Interview

CBGB UND CONTINENTAL

AGNOSTIC FRONT
26.11.2002, Hamburg, Knust

Im Zuge der Eastpak Resistance-Tour traf ich in der Hamburger Markthalle das Hardcore-Urgestein aus New York - Agnostic Front-Sänger Roger Miret und unterhielt mich mit ihm über ehrlichen und falschen Hardcore, seinen anderen, musikalischen Projekten und über seine Vorstellung vom Ruhestand.

Was ist in New York los, ich hab gehört, dass Puff Daddy oder P.Diddy oder wie er sich nun auch immer nennen mag den legendären Live Club "Tramps" gekauft hat und daraus ein Nobelrestaurant gemacht hat?
Roger Miret: Ja, das stimmt. Er hat das "Tramps" vor 2 Jahren gekauft. Er hat daraus aber so ein Schickimicki-Club gemacht, kein Restaurant.

Und aus dem "Coney Island High" wurde jetzt ein Burger King?
Roger Miret: Ja, das stimmt auch. Der Kapitalismus macht sich in der NewYork Hardcore-Szene breit und alles was uns an coolen Clubs noch geblieben ist ist das "CBGB´s" und das "Continental".

Muss die Hardcore-Szene sich allmählich zurückziehen?
Roger Miret: Naja, was heißt zurückziehen, "uns" gehören diese Clubs ja nicht. Wenn sie geschlossen werden werden sie geschlossen, wir können das nicht beeinflussen. Dafür ist die Hardcore-Szene in NewYork nicht stark genug, nicht so stark wie, sie sein sollte. Wir müssen einfach neue Läden und Plätze finden, weißt du?

Was bedeutet Hardcore und Punkrock für dich und wer ist Hardcore oder Punkrock und wer nicht?
Roger Miret: OK, das ist eine eigenartige Frage, aber Hardcore ist für mich eine Lebenseinstellung, das war es schon immer. Punkrock auch, Hardcore und Punkrock ist für mich übrigens das Gleiche, ich nenne es Hardcore-Punk. Es ist wie gesagt eine Lebenseinstellung, es ist meine Lebenseinstellung seit über 20 Jahren. Ich war nie auf der HighSchool, ich hab mich nach 8 Jahren entschieden, mein Leben ganz und gar dieser Szene und mir selbst zu widmen. Es ist rebellische Musik für rebellische Leute. Und wer nun Hardcore ist und wer nicht; ich bin nicht derjenige, der darüber urteilen sollte. Es gibt aber ne Menge, die es nicht sind. Andererseits wird es auch immer einen starken Kern von Leuten geben, die Hardcore leben und es immer tun werden. Deswegen sage ich auch immer: Believe Hardcore.

Viele denken, dass sie sich ein Stück von dieser Lebenseinstellung kaufen können, indem sie sich entsprechend kleiden, vergessen dabei aber, dass man eine Lebenseinstellung nicht kaufen kann.
Roger Miret: Tja, das ist ein Problem heutzutage. Wenn man sich 1979 die Haare blau gefärbt hat, musste man sich auf Ärger gefasst machen. Heute ist es aufgrund von MTV und vielen anderen Einflüssen supertoll, wenn man sich die Haare blau färbt, überall Piercings hat und so.

Heute haben die Eltern teilweise sogar die Haare schrill gefärbt oder tragen Piercings.
Roger Miret: Ja genau, heute ist es modern, jeder macht das. Das ist ein sehr großer Unterschied zu früher, da wurde man ausgeschlossen und man musste sich dafür rechtfertigen. Genau so wie für die Musik, deswegen ist es so wichtig, dass es immer Bands und Leute gibt, die nicht auf irgendwelche Trends hereinfallen sondern wirklich an die Szene Glauben.

