstes Album etwas mit Country und Western zu tun hat. Kannst du ein paar genauere Informationen geben?
Joey:
Ja, es wird definitiv eine Country-Platte, und sie ist so gut wie fertig. Ich mag die Songs wirklich sehr. Tolles Album!

Welche Künstler stehen denn dieses Mal zur Debatte?
Joey:
In diesem Fall sind die Klassiker wie Hank Williams, Johnny Cash und Willie Nelson natürlich unumgänglich. Wir sind ursprünglich mit der Absicht an das Album herangegangen, viele Klassiker dieses Genres zu spielen, doch das klappte nicht so ganz, denn viele der bekanntesten Songs klingen als Coverversionen schlichtweg zu langweilig. Wir wollen selbstverständlich ein hörenswertes Album abliefern, deswegen haben wir die neueren Sachen unter die Lupe genommen. Deswegen ist auch beispielsweise ein Song von Garth Brooks vertreten. Was das neue Album außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass wir dieses Mal im Vorwege so viele Songs wie noch nie in Betracht gezogen, ausprobiert und wieder verworfen haben. Ich glaube, die Zahl liegt so bei 250 Songs, von denen wir dann unter dem Strich 19 in die engere Auswahl genommen haben. Du kannst dir sicher vorstellen, dass da ziemlich dummes Zeug bei ist.

250 Songs! Wie bekommt man das hin? Ihr müsste die Songs immerhin nicht nur hören, sondern auch mit denen arbeiten?
Joey:
Das zieht sich aber über Monate hinweg. Und wenn man sich derart lange mit dieser Musikrichtung beschäftigt hat ? ganz ehrlich ? fällt es einem schwer, einen Country-Titel zu nennen, an dem wir nicht dran waren. Man könnte meinen, ich wüsste alles über diese Musik. Es ist nachvollziehbar, dass wir uns zuerst auf die großen Namen gestürzt haben, letztendlich bin ich aber selbst total überrascht, welche Songs zum Teil auf diesem Album gelandet sind. So lange sie gut klingen?

Habt ihr jemals mit dem Gedanken gespielt, ein Album zu veröffentlichen, das ausschließlich aus Songs einer einzigen Band besteht, beispielsweise der Beatles oder von den Ramones?
Joey:
Ja, wir hatten die Beatles mal im Visier! Aber auf keinen Fall die Ramones. Das würden wir niemals machen ? eine Punkband covern. Die Ramones haben ausgezeichnete Songs abgeliefert, die für uns unantastbar sind. Wir beschränken uns darauf, Songs nachzuspielen, die nicht dem Punkrock entspringen. Wir suchen nach Titeln, die eigentlich jeder kennt, und ganz besonders interessieren wir uns für die geschmacklosen Nummern, über die die Kids verwundert den Kopf schütteln. Das ist natürlich schwierig im Bezug auf die Beatles. An der Qualität ihrer Songs ist ein spezielles Album bisher auch immer gescheitert. Auf unserer Live-Platte haben wir es dann trotzdem gewagt, was bei allen von uns für einen Meinungsumschwung gesorgt hat. Dennoch ist es wahnsinnig schwer, die passenden Songs zu finden, aber wenn wir ausschließlich eine Band unter unsere Fittiche nehmen sollen, dann werden es definitiv die Beatles sein, da jeder von uns auf die Jungs steht.

Wo liegt eigentlich der Ursprung von Me First and the Gimme Gimmes?
Joey:
Das ist eine komische Geschichte. Chris Shifflet und ich hatten zusammen gewohnt und eines Tages die merkwürdige Idee, eine Art Cover-Band auf die Beine zu stellen. Als es darum ging, welche Songs wir eigentlich nachspielen sollen, fielen uns eine Menge seltsamer Songs ein, die zum Teil auf unserem ersten Me First-Album gelandet sind. Auf jeden Fall hatten wir die gesammelten Werke an unseren Kühlschrank geklebt, und dann kam Mike auf uns zu, weil er eine Cover-Band gründen wollte. Das passte hervorragend, denn Chris und ich wollten das wie gesagt auch. Dementsprechend hat diese Idee keinen bestimmten Ursprung, es ist vielmehr das, was dabei herauskommt, wenn einige Freunde die selbe Idee haben. Wenn ich mich da richtig entsinne?Mike erzählt überall herum, dass Me First and the Gimme Gimmes sein Werk sei.

