Konzertbericht

PLANET DUST

HURRICANE FESTIVAL 20010
16.06. - 18.06.2010, Scheessel

Machen wir es wie Hans Fuchs von Studio Braun und „fangen wir mal mit Zahlen an“ (passender Weise aus „Druckbefüllung“):

Das vom 18. bis 20. Juni 2010 im niedersächsischen Scheeßel stattfindende 14. Hurricane Festival mit knapp 80 Bands, 80.000 auf den Campingplätzen verkauften Dosen Bier und 140 Einlieferungen ins Krankenhaus (Zusammenhang?) war mit 70.000 Zuschauern AUSVERKAUFT. Selbiges Prädikat verdiente sich mit 50.000 Gästen das Schwesterfestival Southside in Neuhausen ob Eck (Baden-Württemberg).

Im Hinblick auf die Running Order präsentierte sich die norddeutsche Variante als die schlechtere Alternative. Schließlich wurden in Scheeßel echte Highlights wie The Strokes, Deichkind, Faithless, Prodigy oder auch die Bloody Beetroots (im neuen Electro-Zelt) auf den späten Sonntagabend gelegt. Ein Zeitpunkt, an dem der durchschnittliche Festivalbesucher bereits in Folge von akutem Schlafmangel, Nacken- und Fußschmerz sowie gemeinen Alkoholexzessen praktisch auf dem Zahnfleisch unterwegs ist.

Auch in puncto Wetter hätte man dem Südwesten der Republik eigentlich eher eine realistische Chance Sonnenstrahlen und sommerliche Temperaturen zugeschrieben. Um es kurz zu machen: das Wetter war auf beiden Festivals mehr als mies. Wobei der Süden in der nach oben hin offenen „Ich-Verfluche-Den-Wettergott-Skala“ mit 80 Millilitern Regen pro Quadratmeter in der Nacht auf Freitag und einer beinahen Absage der gesamten Veranstaltung einen klaren Punksieg sammelte. In Scheeßel war es „nur“ kalt, windig, regnerisch und trotzdem staubig mit vereinzelten, zumeist zweiminütigen Sonnenpausen. Zum Verständnis: So ungemütlich und frisch, sodass man mitgebrachte Klamotten nicht wechselte, sondern lediglich schichtete.

In offiziellen Pressemitteilungen (und denjenigen Medien, die diese 1:1 abschreiben) heißt es dann immer so schön: „der Stimmung tat das Wetter keinen Abbruch“. Stimmt, denn dafür sorgte Lukas Podolski mit seinem verschossenen Elfmeter gegen Serbien, wie jeder über 1,80m Körpergröße auf der aufgestellten Großbild-Leinwand verfolgen konnte. Public Viewing hin oder her – mit dem richtigen Pegel und der richtigen Musik lässt sich der hartgesottene Festivalist sein Wochenende nicht vermiesen.

Campingplatz à Grill und warmes Bier (hoffentlich mit Pavillon und Seitenwänden) vs. Festivalgelände à Musik und kaltes Bier (dem Arbeitgeber zuliebe nur mit dicker Pulloverschicht und Regenjacke). Wer sich spät auf den Weg zu letzterem machte, fand in den Beatsteaks, Mando Diao oder dem soliden, aber auch nicht gerade euphorischen Mr. Oizo seine Highlights dieses ersten musikalischen Festivalabends.

Wahrscheinlich vom Generator oder der aggressiv machenden Musik der Nachbarn früh geweckt standen am Samstag zunächst einige Geheimtipps und Newcomer zur Auswahl. Im Laufe des Tages folgten aktuelle Größen wie Billy Talent, the XX und Jack Johnson bzw. „ältere Kaliber“ wie die Deftones, Stone Temple Pilots (mit Scott Weiland) und Massive Attack, die ihre erfolgreichsten Zeiten zwar bereits hinter sich haben, aber dennoch alles andere als enttäuschten. Ganz im Gegenteil.

Nichtsdestotrotz, fehlten dem einen oder anderen am Samstag Abend, sprich dem eigentlichen Höhepunkt der Veranstaltung, die echten Kracher, die im beachtlichen Lineup zuhauf vorhanden waren. Negativ beflügelt wurde dieses Gefühl durch die Tatsache, dass aus Sicherheitsgründen die Auftritte von Erol Alkan und Boys Noize auf der neuen White Stage abgesagt werden mussten. Ärgerlich, aber wohl unvermeidbar, schließlich musste am Nachmittag sogar die Polizei anrücken, um das Zelt während des Gigs von Frittenbude zu räumen. Als kleiner Trost haben alle drei für 2011 bereits ihre Zusage gegeben. Hoffentlich ist dann auch von Veranstaltungsseite an der Problematik gearbeitet worden, dass man als „Normalo“ mit einfachem 130-Euro-Bändchen so gut wie keine Chance hat, einigermaßen zeitnah zu einem Konzert in eine der beiden Zeltbühnen zu gelangen.

Wie bereits erwähnt hatte es der Sonntag programmtechnisch noch einmal mehr als in sich. Dabei konnte man nur hoffen, dass man zu denjenigen gehörte, die sich nach Phoenix (solide) und während LCD Soundsystem ein Dach über dem Kopf gesucht hatten und so dem circa zehnminütigem Regenguss der Marke „Bis-Auf-Die-Unterbüx“ entgehen konnten. Wem dies gelang, dem wurde zum Ende dieses vor Topacts und großen Namen strotzenden Festivals nochmals was fürs Tanzbein geboten. Einmal Austoben mit Prodigy zum Beispiel, die einen Hit nach dem anderen zum Besten gaben. Aber auch Faithless mit einem kurzzeitig orientierungslosen Rollo („Southside – make some noise!“) lieferten den Beweis, warum ihre neue Scheibe den Titel „The Dance“ trägt.

Einen abschließenden und gleichzeitig eindeutigen Beleg für die anhaltende Beliebtheit und diesjährige Resonanz des Hurricanes lieferte einmal mehr der Hamburger Elbtunnel, der ob der Blechlawine aus der niedersächsischen Provinz selbst um nach Mitternacht an einem Sonntagabend nur im Schritttempo zu durchfahren war. Bis zum nächsten Jahr – nur mit mehr Sonne oder besser ausgerüstet.



BERICHT: Stecki

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