Interview

DOWNONHALEY

THE ATARIS
18.04.2003, Hamburg, Knust

Mit dankbarem Lächeln haben wir immer noch den Hit ?In This Diary? oder die grandiose Coverversion von Don Henley´s ?Boys of Summer? im Ohr, das vielen ein gelungener Soundtrack zu diesem tollen Sommer war. The Ataris haben uns das beschert und geben sich genügsam. Die sympathischen Kalifornier haben einiges erreicht, prahlen aber nicht damit rum sondern machen das Beste draus. Vor ihrem Konzert im neuen Knust in Hamburg hat sich Bassist Mike Davenport für uns Zeit genommen, um mit uns u.a. über den Wechsel zu Sony, seinen Plattenladen ?DownOnHaley? und natürlich über das aktuelle Album ?So Long, Astoria? zu reden.

Hallo Mike, schön, dass du dir etwas zeit nimmst für uns. Wie läuft die Tour bisher so?
Mike: Gut, richtig gut. Eigentlich sind wir jetzt schon seid Oktober letzten Jahres auf Tour. Aber speziell der europäische Teil lief bisher richtig gut, wir haben auf den großen Festivals in Reading und Leeds gespielt, was schon immer ein Traum von uns gewesen ist. Dann haben wir in Lowlands und Pukkelpopp gespielt und jetzt spielen wir ein paar Shows in Deutschland. In Deutschland spielen wir in eher kleineren Clubs, was echt cool ist. Es ist für uns fast so wie in den Staaten vor 5 Jahren, wesentlich entspannter und die Leute bekommen eine gute Show. Jemand sagte mal, dass er uns lieber mag, wenn wir in kleineren Clubs spielen als auf großen Festivals, weil wir dort besser spielen.

In den Staaten spielt ihr also in wesentlich größeren Clubs?
Mike: Ja, die richtig großen. Unser Album ?So Long, Astoria? erreichte in den Staaten gerade Gold-Status. Das ist großartig, keine Frage, aber es ist halt anders, wir laufen auf MTV jeden Tag und der ganze Kram.

Ich hab eure Videos zu ?In This Diary? und ?Boys of Summer? gesehen und ich war begeistert.
Mike: Ja, wir sind auch mächtig stolz darauf. Steve Mercede, unser Videoproduzent, hat beide Videos gedreht und er hat echt was auf dem Kasten. Wir werden ab jetzt jedes Video nur noch mit ihm machen, er ist einfach großartig.

Das letzte Mal, als ihr in Hamburg gespielt habt, ward ihr Support für THE VANDALS. Magst du Hamburg?
Mike: Wir lieben Hamburg! Wir sind aus Belgien extra früher abgehauen, weil wir gestern einen freien Tag hatten und den wollten wir unbedingt in Hamburg verbringen. Wir wohnen im Crown Plaza und gestern haben wir uns ne Menge Bloody Mary´s reingestellt und waren dann noch Tanzen auf der Reeperbahn. Ich hab zwei interessante Mädchen kennengelernt, die waren echt süß. Leider waren die dann aber eher auf ein schwarzes Mädchen scharf. Das war sehr seltsam. In Hollywood ist das normal.

Was für eine Schande.
Mike: Du sagst es, was für eine Schande!

Ist Bassist bei THE ATARIS ein gut bezahlter Job, der dir ein Leben mit heissen Autos, schnellen Frauen und Goldketten und so ermöglicht?
Mike: Nein. Wir machen zwar ein bisschen Geld, aber sooo viel ist es auch nicht. Ich habe eine hübsche Freundin, die ich sehr liebe, ich besitze einen kleinen Plattenladen, ich bereise die ganze Welt, ich hab ein cooles Auto ? aber keine Goldketten.