Ihr habt jede Menge Singles auf jeweils unterschiedlichen Plattenfirmen veröffentlicht. Was steckt hinter diesem Konzept?
Joey:
Als wir mit der Band anfingen, lag es natürlich nahe, dass wir auf Fat Wreck Chords landen. Ich meine, wir alle spielen oder spielten in Bands, die auf diesem Label sind, zumal es Mike gehört. Aber so richtige Gedanken zu dem Thema hatten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht. Wir wollten eigentlich nur gemeinsam ein bisschen Musik in einigen kleinen Kneipen machen und uns dabei ein paar Drinks genehmigen. Wir produzierten dann einige Singles in geringer Auflage, die auf verschiedenen Plattenfirmen erscheinen sollten. Das ist das Tolle daran, in einer Punkband zu spielen. Du kannst einen Tonträger produzieren und ihn dann auf einem beliebigen Label veröffentlichen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass unsere erste Single einen derart großen Absatz findet. Und auch die folgenden Singles waren total begehrt. Bis heute muss ich darüber staunen, was aus uns geworden ist. Wir wollten doch nur Spaß haben. Und heute spielen wir in dieser großen Halle, und as Konzert ist ausverkauft. Das ist doch bescheuert!

Ist das Spielen in Me First and the Gimme Gimmes der leichteste und ungezwungenste  Job als Punkrock-Musiker oder musst du dafür hart arbeiten?
Joey:
Nein, es ist leicht. Unglaublich leicht.

Ihr müsst ja auch keine Songs schreiben?
Joey:
Erstens das, außerdem proben wir überhaupt nicht. Das was ich vorhin über die Auswahl der Songs erzählt habe, ist schon fast das Anstrengendste. Wir spielen quasi nur zusammen, wenn wir die Songs aufnehmen. Ich lerne sie während der Aufnahmen. Vor einer Tour proben wir ebenfalls nicht. Und so kann es schon einmal vorkommen ? wie bei den ersten drei Daten dieser Tour ? dass wir nicht viel hinbekommen. Die Tatsache, dass wir für jede Show eine andere Set-List zusammenstellen, kommt noch erschwerend hinzu. Aber ich denke, dass es heute eine gute Show wird. Auf der anderen Seite könnte es aber auch sein, dass Mike wieder sehr betrunken ist, also bin ich lieber vorsichtig mit meiner Prognose.

Du hattest mir im Vorwege dieses Interviews erzählt, dass nicht Chris, sondern sein Bruder Scott auf dieser Tour mit von der Partie ist.
Joey:
Ja, Chris hat immer einen vollen Terminkalender mit den Foo Fighters. Sein Leben sieht ein wenig anders aus als unseres, denn wenn man in einer solchen Band spielt, hat man längst nicht so viele Freiheiten.

Scott spielte doch auch vor einiger Zeit mal in Face To Face, oder?
Joey:
Ja, das war damals. Er ist ein wirklich großartiger Musiker und wahrscheinlich der talentierteste in dieser Formation. Zudem bin ich mit ihm und Chris aufgewachsen, wir sind von Kindesbeinen an Freunde. Aus diesem Grund freut es mich auch, dass Scott auf dieser Tour dabei ist.

Ist es leicht, einfach so ein Bandmitglied zu ersetzen?
Joey:
Ziemlich, immerhin spielen wir Coverversionen. Es gab auch schon viele Leute, die eingesprungen sind: Warren von den Vandals und Brian Baker von Bad Religion. Brian hat sogar einmal eine komplette Tour mit uns gespielt, aber auch er hat mit seiner ursprünglichen Band eine Menge um die Ohren. Weißt du, Dave und ich sind mit Lagwagon unterwegs, Spike hat momentan nicht so viel zu tun, Mike hat NOFX ? wenn dann noch Chris seinen Kalender mit den Foo Fighters auf den Tisch legt, ist es fast ausgeschlossen, eine Tour in Original-Besetzung auf die Beine zu stellen. Chris hat keine Zeit, also wurde sein Bruder Scott rekrutiert. Trotzdem bleibt Chris der Original-Gitarrist, auch wenn Scott viel mehr Zeit hat. Ich persönlich fand es großartig, mit Brian Baker einige Konzerte zusammen zu spielen, weil er jemand ist, zu dem ich seinerzeit aufgesehen habe. Brian ist ein toller Typ, der es sogar mit uns ausgehalten hat. Aber auch er hat jede Menge Verpflichtungen.

