Interview

KAMPF DEM EIGENEN LAND

ANTI FLAG
18.02.2003, Hamburg, Fabrik

Politische Bands sind wichtig. Nicht jedermanns Sache aber Musik ist nun mal ein wirksames Sprachrohr und erreicht die Menschen auf einer anderen Ebene. Zurzeit rasselt ein Dorftrottel aus Texas, der trotz geringerer Stimmen Präsident der USA geworden ist, kräftig mit dem Säbel und bereitet zusammen mit seinem britischen Schoßhündchen Tony Blair einen Präventivkrieg gegen den Irak vor. Zurzeit ist aber auch eine amerikanische Band namens ANTI FLAG in Europa unterwegs, um im Rahmen der "No More War: One People, One Struggle "-Tour ihre Musik und ihre Meinung kund zu tun. Ich hatte die Gelegenheit vor dem ersten Konzert dieser Tour in der Fabrik in Hamburg mit Bassist Chris No.2 über Goerge W. Bush, Ideale der Punkrockszene und die Message von ANTI FLAG zu reden.

Die Tour fängt gerade an, heute ist die erste Show hier in Hamburg. Wie gefällt dir Hamburg bisher so?
Chris No.2: Also, bisher haben wir noch nicht so viel von Hamburg sehen können, aber wir waren vorhin in einem richtig geilen Gitarrenladen hier um die Ecke, im No.1. Aber das was ich bisher von Hamburg gesehen habe, gefällt
mir richtig gut, es gibt hier sehr schöne alte Häuser. In den Staaten sieht irgendwie alles gleich aus und es gibt längst nicht so viel Kunst in den Städten, wie in Europa.

Ihr spielt diese Europa-Tournee zusammen mit ZSK, die ja auch eine sehr politische Band sind. Legt ihr viel Wert darauf, dass euch eine politische Band auf Tour begleitet?
Chris No.2: Speziell auf dieser Tour schon. Ansonsten spielen wir mit jeder Band zusammen, die ihre Musik mit Leidenschaft spielen und keine Rassisten, Sexisten oder sonstige Idioten sind. Aber speziell auf dieser Tour wollen
wir all denen, die sich gegen diese ganze Kriegsmaschinerie engagieren, eine Nacht zum abmoshen liefern und ihnen zeigen, dass die nicht allein sind und dass ihre Einstellung und ihr Engagement geschätzt wird. Darum geht es in
dieser Tour. Menschen auf der ganzen Welt verstehen allmählich, dass Krieg Unrecht ist und dass keinen Grund für die USA oder irgendein anderes Land gibt, in den Irak einzumarschieren und Menschen für Öl umzubringen. Wir wollen den Menschen einfach Mut machen, sich weiter für eine friedliche Lösung stark zu machen. Es ist fantastisch, dass sich bisher so viele Menschen gegen den Krieg zusammengefunden haben und demonstriert haben, genau so soll es laufen.

Beim Vietnam-Krieg damals hat es eine massive Friedensbewegung letztendlich sogar geschafft, dass der Krieg beendet wurde. Gibt es heute vergleichbare Friedensbewegungen in den USA und glaubst du,
dass der heute drohende Krieg friedlich abgewendet werden kann?
Chris No.2: Weißt du, George Bush ist verrückt. Er kümmert sich einen Scheißdreck darum, was die Bevölkerung sagt oder denkt. Ich weiß nicht, ob man den Krieg noch verhindern kann, die Kriegsmaschinerie läuft schon so
langsam warm. Aber man merkt auch anhand der Massen an Menschen in den Staaten - über eine halbe Million waren in New York auf den Strassen - dass viele Amerikaner sehr eifrig sind, sich gegen diesen Krieg aufzulehnen. Und
das alles passiert ja vor dem Krieg. Wer weiß, wie groß die Demonstrationen und Proteste werden, wenn der Krieg beginnt? Dann wird die US-Regierung so ihre Probleme kriegen.

George Bush muss am 5. November einfach abgewählt werden, da sind wir uns ja einig. Aber was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Gründe für seine Abwahl ?
Chris No.2: Also erstens wurde er ja eigentlich gar nicht rechtmäßig gewählt! Außerdem besteht seine ganze Regierung aus korrupten Gangstern, er selbst ist auch einer. Er ist eigentlich überhaupt kein menschliches Wesen,
er ist eine Marionette der Wirtschaft. Er repräsentiert doch gar nicht die Bevölkerung, er repräsentiert die Wirtschaftsbosse.