Dein Plattenladen ?DownOnHaley? ist in Santa Barbara, wie läuft es so?
Mike: Wir betreiben ihn jetzt seit zweieinhalb Jahren und lange Zeit hatten wir ne Menge Geld damit verloren. Wir haben unser Bestes getan, aber einen Plattenladen zu eröffnen war so mit das schwierigste, was wir je gemacht haben, ohne dass wir davon Ahnung hatten. Wir haben´s halt einfach gemacht. Jetzt trägt er sich selber, wir sind drei Leute, die ihn betreiben und alle machen einen guten Job. Viele coole Bands spielen in unserem Laden und es ist echt ein cooler Laden geworden. Ich bin sehr glücklich damit.

Was hat sich geändert seitdem ihr auf einem Majorlabel seid?
Mike: Alles. KungFu-Records war großartig und sie haben uns eine Menge ermöglicht. Der große Vorteil bei Sony ist, dass sie uns Zeit gaben um unsere Platte fertig zu machen. Sie zahlten uns Gehälter, damit wir zu Hause bleiben konnten und nicht auf Tour gehen mussten, um Geld zu verdienen. Sie sagten, entspannt euch, nehmt euch Zeit und schreibt ne Platte. Somit hatten wir die Zeit, um die Platte so gut zu machen, wie wir sie haben wollten. Bei KungFu hätten wir Abstriche machen müssen. Songs wie ?In This Diary? oder ?Unopened Letter to the World? wären so nie veröffentlicht worden, wenn wir nicht die Zeit gehabt hätten, uns drei oder vier Demosessions für diese Songs vorzunehmen. Sony gab uns Geld und Zeit, um die Platte fertig zu machen und dann haben sie dafür gesorgt, dass man die Platte überall bekommen kann. KungFu dagegen hatte sehr eingeschränkte Vertriebsmöglichkeiten. Und Sony hat es ermöglicht, dass wir auf MTV und im Radio rauf und runter gespielt werden. So traurig es ist, ich wünschte, dass Indielabels wie KungFu auch diese Möglichkeiten hätten, leider ist es aber nicht so.

Wie war es, bei der Produktion von ?So Long, Astoria? mit Lou Giordano zu arbeiten und wer hatte die Idee, es mit ihm zu machen?
Mike: Das war ich. Kris fragte ne Menge anderer Produzenten, wie Ric Ocasek oder Mark Trombino, aber beide waren nicht so begeistert von der Idee. Nick Launay, der Sachen von Nick Cave, American Hifi und so produziert hat, hatte zwar Lust auf eine Zusammenarbeit mit uns, hatte aber keine Zeit. Ich hatte schon immer Lou Giordano im Kopf, er hatte gerade die neue Millencolin-Platte produziert, was Kris aber nicht so sehr gefiel. Kris mochte eher die älteren Arbeiten von Lou, wie z.B. Sugar, GooGooDolls, Samiam und so. Aber als die anderen Produzenten absagten und Kris und Lou Giordano telefonierten hat es Klick gemacht und wir hatten ihn. Und die Arbeit mit ihm war großartig, er hat auch unsere LiveDVD und ein paar andere Shows mit produziert und wir werden wohl auch unsere nächste Platte mit ihm aufnehmen. Er ist ein Teil der Familie geworden.

Das Artwork für ?So Long, Astoria? zeigt eine Menge Polaroids, die Kris gemacht hat. Was bedeutet fotografieren für Kris?
Mike: Es ist für ihn fast so wichtig, wie Songs schreiben. Er ist eine sehr visuelle Person, ich glaube manchmal erscheinen Bilder in seinem Kopf, bevor sie real existieren. Jeder Song hat für ihn auch ein Bild oder mehrere Bilder. Das ist wohl eine Gabe, die ich nie so richtig verstehen werde.