Trotzdem habt ihr es geschafft, in Original-Besetzung auf einer Bar Mitzwah zu spielen, was auf eurem Live-Album dokumentiert ist. Dies scheint den älteren Gästen auf dieser Veranstaltung nicht so ganz geschmeckt zu haben, wie man auf den angehängten Videos unschwer erkennen kann.
Joey:
Oh Mann, ich versuche, dir die Situation zu beschreiben. Also, wir standen auf einer Bühne und blickten in einen viereckigen Raum gefüllt mit Tischreihen, an denen eine Menge Kinder saßen. Eine Bar Mitzwah eben. Im Hintergrund befanden sich die älteren Herrschafen, zudem gab es noch einen Nebenraum, der durch eine Glaswand abgetrennt war. Darin hielten sich die richtig alten Leute auf. Auf jeden Fall schien ihnen nicht bewusst gewesen zu sein, was auf sie zukommt, und als wir dann anfingen zu spielen?na ja?sie sahen nicht gerade fröhlich aus. Mit der Zeit ? wir spielten zwei Sets ? wurden wir immer betrunkener und die älteren Gäste ebenfalls. Tatsächlich trauten sich zu späterer Stunde einige Gäste auf die Tanzfläche wie man auf den Videoclips erkennen kann. Im Nachhinein wurde es eine richtig lustige Sache, aber die ersten zwei Stunden waren schrecklich. Ich fühlte mich nicht besonders wohl auf dieser Bühne, hinzu kam noch Fat Mike, der unsere Band regelmäßig schlecht macht. Er steht auf so etwas. Dieser Auftritt hatte nichts mit einer Punkrock-Show am Hut, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es eine der coolsten Sachen, die ich jemals erlebt habe. Mike ist ein cleverer Typ. Wir hatten bereits seit einiger Zeit die Idee, ein Live-Album aufzunehmen. Relativ zeitgleich kam die Anfrage eines Mannes, den Mike kannte, ob wir nicht Lust hätten, auf einer Bar Mitzwah aufzutreten. Also haben wir beides miteinander kombiniert. Eine bescheuerte Idee, die sich wenig später als genialer Einfall entpuppte.

Gibt es Songs, die ihr niemals covern würdet? Du hattest vorhin die Songs der Ramones erwähnt.
Joey:
Punkbands sind auf jeden Fall tabu. Wir machen aus Musik anderer Stilrichtungen Punksongs. Ich denke mal, dass wir auch vom traditionellen Metal die Finger lassen, weil es nicht klappen wird. Jazz und Klassik sind ebenfalls schwer umzusetzen, das wird wohl auch nichts. Bleibt also nur noch die Pop-Musik über mit ihren guten Melodien.

Hast du eine Ahnung wie groß euer Song-Repertoire ist?
Joey:
Jetzt, wo Scott dabei ist, haben wir so in etwa 30 Songs auf Lager. Was mich betrifft, so ist es echt schwer zu sagen, weil wir zahlreiche Songs live noch nie gespielt haben. Diese muss ich dann wieder auffrischen, was aber nicht so anstrengend ist. Prinzipiell überlegen wir uns, welche Songs eine gute Show garantieren und welche Songs von den Leuten gefordert werden. Daran orientieren wir uns im Vorwege und basteln zwei komplett unterschiedliche Sets zusammen, die wir dann von Show zu Show miteinander vermischen. Das reicht üblicher Weise für eine Tour.

Könnt ihr euch einfach so an den Songs vergreifen, oder müsst ihr bei den Original-Künstlern vorher anfragen?
Joey:
Grundsätzlich sieht es so aus, dass man jeden Song covern darf, so lange man dafür bezahlt. Wir haben eine gute Anwältin, die uns die ganze Lizenzierungs-Arbeit abnimmt. Sie klärt alles und sorgt dafür, dass wir keinerlei Schwierigkeiten bekommen. Den Urhebern der Songs wird mitgeteilt, dass wir deren Songs nachspielen, sie erhalten eine Vergütung dafür und schon kann es losgehen. So läuft es eben mit der Geld-Maschinerie, aber die Beträge sind nicht wirklich hoch.

