Interview

DAS OZZ-FEST IST NICHTS FÜR UNS

RAISED FIST
08.05.2006, Hamburg, Molotow

Luleå. Ein Ort den jeder Hardcore-Anhänger kennen sollte. Vor fast genau 13 Jahren gründeten Alexander Rajkovic, die beiden Gitarristen Petri Rönnberg und Tommy sowie Basser Andreas 'Josse' Johansson und Drummer Peter Karlsson die Hardcoreformation Raised Fist. In diesem Jahr veröffentlichten die Schweden ihr viel umjubeltes Album "Sound Of The Republic", was für uns Grund genug war mit Basser Josse ein Interview über abgelehnte Headliner-Festivals, Besatzungswechsel und die Eigensinnigkeit seiner Band zu reden.

Josse, warum hat es diesmal so lange gedauert, um den Nachfolger von ?Dedication? zu veröffentlichen?
Josse: Nun, wir fühlten uns vorher nicht in der Lage einen geeigneten Nachfolger für ?Dedication? herauszubringen. Wir waren lange auf Tour und danach waren wir sicher, dass die Zeit reif wäre und wir Lust auf ein neues Album hatten. Auch hatten wir dann die Unterstützung unserer Familie, Freunde und Plattenfirma.

Bist du zufrieden mit dem Resultat?
Josse: Ich bin sogar sehr zufrieden mit dem Album. Es ist genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt machen und tun wollten. Es fühlt sich besser und neuer an.

Habt ihr diesmal mehr oder weniger Zeit für ?Sound Of The Republic? gebraucht?
Josse: Die reinen Aufnahmen dauerten ein bisschen länger als sonst. Ein bis zwei Monate brauchen wir für das Songwriting und danach geht´s dann schon ins Studio.

Gibt es von Burning Heart keine Vorgaben, dass ihr wie viele US-Bands in kürzeren Abständen Alben veröffentlichen müsst?
Josse: Nein, wir fühlen da absolut keinen Druck. Wir machen einfach nur das, was wir wollen. Wenn wir in dem Jahr kein Album machen, dann machen wir auch keines. Sollte das irgendwann bedeuten, dass unser Deal in Gefahr ist, dann haben wir Pech gehabt, werden uns aber sicherlich nicht unterwerfen.

Dann habt ihr in Burning Heart so etwas wie euer perfektes zu Hause gefunden, oder?
Josse: Sie wissen genau, was wir machen und mögen unsere Musik. Nur das ist wichtig.
Sie respektieren uns und geben uns den Rückhalt, die man sich von seiner Plattenfirma wünscht. Dazu muss man gestehen, dass wir keine einfache Band sind. Mit uns zu arbeiten ist teilweise sehr schwierig, da wir immer das machen, was wir wollen. Viele Tourangebote haben wir ausgeschlagen, weil wir zu diesem Zeitpunkt einfach keine Lust hatten.
Wenn es an der Zeit ist so wie jetzt, dann machen wir es.

Was hältst du von Against Me!, die dieses Jahr zu einem Major gewechselt sind?
Josse: Ehrlich? Ist mir vollkommen egal. So lange die Jungs genau das machen, worauf sie Lust haben, dann ist es OK. So lange du stolz auf deine Arbeit bist, ist es vollkommen belanglos, wo du unter Vertrag bist.

Du meinst so wie Rise Against?
Josse: Ja, sie erreichen jetzt viel mehr Leute mit ihrer Musik und sind trotzdem keine anderen Menschen geworden. Sie sind weiterhin stolz auf das was sie gerade machen.
Hilft dir der Majordeal, um deine Message zu verbreiten, dann ist es ein sehr guter Grund. Trotzdem würde ich es nicht machen.
Mir geht es um den Spass mit meiner Band. Mit einem Deal von Sony oder den anderen Firmen in der Tasche, wird ewig Druck auf dich ausgeübt. Du musst touren, du musst ein neues Album herausbringen, die Promotion funktioniert so, du musst hier sein usw.