AGNOSTIC FRONT gibt es schon seit fast 20 Jahren. Aus welchen Beweggründen habt ihr damals die Band gegründet?
Roger Miret: Wir waren ein paar Freunde, die sich getroffen haben, um Musik zu machen, wir hatten die gleichen Gefühle und Gedanken, jeder von uns war ein Ausgestossener der Gesellschaft. Wir wollten zusammen aufstehen und etwas dagegen sagen, was uns auf die Nerven ging und dabei natürlich auch ne Menge Spaß haben.

Was genau ging euch damals auf die Nerven?
Roger Miret: Die Schule, die Gesellschaft, Ronald Reagan, der damals Präsident war. Wir hatten viele Gründe uns zu treffen. Der Hauptgrund war allerdings folgender: ein paar Freunde, die sich schon lange kennen, treffen sich um ihre Gefühle und ihren Zorn zum Ausdruck zu bringen.

Was könnten Gründe sein, heutzutage eine Band zu gründen?
Roger Miret: Die Gründe, die ich eben nannte, sollten eigentlich die einzigen Gründe sein. Aber heute gründet man Bands um einen Plattenvertrag zu bekommen und um genau wie die Leute auf MTV zu sein, um Rockstars zu sein. Es gibt aber trotzdem noch Bands, die sich gründen, weil sie an etwas glauben.

Kannst du dich an das erste Konzert von AGNOSTIC FRONT erinnern?
Roger Miret: Ja! Das erste AGNOSTIC FRONT-Konzert war im A7-Club und es wurde sigar vom Fernsehen aufgenommen, die wollten so eine Art Reportage über dieses neue Hardcore-Punk-Ding in der New Yorker Underground-Szene machen. Lass mal überlegen, das war 1982.

Was war deine erste Platte?
Roger Miret: Meine erste Platte hat mir meine Oma geschenkt, das waren "The Cars". Die erste Platte, die ich mir selbst gekauft hab war das zweite Album von "The Clash - Give it a Throw".

Was war dein erstes Konzert, auf dem du als Gast warst?
Roger Miret: Mein Cousin nahm mich mit zum Konzert von KISS, das war 1979, da war ich 15. Das war eine erstaunliche Show, die hatten Feuer, die Typen spuckten Kunstblut und all das und ich dachte nur, mann, sind das Freaks! Und noch in der gleichen Nacht sind wir nach Kansas City gefahren, wo
Sid Vicious zusammen mit Mick Jones von The Clash aufgetreten ist. Das war meine erste Erfahrung mit Punkrock. Eben noch KISS gesehen und dann dieser Sid Vicious und ich dachte, mann ist der Typ scheisse. Das dachte ich damals wirklich, ich dachte, das kann ich besser als der und deshalb bin ich heute das, was ich bin.

Ihr seid die sogenannten "Godfathers of Hardcore". Wie wichtig war und ist AGNOSTIC FRONT für die Hardcore-Szene?
Roger Miret: Ich denke, dass wir sehr wichtig sind, wir sind definitiv eine der wenigen Bands, die sich und dem Hardcore über all die Jahre hin weg von Anfang an treu geblieben ist und daran geglaubt hat. AGNOSTIC FRONT ist eine der ehrlichsten Bands, die man treffen kann. Und heute sind wir auch noch sehr wichtig, damit die Leute sehen und hören, wo Hardcore herkommt. Hörsturz:

AGNOSTIC FRONT lösten sich im Jahr 1992 auf. Was waren die Gründe für den Split und warum habt ihr euch ein paar Jahre später wieder zusammengefunden?
Roger Miret: Wir haben uns nicht richtig aufgelöst, wir haben einfach nur aufgehört zu spielen. Der Grund dafür war meine damals 5-jährige Tochter, ich wollte einfach mehr Zeit mit meinem Kind verbringen, denn das ist mit sehr wichtig. 1996 fragte ich sie dann, ob es okay wäre, wenn ich AGNOSTIC FRONT wieder mache und sie sagte ja, das ist okay. Hätte sie nein gesagt, wäre ich zu Hause geblieben. Sie war der einzige Grund.