Fällt es dir schwer, in dieser Band nicht der Mann an der Front zu sein?
Joey:
On nein, ich liebe es! Ich hasse es, als Frontmann aufzutreten. Deswegen spiele ich so gerne im Me First and the Gimme Gimmes. Grundsätzlich haben wir eine Menge Leute an Bord, die viel Quatsch reden. Wir reden und streiten auf der Bühne miteinander, fallen uns ins Wort?ich habe so viele Jahre auf dem Buckel, in denen ich einfach nur der Mann am Mikrofon gewesen bin.

Tretet ihr diese Tour an, weil ich gerne einmal richtig in Europa spielen wolltet, oder weil ihr euch gegenüber euren Fans verpflichtet fühlt, die jahrelang auf dieses Live-Erlebnis hoffen und schlussendlich erfahren müssen, dass ihr ein weiteres Mal auf der Warped Tour unterwegs seid und Europa leer ausgeht?
Joey:
Hey, wir sind schon einmal hier aufgetreten!

Okay, vor diversen Jahren in Berlin?
Joey:
Und in Amsterdam und London! Nein, zu der Zeit waren wir mit NOFX und Lag Wagon sowieso in Europa unterwegs und konnten dadurch einige wenige Auftritte einstreuen. Um ehrlich zu sein ist es verdammt schwer, solch eine Tour auf die Beine zu stellen, da jedes Bandmitglied mit seiner eigenen Band viel am Hut hat. Europa ist cool, da wir hier viele tolle Fans haben. Eigentlich hasse ich es, auf der Warped Tour aufzutreten. Das betrifft mich aber nur persönlich, sie ist einfach nicht mein Ding.

Habt ihr viele Probleme mit Redakteuren, die Interviews mit den Me First and the Gimme Gimmes dazu missbrachen, um Informationen über eure eigentlichen Bands zu bekommen?
Joey:
Mit diesem Problem sieht sich Mike oftmals konfrontiert, weil er sonst sehr selten Interviews gibt. Ich bin leicht für Interviews zu bekommen, das habe ich auch von Beginn an bei Lagwagon so gehandhabt. Ich stand immer allen Anfragen offen gegenüber ohne irgendwelche Einschränkungen zu machen. Ich finde es absolut cool, mich mit Leuten zu  unterhalten, die sich ernsthaft für das interessieren, was ich mache. Auf einer Tour musste ich einige Interviews absagen, weil meine Stimme in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das lag sicher daran, dass ich zu viel rede. Das ist jetzt aber kein Problem, weil ich bei den Gimmes pro Auftritt so ungefähr fünf Zeilen singe.

Es gibt unzählige Bands, die irgendwelche Songs covern. Ich erinnere nur kurz an Lagwagon mit ?Brown Eyed Girl?, MXPX mit ?Summer of 69? oder Millencolin, die ?Knowledge? von Operation Ivy nachgespielt haben. Gibt es unter der Menge an Coverversionen etwas, was dich total vom Hocker haut?
Joey:
Ich denke, dass es viele Bands gibt, die Coverversionen produzieren, weil sie sich dadurch irgendeinen Erfolg erhoffen. Darunter leidet oftmals automatisch deren Qualität. So dermaßen viele Bands haben mindestens einen Coversong in ihrem Set, der nicht einmal gut ist. Nur, weil es seinerzeit ein Hit war, muss die Coverversion nicht auch gleich ein Kracher werden. Was mich als Jugendlicher schon beeindruckte, waren The Avengers mit ?Paint It Black? von den Stones. Die Version liebe ich schon seit Jahren! Großartig war auch Sid Vicious mit ?My Way?, selbiges gilt für Joey Ramones Version von ?Wonderful World?. Da gibt es noch viele mehr, und ich bin mir sicher, dass sie mir auch einfallen, wenn sich unsere Wege trennen?ich liebe es, wenn eine Band eine Song auf ihre eigene Art und Weise nachspielt. Oh, weißt du, welcher Coversong mein absoluter Favorit ist? ?Hurt? von Johnny Cash. Das ist zwar kein Punksong, aber er ist so was von gut! Wenn ich ihn höre, muss ich fast anfangen zu weinen.

Joey, vielen Dank, dass du dir (wieder einmal) Zeit für uns genommen hast.


INTERVIEW: Jack

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