Interview

ATARI TEENAGE RIOT LIGHT

ALEC EMPIRE
02.10.2002, Hamburg, Logo

Geht es Dir wieder besser? ich habe gehört, du warst bis eben noch beim Arzt?
Alec Empire: Ach so, ja. Bei der Show gestern in Berlin bin ich von dem Podest
gesprungen, wo das Schlagzeug draufsteht, und bin mit dem Rücken genau in lauter Scherben gelandet. Es hat halt sehr geblutet und die Schnitte waren recht tief. Aber es war okay, es sah wohl schlimmer aus, als es war. Wir mußten halt gucken, dass es nicht schlimmer wird.

Und was ist das an deinem Arm?
Alec Empire: Am Arm habe ich eh Schnitte, aber das ist wegen der Show.

Aha.Wann warst du denn das letzte Mal in Deutschland auf Tour?
Alec Empire: Eigentlich ganz lange nicht mehr. Wir haben irgendwann mal mit Atari Teenage Riot einen Zwischengig auch hier im Logo gespielt. Ich glaube so `98 oder `97.

Und wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit hier wieder aufzutreten?
Alec Empire: Ich finds gut, also ich habe es ja so entschieden, dass wir diese Phase auch durchlaufen müssen.
Eine Zeit lang hatte ich da mehr so eine Trotzhaltung; im Ausland ist das Angebot besser und so.
Aber das Konzert gestern in Berlin war schon super. Und in Frankfurt und München haben wir auch schon gespielt, dann noch Frankreich, Italien.

Wie war das Publikum in München?
Alec Empire: Das war gut. Ich habe auch erst gedacht, dass das Publikum da etwas gesetzter wäre. Aber schon als ich mit Atari Teenage Riot und den Nine Inch Nails da gespielt habe, hatten wir da eine super Reaktion. Da waren sogar viele Leute, die gesagt haben, wir wären besser gewesen als NIN weil wir härtere Sachen gespielt haben. Also in München ist alles offen, wie es scheint (lacht).

Hätten wir also doch Stäuber wählen sollen?
Alec Empire: Nee, nee! Das war wahrscheinlich so, weil der nicht so viel da war. Da ist dann alles außer Kontrolle geraten.

Trotzdem bist du ja eher der Prophet im eigenen Land, weil du ja im Ausland doch wesentlich mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit gekommst. Kannst du dir das erklären?
Alec Empire: Ja, also ich sehe das jetzt nicht so mit dem propheten. Es liegt glaube ich einfach daran, dass ich im Ausland mehr gemacht habe. Wir haben schon früher immer die besseren Angebote in
Amerika, Japan, England und so gehabt. Wir sind denn da auch immer hingegangen, haben dort mehr Konzerte gespielt und einfach dort mehr gemacht. Wenn man hier nicht tourt und nichts aufbaut, ist es glaube ich auch klar, dass dann nicht so viel passiert. Mal sehen, ob das in 1,2 Jahren noch so ist. Viele warten ja auch darauf, dass man hier was macht. Und dann ist es auch doof zu sagen, so ne show wie heute Abend ist es nicht wert. Ich mag halt auch kleine Shows.

In welchen Dimensionen finden die Konzerte dann in den USA oder Japan statt?
Alec Empire: In Japan sind es immer mehrere Tausend und in Amerika kommt die Platte ja erst noch raus. Zu ATR Zeiten waren es aber immer so zwei-dreitausend.

Wo fühlst du dich am wohlsten?
Alec Empire: (lacht)In Hamburg natürlich. Nein, hört sich vielleicht komischan, aber ich finde es überall gut. Und das meine ich echt ernst, weil ich finde, jede Stadt hat irgentwie etwas. Und außerdem habe ich ja auch das Glück, dass ich nicht gerade das blödeste Publikum habe, was man haben kann.

Du hast ja mal so schön gesagt, dass du noch keinen Fan getroffen hast, der
ein ?dick? wäre...