Was hältst du von Interviews?
Josse (lacht): Keine meiner Lieblingsaufgaben. Allerdings wenn wir ein neues Album veröffentlicht haben, dann muss man sich schon einmal aufraffen, um ein paar Interviews zu machen. Die Leute wollen natürlich so einiges über das Album erfahren.
Außerdem machen Burning Heart so viel für uns, dass wir ihnen solche Sachen einfach schulden.

Gab es einen Grund, warum ihr diesmal zwölf Songs auf ?Sound Of The Republic? gepackt habt? Normalerweise besteht das Standard-Raised Fist-Album aus genau elf Songs.
Josse: Wir wollten mal neue Wege gehen. Nein, nicht wirklich. Wir konnten uns einfach nicht für nur 11 Songs entscheiden, so dass diesmal einfach ein Song mehr auf dem Album ist.
Es war nie unsere Absicht wieder 11 Songs auf das Album zu packen.

Auf dem neuen Album ist erstmalig Matte Modin am Schlagzeug zu hören. Wie kam dieser Wechsel zustande? Gibt es ein Problem bei der richtigen Besetzung dieser Position, da es ja nicht der erste Wechsel war?
Josse: Es ist kein wirkliches Problem, das mit der Position zu tun hat. Einige Leute fühlen sich einfach nicht mehr wohl oder wollen andere Sachen machen. Ok, dann ist jedem selbst überlassen zu gehen, was dann auch die einzige logische Konsequenz ist.
Raised Fist steht für eine bestimmte Art und Weise wie wir Sachen angehen und machen. Fehlt die Motivation diese Dinge genau so zu machen, dann gibt keine Möglichkeit länger bei uns zu bleiben.
Oskar zum Beispiel hat sich bei unserer Tour in Kanada verletzt. Daraufhin wollte er die Tour natürlich nicht zu Ende spielen, da die Schmerzen zu groß gewesen wären. Nach dem er die Verletzung auskuriert hatte interessierte er sich auf für andere Bands, so dass seine ganze Aufmerksamkeit nicht mehr Raised Fist gehörte.

?Sound Of The Republic? klingt melodiöser als sein Vorgänger. Auf dem Titelsong gibt es sogar etwas wie Gesang. War das eure Absicht ein abwechslungsreicheres Album zu produzieren?
Jossse: Keine Angst, es ist immer noch Raised Fist. Wir haben schon immer verschiedene Einflüsse gehabt. Ein bisschen Punkrock und Metal hatten wir schon immer in unseren Alben. Im vorletzten Album war der Metalanteil schon enorm.
?Sound Of The Republic? vereint jetzt alle vorherigen Alben mit ihren verschiedenen Einflüssen. Ich glaube, es ist uns sehr gut gelungen Rock, Metal, Hardcore und Punk in einem Album zu konzentrieren.

Der letzte Song ?Time will let you go, all alone, I break? zeigt euch von einer sehr experimentierfreudigen Seite. Habt ihr euch einmal überlegt mehr Songs im Industrialgewand zu spielen?
Josse: Nein, wir denken niemals darüber nach wie ein Song jetzt unbedingt klingen soll.
Wir haben diesen Song zuerst auf einer Compilation veröffentlicht. Erst wurde der ganze Computerkram eingespielt bevor wir dann die Drums, Gitarren und den Gesang eingespielt haben. Es ist ein ganz besonderer Song und Sound, den wir unseren Hörern nicht vorenthalten wollten.

Also gibt es in Wirklichkeit doch nur die standardisierten 11 Songs? Der letzte Song zählt eigentlich überhaupt nicht?
Josse: Stimmt, so habe ich das noch nicht gesehen. Dann haben wir mit der Tradition eigentlich nicht gebrochen.

Ihr existiert als Band jetzt 13 Jahre. Wen euch Jemand am Anfang eurer ?Karriere? prophezeit hätte, dass ihr einer der hochgelobtesten Hardcorebands werdet. Was hättest du ihm damals gesagt?
Josse: Am Anfang? Keinen blassen Schimmer. Damals ging es einfach nur um Spaß mit den Freunden. Ein paar lokale Gigs spielen und Spaß haben. Das war´s.
Aber dann spielten wir mehr Gigs und so kam eines zum anderen. Wir veröffentlichten unser erste Album bei Burning Heart und die Leute möchten, was und wie wir es taten.
Du könntest mich jetzt auch Fragen, was Raised Fist in 10 Jahren machen. Ich hätte absolut keine Ahnung. Hoffentlich sind wir immer noch präsent, haben genau so viel Spaß wie jetzt und bleiben uns treu.