Wie sieht du die Chancen, dass Bush wirklich am 5. November abgewählt wird und was würde passieren, wenn er für weitere vier Jahre Präsident bleibt?
Chris No.2: Das wäre sehr traurig. Es ist jetzt schon sehr traurig, dass wir so einen beschissenen Präsidenten haben. Menschen wie er sind der Grund dafür, weshalb Terroristen Flugzeuge in Hochhäuser fliegen! Sie merken, dass
er auch nur so ein korrupter Gangster ist, der ihre Welt kontrollieren will und jetzt schlagen sie zurück. Natürlich bin ich alles andere als froh darüber, was am 11.09.2001 passiert ist, es ist eine unbeschreibliche Tragödie. Aber ich war nicht sehr überrascht.
Naja und was Bush´s Wiederwahl angeht: Seine Stimmen gehen massiv zurück, vor allem wenn er tatsächlich in den Irak einmarschiert. Trotzdem könnte er wieder Glück haben und immer noch als "Held vom 11.September" durchgehen.
Ich würde am liebsten all diesen blinden Leuten eine knallen, damit sie endlich aufwachen und seinen Lügen nicht mehr glauben. Wir tun alles in unserer Macht den Leuten so viel an richtigen Informationen an die Hand zu
geben und sie davon zu überzeugen, dass wir einen Wechsel brauchen und nicht sie diejenigen sind, die er repräsentiert, sondern Millionäre.

Spielt ihr lieber vor Leuten, die eure Musik und eure Message schon kennen, oder möget ihr lieber vor Leuten spielen, die sich noch nicht so sehr mit der Punkszene und ihren Idealen auseinandergesetzt haben?
Chris No.2: Wir mögen vor jedem gern spielen! Aber ich finde es großartig, wenn Leute nach der Show zu mir kommen und mir sagen, dass sie erst zum Militär wollten, dann aber sich mit unseren Texten auseinander gesetzt haben
oder mir erzählen, dass sie sich unabhängigen Medien zugewandt haben und so mehr über die Wahrheit erfahren haben. Das ist so "wow, es funktionert"! Aber wir haben auch auf der Warped-Tour gespielt und letztes Mal in Europa
mit Millencolin zusammen getourt, alles nicht gerade sehr politische Bands. Da haben wir dann auch unsere sozusagen "Propaganda des Guten" in diesen Bereich eingebracht. Aber es ist halt generell einfach toll, vor Menschen zu
spielen, die Dir zuhören. Der Hauptgrund, diese Band zu gründen, war schon immer, die Leute dazu anzuregen, mehr über alles nachzudenken, mehr in Frage zu stellen und dafür zu sorgen, dass sie mit einem guten Gefühl nach Hause
gehen.

Was bedeutet es für dich, Punk zu sein?
Chris No.2: Es ist ein Lebensstil. Mir ist es egal, ob man mich "Punk" oder wie auch immer nennt. Sei, was immer du sein willst, mach etwas für dich selbst und nicht, weil jemand anderes es für besser hält. Es ist cool, ein
Außenseiter zu sein, es macht Spaß, anders zu sein, ein Individuum zu sein. Punkrock ist für mich wie eine weltweite Community, man vereint sich und setzt sich für Sachen ein, die einem wichtig sind. Ich weiß, ich kann in einen Punkrock-Club gehen und meinen Arm um irgendjemanden legen und mit ihm singen und tanzen, wir sind wie Brüder, auch wenn ich ihn nie zuvor gesehen habe.

Was wäre das Schlimmste, was der Punkrock-Community passieren könnte?
Chris No.2: Ich glaube das Beste und gleichzeitig das Schlimmste, was der Punkrock-Szene passieren kann, ist George W. Bush! Er inspiriert unabsichtlich so viele Bands wirklich gute Songs zu schreiben. Andererseits wünsche ich mir, dass es ANTI FLAG nicht geben müsste; ich wünsche mir, dass wir lieber über Bräute und so singen und nicht über unsere politischen Werte. In einer perfekten Welt müsste es ANTI FLAG in dieser Form nicht geben, wir würden dann darüber singen, wie toll doch alles ist. Es ist aber nun mal nicht alles so toll und deshalb müssen gute politische Werte
repräsentiert werden, in der Musik und in der Lebensweise.