Alec Empire: Ja, aber das stimmt.Leute, die so ne Musik hören sind ja auch meist kritischer, denken nach und finden ja auch nicht alles toll, was ich mache. Also das Publikum einer Boyband ist da schon eine ganz andere Dimension. Da denkt man sicherlichbei einigen Fans ?oweia?.
Aber es gibt ja auch Bands, da ist das anders. Als wir mit Rage Against The Machine auf Tour gingen, waren die unglücklich über ihr Publikum. Sie waren so bekannt, und einGroßteil der Leute hat einfach nicht verstanden, worum es ihnen ging.

Woher nimmst du Ideen für Sounds und Songs?
Alec Empire: Es interessiert mich einfach nach neuen Sounds zu suchen und Energie zu intensivieren. ich suche den nächsten Kick bei einem neuen Sound. In den Texten wird dann auch viel die Gegenwart reflektiert; also von der Apokalypse, wenn es so weitergeht. Es ist dann so eine Art Aufruf zu Aktivität und eine andere Art der Kritik als bei ATR. Da ging es mehr darum, relativ kurz das Problem zu definieren, und zu sagen, das und das ist zu tun. Aufrufe wie Start The Riot, Deutschland Has Gotta Die, etc.

Wie groß ist der musikalische Unterschied für dich zu ATR?
Alec Empire: Ich kann ganz andere Sachen machen. Natürlich hab ich meinen Sound, aber die Herangehensweise ist doch eine ganz andere. Bei ATR stand fest, jeder Sound muß störend wirken und den Adrenalinausstoß fördern. Bei meinen Solosachen haben vielleicht einige Stücke so eine Wirkung, aber ich ordne mich nicht einem so strengen Konzept wie bei ATR unter.

Bei ATR herrschte ja auch eher dieser LoFi Sound vor. Ist es jetzt reizvoller für dich, aufwendigere Sachen zu machen mit massenhaft Spuren übereinander?
Alec Empire: Im Namen ATR steckt ja schon drin, dass man mit minimalem Equipment so viel Energie wie möglich rausholt.Da war ein LoFI PunkStatement, was man machen mußte und vielleicht auch immer wieder machen muß. Aber ich habe ja einen anderen Background. Ich war ja nie der Punk aus Kreuzberg, der zufällig einen Sampler-computer hat. Bei ATR gab es immer einen sehr theoretischen Ansatz; so muß es klingen und wir benutzen dafür jetzt nur dieses Equipment. Es war ein Konzept und kein Zufallsprodukt, wie einige meinen. Es hat in dieser Zeit so gut funktioniert, aber für mich persönlich war es auch sehr limitiert. Ich komme aus einem Band-Background und habe auch ganz andere Sachen vorher gemacht. Deshalb mache ich auch so Sachen wie jetzt z.B. Intelligence And Sacrife. Ich fand es jetzt auch spannend, dieRrockelemente mit den elektronischen harten Sounds zu verbinden. Damit erreicht man ja auch einen härteren und intensiveren Klang. Bei ATR hat es dann ja irgentwo aufgehört; irgentwann
hast du ein Energielevel erreicht, dass du nicht mehr toppen kannst. Jedenfalls nicht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln.

Könnte für dich Musik auch einfach nur Unterhaltung sein?
Alec Empire: Also ich sehe mich nicht als Entertainer. Ich bin Musiker und ich mache mein Ding. Wenn es die Leute unterhält, dann ist es okay. Aber sonst ist es mir egal. Wenn Leute sagen,Rrobbie Williams ist ein guter Musiker, dann haben sie etwas nicht
verstanden. Er ist ein guter Entertainer, aber nicht unbedingt ein guter Musiker. Aber da haben sich die Grenzen auch schon sehr vermischt. Viele Leute ärgern sich vielleicht auch, wenn sie zu einem Konzert von mir kommen und erwarten, dass ich sie entertaine. Das ist einfach nicht mein Ding. Ich verhalte mich so, wie ich mich gerade fühle, oder was ich gerade ausdrücken will.
Viele gehen einfach mit einer falschen Erwartungshaltung an Platten oder Konzerte ran. Das ist so, als würd ich sagen, ich will in einen Walt Disney Kinderfilm gehen und lande plötzlich in einem Godard Film.(lacht)

Schöner Vergleich.
Jetzt muß man sich überlegen, was ich von den beiden bin.

