Konzertbericht

TEMPELHOF AGAIN

BERLIN FESTIVAL
09.09. - 10.09.2011, Berlin, Flughafen Tempelhof

Liegt es wirklich in der Macht dieses blassen Knaben, die Regenwolken vom Himmel zu vertreiben? Oder ist es am Ende doch schlicht die schiere Wucht seiner Bässe, die den Horizont so klar erstrahlen lässt? Am Freitagnachmittag des Berlin Festivals machte James Blake mit einem fulminanten Dub Step-Konzert den Anfang einer Reihe von begeisternden Auftritten an diesem Septemberwochenende.

Da saß er auf der Bühne, in seinem blauen Hemd wie ein Verwaltungsfachangestellter, und schlug einem wie in seinem aktuell größten Hit, dem Feist-Cover "Limit to your Love", die Zeitlupenbässe um die Ohren, dass es eine Freude war.

Ein frühes Ausrufezeichen, dem die nachfolgenden Austra mit ihrem Witch House weiter Nachdruck verliehen. Wie schon bei ihrem Auftritt im Berghain im Juni legten sie ein überzeugendes Set auf die Hauptbühne. Der gelockte Keyboarder winkte mit ausufernden Armbewegungen all seine männlichen Schäfchen zu sich, die zwei Background-Sängerinnen bedienten die Sehnsüchte von Männern wie Frauen gleichermaßen.

Dass Dry the River nicht umsonst auf dem Glastonbury Festival als bester Nachwuchs-Act gekürt wurden, zeigten sie auch in Berlin eindrucksvoll. Das Publikum war zwar klein, ihr Herbst-Indierock dagegen hatte wahrlich Größe.

Währen später The Rapture mit neuen Songs und Altbewährtem die Messlatte für tanzbare Gitarren-Kuhglocken-Sounds hoch legten, gab die dänische Kylie Minogue-Kopie Oh Land auf der Hangar 5-Bühne synthetischen Belanglos-Pop zum Besten. Unterhaltsam war hier lediglich der Keyboarder, der offensichtlich bei David Guetta oder Scooter ein Wochenendseminar in Keyboard-Moves besucht hatte.

Von der Pausenmusik der Drums über die lauten Klangkonstrukte der Battles, die live sogar richtig Spaß machen können, und einen leider nur mäßigen Auftritt von Hercules and Love Affair landete man schließlich bei Primal Scream, die im Jahr 2011 tatsächlich noch die Kraft haben, ihr Album "Screamadelica" komplett zum Besten zu geben.

Und mit einem Mal standen dann die wiedervereinten Suede auf der Bühne. Die Konstellation hatte sich in all den Jahren nicht geändert: Die Band im Hintergrund sorgte ganz routiniert für die musikalische Grundlage, auf der Frontmann Brett Anderson mit vollem Einsatz dieses furiose Set mit ausladenden Gesten und in stets in Publikumsnähe interpretieren konnte.

Für alle Anhänger der elektronischen Musik startete nach dem Bühnenschluss in Tempelhof um Mitternacht nun der interessantere Part im Club Kreuzberg. Shuttle Busse brachten die Besucher zu den Club-Bühnen, wo die DJs auf ihr Publikum warteten. Ein Konzept, das dieses Jahr erfolgreich seine Premiere feierte, und sich somit ins Gesamtbild der sehr gelungenen Organisation einfügte.

Der Samstag startete wie schon der Freitag mit einem frühen und brillanten Konzert. Verantwortlich waren in diesem Falle die Isländer von Retro Stefson, die es schon an diesem frühen Nachmittag schafften, auf der Hauptbühne mit ihrem Stilmix-Funk-Rock das Publikum zum Tanzen zu bringen: Prädikat "Schön doof, wers verpasst hat"!

Etwas später zeigten Beirut ein weiteres bemerkenswertes Konzert, nicht nur wegen der Klaviatur an Blechblasinstrumenten, die sie auffuhren. Die belgischen Veteranen von dEUS konnten zwar kein Publikum in der Größenordnung von Beirut anlocken, spielten aber ein beeindruckend druckvolles Gitarrenkonzert, das vor allem Fans noch einmal die Qualitäten der Band vor Ohren führte.

Während sich schließlich kurz vor Mitternacht die Massen von Boyz Noize zu den wiedervereinten Beginnern bewegten und für Gitarreninteressierte das diesjährige Berlin Festival dem Ende entgegen ging, fügten sich die zwei Tage zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Denn auf einem Festival, wo nicht nur Suede und die Beginner, Beirut und Boys Noize oder dEUS und Public Enemy Platz im Line Up haben, sondern es auch genug Leute gibt, die in der Silent Disco mit Kopfhörern zu "Summer of 69" und "Rhythm is a Dancer" tanzen, da weiß man: Hier ist die Musik zu Hause.

BERICHT: Henning

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