10 Jahre. Das hieße ungefähr, dass die eure Fans noch 2,5 Alben zu hören bekommen!?!
Josse (lacht): 2 oder 3. Doch eher 2 Alben. Wir werden auch nicht jünger.

Eure Musik wird als brutal oder aggressiv im positiven Sinne beschrieben. Was hat diese Art von Aggression verursacht?
Josse: Keine Ahnung. Wir lieben einfach diese Art von Musik. Das ist glaube ich alles.
Es gibt uns den Kick, den andere Menschen nur mit Alkohol, Drogen oder ähnlichen Sachen bekommen. Um ehrlich zu sein, muss die Musik von dir selbst ausgehen ohne äußere Einflüsse. Viele Bands bauen sich mit ihren Aggressionen ein Image auf, was aber nicht ehrlich ist. Es ist bloß eine Show, die absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Fast alle schwedischen Bands sind sehr wohl bekannt dafür, dass sie harte Musik produzieren, die über einen sehr eigenen Sound verfügt.
Macht ihr etwas anders als andere Bands? Gibt es ein Rezept für diesen gewaltigen Sound?
Josse: Ich glaube?. Hhmmmm. Scheisse, diese Frage konnte ich noch nie beantworten. Keine Ahnung, wo der Unterschied liegt. Wir sind einfach normale Mitglieder einer Band, die ?. Verdammt, vielleicht liegt es an unserer Region, in der so viele Metalbands leben und auftreten.

Daniel Bergstrand ist verantwortlich für den Grossteil eures Sounds. Inwieweit hat er euch beeinflusst? Gibt es Anzeichen, dass er das nächste Album nicht produziert?
Josse: Nein, es ist verdammt cool mit ihm zu arbeiten. Seine zurückhaltende Arbeitsweise liegt uns sehr. Niemals würde er uns vorschreiben wie dieser Part oder jener zu klingen hat.
Als Band sind wir sicherlich schwierig, aber wissen genau wie der Sound sein soll. Wir fragten ihn nur kurz, ob er dieses Album machen würde und schon ging es los. Daniel behauptet netterweise, dass es der beste Mix ist, den er je gemacht hat. Auch ich finde, dass der Sound einfach irre ist.

Es gibt Gerüchte, dass ihr es abgelehnt habt das Ozz-Fest in den USA zu spielen. Gab es Gründe für eure Entscheidung?
Josse: Zu diesem Zeitpunkt waren wir uns sicher, dass das Ozz-Fest nichts für uns wäre. Auch hatten wir keine Lust für 3 Monate durch die USA zu ziehen.
Viele halten dieses Verhalten für absolut dumm. So eine Möglichkeit muss man einfach annehmen, um die Karriere nach vorne zu pushen.
Totaler Schwachsinn. Uns geht es um Spaß und nicht um die Karriere.
Vielleicht würden wir später mit auf diese Tour gehen, aber zu diesem Zeitpunkt war das Angebot uninteressant.

Wie sehr sind Professionalität (der Job als Musiker), Ideologie (Message) und Spaß (Fünf Freunde teilen ihre Leidenschaft für Musik) in Raised Fist verbunden?
Jossse: Für uns ist es kein Job. Hier spielen Freunde zusammen und machen das für ihr Leben gern. Ob wir professionell sind kann ich gar nicht so genau sagen. Das was wir machen, machen wir so gut wie es geht. Aber Professionalität klingt schon wieder weniger nach Spaß, der uns immer begleitet. Sagen wir einfach, dass wir Freunde sind, die alles für einander machen würden, und immer das genau das machen, was wir wollen.

Klare Aussage. Vielen Dank für das Interview.


INTERVIEW:
Tim

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