Wie sehr prägt dich noch heute die Zeit, als du in Berlin aufgewachsen bist?
Alec Empire: Es prägt einen natürlich sehr die ganze Energie und Atmosphäre dort. An dem Punkt, wo ich jetzt bin, unterscheide ich mich ja auch sehr von anderen Musikern. Fragt sich ob ich mich ähnlich entwickelt hätte, wäre ich von Anfang an in London aufgewachsen. Aber Berlin bzw. Deutschland prägt natürlich schon sehr. Alleine, wenn man in Deutschland lebt und was macht, was nicht konform ist, dann ist man gleich der ablolute Außenseiter und alle zeigen mit dem Finger auf einen. Das ist in England beispielsweise nicht
so. Hier ist immer eher die Effizienz gefragt und man muß am besten für alles noch ne Erlaubnis haben. Da mußte ich echt superlange durch. Ich glaube, dass sich das jetzt so`n bißchen ändert, durch die Sachen,
die ich gemacht habe. Es kommt mir so vor, als würden die Leute jetzt sagen, ok, der hat mit Björk, Korn und so gearbeitet. Obwohl es komisch ist; ich mußte so viel machen, um zu diesem Punkt zu gelangen. Andere Musiker machen vielleicht zwei oder drei solcher Sachen, ich hab zwanzig gemacht. Aber vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die Musik auch einfach anders ist.

Bist du immer noch so politisch, dass du mit deinen Texten was bewegen willst, wie bei ATR? Oder ist es dir jetzt eher egal?
Alec Empire: Also, mir ist es nicht egal. Aber bei meinen Solosachen habe ich einfach nicht diese Aufrufe wie bei ATR. Die Musik wirkt oftmals genauso, nur dass ich dann nicht sage, wir sollten jetzt das und das tun. Es ist ja auch nicht so, dass ATR mal war und jetzt mache ich mal solo weiter, sondern ich hab ja immer nebenher noch Sachen gemacht. Und die waren auch immer anders als ATR.
Aber es stimmt, dass ich mich über bestimmte Leute nicht mehr so aufregen kann. Ich denk dann eher, ok, das ist dann euer Schicksal. Die Informationen sind da und wenn ihr dann einfach zu blöde seid. So wie jetzt gerade bei der Wahl. Wenn ihr jetzt wieder CDU wählt... ihr seid so verarscht worden in Berlin mit Kohl... Und dann wählt ihr immer noch CDU? Als wir mit ATR anfingen, gabs immer so bestimmte kleine Informationen über Korruption und so. Und dann muß man mit Leuten anderer Meinung über Waffenhandel diskutieren, die dann immer sagen,naja, aber so richtig bewiesen ist es ja auch nicht.
Amerika stellt sich ja politisch noch klarerer da als in den 90ern. Und es ist eigenartig, dass das die Leute eigentlich nur aus Angst nicht kritisieren. Die machen dann eher dicht. Auch gerade Bands.

Ist Nic Endo (ehem. ATR) jetzt festes Bestandteil deiner Tour?
Alec Empire: Eigentlich ja, aber sie ist krank geworden. Und wir mußten in zwei Tagen einen neuen eintrainieren. Er heißt Zen Lions, ist aus England und hat vorher viele Underground-Sachen gemacht. Er ist sehr gut, aber natürlich anders. Wäre schön, wenn sie dabei wäre, aber wir könnten auch nicht die Tour absagen. Eine Woche nach der Europa-Tour gehtsnach Amerika und da muß sie dann fit sein. Mit Antibiotika eine Tour machen geht halt nicht. Für ein Konzetr macht man das mal, aber wenn man einen Monat auf Tour ist macht das keinen Sinn.