Wurde euch jemals Sellout vorgeworfen, als ihr euch wieder zusammen gefunden habt?
Roger Miret: Nicht wirklich. Wir haben ja auch nur eine kurze Auszeit genommen und haben dann später da weitergemacht, wo wir aufgehört haben. Außerdem: Was ist Sellout? Was ist deine Definition von Sellout? Ich würde mich dann verkaufen, wenn ich heute sagen würde: So, ich hör jetzt auf damit, ich arbeite jetzt bei McDonalds oder so. Denn Musik ist das, wofür ich bestimmt bin, das ist mein Sinn des Lebens, das ist das, was ich schon mehr als mein halbes Leben lang mache, was ich am Besten kann. Ich glaube so ein Begriff wie Sellout existiert nicht für eine Underground-Band wie wir es sind. Deswegen ist es unmöglich, dass wir uns ausverkaufen, komplett unmöglich. Und wenn uns das trotzdem jemand vorwirft: es ist uns egal.

Wie gefällt dir Europa?
Roger Miret: Ich liebe Europa! Es ist toll herzukommen. Europa hat eine besonders tolle Musik-Szene. Viel besser als in Amerika, die amerikanische Musik-Szene wird dominiert von MTV, was auch immer auf MTV läuft ist hip. Ich denke hier in Europa ist das nicht so, die Leute haben immer noch ihre eigene Meinung und lassen nicht jemand anderes für sich entscheiden. Deswegen

Du hast dir mal den Rücken gebrochen. Wie hast du das angestellt?
Roger Miret: Beim Stagediven auf einem Konzert von MADBALL. Ich bin ein Idiot, weißt du? Und keine Versicherung half mir, ich musste alles selber bezahlen. Ich war für 3 Jahre außer Gefecht gesetzt und keiner der sogenannten Hardcore-Fans hat sich auch nur einmal erkundigt, wie es mir geht, niemand hat mir geschrieben. Nobody gave a Fuck! Das ist der Unterschied zwischen echtem Hardcore und falschem. Hardcore ist nicht etwas, was du auf Flyern liest oder wofür du Eintritt bezahlst, Hardcore ist echt, Hardcore is real, it´s about belief.

Du hast noch eine weitere Band namens LADY LUCK, wo du Bass spielst und auch noch ein Soloprojekt am Start: Roger Miret and the Disasters. Was für Musik machen diese Bands?
Roger Miret: LADY LUCK ist eigentlich die Band meiner Frau Denise, sie singt bei LADY LUCK. LADY LUCK ist mehr so ein NewWave/IndieRock - Ding, sehr melodisch. Und die Disasters-Geschichte ist mehr so in Richtung Streetpunk. Ich war mit beiden Bands auch schon in Europa unterwegs, das war auch sehr cool. In der nächsten Zeit werde ich viel mit den Disasters machen, AGNOSTIC FRONT wird eine weitere Pause machen, wir lösen aber nicht auf, wir werden einfach ein bißchen ausspannen um dann ein Jahr später oder so ne neue Platte zu machen. Naja und in der Zwischenzeit mache ich viel mit den Disasters.

Du trägst den Titel "Godfather of Hardcore", du bist Manager der Band MADBALL und du hast drei Bands am Start. Wirst du dich jemals zur Ruhe setzen und wie könnte das aussehen?
Roger Miret: Alles Gute muss auch ein Ende haben irgendwann, irgendwo und irgendwie. Irgendwann kommt die Zeit, aber noch nicht. Wenn ich alt bin würde ich gern auf einer Insel leben und jeden Tag mit meinen zwei Rauhaardackeln spazieren gehen und zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter einfach das Leben geniessen, man lebt nur einmal. Und das, was ich für einige Leute bin, werde ich für sie auch immer sein, wenn sie es wollen. Das ist etwas sehr persönliches, unsere Musik, Hardcore, Punkrock, ist etwas sehr persönliches. Ich werde immer das bleiben, was ich bin, das ist mein Leben, ich kann nichts anderes.


INTERVIEW:
Marten

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