Bemerkst du irgendwelche Unterschiede zwischen der deutschen Punkszene und der in Amerika bezüglich der Ideale und der Message?
Chris No.2: Ich hab vorhin mit ZSK darüber geredet und sie meinten, dass wenn man als Punkrocker in Deutschland eine Deutschlandflagge auf dem Parka oder der Jacke hat, man komisch angeguckt wird, als ob man ein Nazi ist oder
so. Wenn man in den USA auf einer Punkrock-Show den Sternenbanner auf der Jacke trägt, ist es OK, es kümmert keinen. Ich finde aber, dass die amerikanische Flagge, egal ob auf der Jacke oder sonst wo, im Punkrock
nichts zu suchen hat. Nationalismus ist schlecht, das ist es, was ANTI FLAG bedeutet: Ich brauche keine Flagge, die mir sagt, wer ich bin. Eine Flagge ist doch wie ein Label und das ist es eben genau nicht, worum es im Punkrock
geht, wir brauchen kein Label auf unserer Stirn. Aber ich freu mich schon richtig darauf, ein paar Leute aus der deutschen Punkszene kennen zu lernen und mit ihnen zu reden.

Aber ist es nicht in gewisser Weise auch ein Label, wenn man zeigt, dass man ein Punk ist oder Punkrock hört? Man trägt bestimmte Klamotten, der Nietengürtel darf nicht fehlen, man hört bestimmte Musik.
Chris No.2: Na klar ist es das. Für mich ist Punkrock, dass du sein kannst, was du willst. Einige Menschen brauchen eben Label, um ihr Leben zu leben, ich komme damit klar. Und einige zeigen eben gern ihr "Label" von einem
unabhängigen Leben. Hauptsache, man lebt sein Leben so, wie man ist und man nicht vorgibt, etwas anderes zu sein.

Euer aktuelles Album "Underground Network" ist sehr von den WTO-Protesten inspiriert, über die von den großen Medien ziemlich voreingenommen und subjektiv berichtet wurde. Warum sind unabhängige Medien so wichtig und können sie gegen die großen Medien bestehen?
Chris No.2: Wir sind sehr von den Dingen inspiriert, die in den USA passieren, weil wir ja nun mal aus den USA kommen und in den USA sind unabhängige und objektive Medien sehr wichtig. In Pittsburgh, wo wir
herkommen, war letztens eine Demonstration gegen den Irak-Krieg und es waren über 5000 Leute da. Die großen Sender haben von "mehreren hundert Anarchisten" berichtet! Sie lügen einfach und deshalb ist es so wichtig, die
Wahrheit herauszufinden. Viele Amerikaner sind einfach zu faul, sie schalten den Fernseher an und glauben, dass das, was sie da sehen und hören, die Wahrheit ist. Das ist ein großes Problem und auch eins der Hauptthemen,
worum es sich bei "Underground Network" dreht: Mach dich auf den Weg, finde die Wahrheit heraus, hinterfrage Sachen, die seltsam sind und glaub den Typen im Fernsehen nicht jedes Wort. In Amerika werden unabhängige Medien wohl bestehen können, obwohl es natürlich hart ist. Nicht umsonst gehört AOL-Time-Warner fast alles auf der Welt, was mit Medien zu tun hat. Aber man kann immer die Wahrheit über die Ereignisse herausbekommen und da versuchen wir mit ANTI FLAG zu helfen, um mit unseren Platten und unserem Engagement den Leuten zu zeigen, dass man für sich selbst die Wahrheit herausbekommen muss.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Chris No.2: Wo ich mich gern sehen würde oder wo ich mich real sehe? Ich würde mich in zehn Jahren gern in einer Band spielen sehen, die nicht ANTI FLAG heißt; in einer perfekten Welt, wo wir nicht gegen Faschismus kämpfen
müssen. Und wenn ich einen realen Blick in die Zukunft wage, und sich die Dinge bis dahin nicht drastisch geändert haben, dann werden wir wohl immer noch kämpfen, bis wir nicht mehr können. Und wir werden immer noch Musik
machen und Touren. Egal, ob als ANTI FLAG oder als was auch immer, wir werden vier Typen sein, die ihre Musik lieben. Aber hoffentlich müssen wir in unseren Songs nicht mehr über Missstände aufmerksam machen und können
stattdessen unseren Namen ändern und über Bräute und darüber, wie sehr wir alle lieben, singen!

Das wäre schön. Hoffen wir das Beste und lasst uns alle das Beste dafür geben. Vielen Dank für das Interview! Chris No.2: Ich danke Dir!

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