Wieviel hat sie an Intelligence And Sacrifice mitgewirkt?
Alec Empire: Eigentlich war sie an der ersten CD sehr stark involviert, was auch häufig vergessen wird. Klar läuft das ganze unter meinem Namen, aber die erste CD ist einfach mit ihr zusammen entstanden und mit noch ein paar anderen Musikern.

Könnte CD 1 auch ohne die zweite funktionieren?
Alec Empire: Nein, also für mich wäre es einfach nicht so interessant. Es hätte dann ja den Zweck verfehlt, diese verschiedenen Seiten zu zeigen. Es wäre sicher immer noch eine gute Platte, aber ich könnte es mir jetzt nicht vorstellen. Es wäre sehr eindimensional. Vielleicht fänden das einige auch besser, aber die bisherigen Reaktionen haben gezeigt, dass das so zusammen sehr gut ankommt.

Hast du nebenbei noch mit anderen Musikern zusammengearbeitet?
Alec Empire: Ja, Remixe mache ich immer nebenbei. Und dann haben wir noch diese Kollaboration gemacht mit ATR und Tom Morello von RATM.

Und was steht bei dir in Zukunft an?
Alec Empire: Wenn wir mit der Tour fertig sind, also Ende November, will ich so ein Minialbum machen mit sechs oder acht Tracks. Das soll nächstes Jahr noch vor dem Sommer herauskommen. Ich habe einfach noch so viele Sachen angefangen und will da jetzt keine lange Pause entstehen lassen. Das Weihnachtsloch werde ich mit dem Fertigstellen dieser Platte dann füllen.

Wie siehst du die Zukunft für Digital Hardcore (nicht das Label, sondern das
Genre)?

Alec Empire: Das Genre hab ich ja geschaffen und kann machen was ich will.

Gibt es keine musikalischen Grenzen bei DH?
Alec Empire: Immer nur zu nem bestimmten Zeitpunkt. Jetzt habe ich eine bestimmte Idee von dem, was ich mache. Und einige andere Bands machen jetzt Sachen, die wir vor drei, vier Jahren gemacht haben. Es sind immer einzelne Phasen, die man durchläuft. Und in der gibt es dann richtige Regeln, d.h. wir nehmen jetzt nur solche Beats und Sounds und das und das ist jetzt total verboten. Das kann man jetzt nicht mehr nehmen oder das muß man schon wieder nehmen.
Jetzt ist es gerade Rock, Metal und Noise. Das ist gerade die Richtung. Aber das kann in einem Jahr schon wieder anders sein. Aber das wesentiche ist einfach diese digitale Energie, die einfach nur auf unseren Platten zu finden ist. Und das ist Digital Hardcore.
Breakbeats und Punksamples wie früher würde ich jetzt nicht mehr so machen. Obwohl viele Leute sich darüber beschweren, dass ich sowas nicht mehr mache. Aber irgendwer beschwert sich immer.

Welche Musik findest du zur Zeit am Schlimmsten?
Alec Empire: Diese designte Musik. Ob es jetzt Boybands sind oder Linkin Park. Einfach alles, wo man spürt, dass da kein Mensch hintersteckt, der das Verlangen hat etwas auszudrücken. Und das findet man in den Charts sehr wenig. Es ist okay, wenn es das gibt, das gab es ja bei Motown ja schon in den Anfängen. Obwohl die Musik damals 1000mal besser war. Aber es ist heute so aus der Balance geraten. Viele Leute sind damit sehr frustriert und finden Musik deshalb auch langweilig.

INTERVIEW: Sabine

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