Einige Leute sagen, dass ihr erwachsen geworden seid, jetzzt wo ihr ?So Long, Astoria? veröffentlicht habt. Kannst du damit übereinstimmen?
Mike: Ja. Wir sind jetzt seid fast 8 Jahren zusammen und sind musikalisch zusammen aufgewachsen. Wir haben in unserer Karriere auch ein paar alberne Songs wie ?You need a hug? oder ?Teenage Riot? geschrieben, wir lieben diese Songs, aber wir wollen jetzt wo wir auf einem Majorlabel sind doch etwas ernster werden und uns mehr aufs Songwriting konzentrieren. Aber wir spielen die albernen Songs immer noch, wir sind immer noch albern!

Der Song ?My Reply? hat einen gewissen Hintergrund. Magst du uns davon erzählen?
Mike: Da gibt es dieses Mädchen in Australien, die uns einen Brief geschrieben hat, mit dem Kris eines Tages in der einen Hand und seiner Gitarre in der anderen Hand zu mir rübergelaufen kam und mir davon erzählte. Dieses Mädchen hat uns geschrieben, dass sie an einer tödlichen Krankheit leidet und sie bald sterben wird, doch unsere Songs ihr Leiden gemildert haben. Und das hat Kris so inspiriert, dass er gleich einen Song geschrieben hat. Aber das Beste ist, dass dieses Mädchen immer noch lebt, ihr geht es zwar schlecht, aber sie ist stark und kämpft. Sie dachte, dass wir ihr nie zurückgeschrieben haben und dachte wir seien Arschlöcher. Aber dann hat ihr ein Freund ?My Reply? vorgespielt und sagte zu ihr, hey, ich glaub der Song handelt von Dir! Dann hat sie geweint und hat uns einen sehr langen Brief zurückgeschrieben. Wir haben sie bisher leider nie getroffen, aber wir sind ja bald in Australien, vielleicht wird das ja was.

Endlich gibt es eine coole Punkrock-Version von Don Henley´s ?Boys of Summer?! Wie viele Leute haben keinen blassen Schimmer, wer Don Henley ist und wie viele glauben, dass ?Boys of Summer? ein ATARIS-Song ist?
Mike: Ich glaube ungefähr die Hälfte der Leute in Amerika. Kris war so frustriert darüber, dass er sich ein T-Shirt mit dem Aufdruck ?Who the fuck is Don Henley?? hat drucken lassen, woraus der RollingStone in Amerika ne große Story gemacht hat und hat uns als ?Anti-Henley? bezeichnet hat und son Scheiß. Don Henley wollte verbieten, dass der Song bei einem großen Baseball-Spiel gespielt wird, aber dann hab ich seine geheime Handy-Nummer bekommen und hab ihm ne Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen und er rief mich tatsächlich zurück. Dann durfte es doch noch bei diesem Baseball-Spiel gespielt werden.

Ihr habt eine sehr enge Bindung zu euren Fans, warum liegt euch so viel daran?
Mike: Das Magazin ?Maximum Rock´n´Roll? hat uns schon immer sehr beeinflusst, es ist sozusagen die Punkrock-Bibel. Es ermutigt einen, die Szene zu verstärken und Shows zu organisieren und sei es der Typ von der Band, der Typ, der zum Konzert geht, der Typ, der beim Magazin darüber schreibt, es ist alles DoItYourself, jeder zieht an einem Strang. Das macht die Punkrock-Szene aus. Diese enge Bindung zu unseren Fans hatten wir schon immer und wir sind wohl nur deshalb so erfolgreich geworden, weil wir es immer so gemacht haben und daran werden wir auch nichts ändern.

Was bedeutet Punkrock für dich?
Mike: Freiheit. Die Freiheit das zu tun, was auch immer du willst. Das ist Punkrock.

Was ist dein ultimatives Schlusswort?
Mike: Besucht unseren Plattenladen! (Anm.d.Red.: 414 E.Haley Street, Santa Barbara, California, www.downonhaley.com

Wenn wir mal in Santa Barbara sind, kommen wir vorbei!

INTERVIEW: Marten

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