Interview

MUSIK FÜR ALLE!

RAISED FIST
19.10.2009, Hamburg, Molotow

Nach dreieinhalb Jahren meldet sich die schwedische Hardcore-Institution Raised Fist mit ihrem neuen Album “Veil Of Ignorance” zurück und hat auch gleich nach dem Veröffentlichungstermin eine ausgedehnte Europatour auf die Beine gestellt, die die fünf Herren auch in die Hamburger Markthalle führte. Doch bevor die Skandinavier auf musikalische Art und Weise den gut gefüllten Konzertsaal in seine Einzelteile zerlegen durften, gab Bassist Andreas „Josse“ Johansson einige persönliche Einblicke in seine Band.

Josse, es ist mittlerweile dreieinhalb Jahre her, seitdem ihr „Sound Of The Republic“ veröffentlicht habt. Was passierte danach, abgesehen davon, dass ihr „Veil Of Ignorance“ auf die Beine gestellt habt?
Josse: Wir waren nach der Veröffentlichung unseres letzten Albums ziemlich viel auf Tour. Eigentlich haben wir das gemacht, was Bands nun einmal in Anschluss an ein frisches Album machen, nämlich viele Konzerte spielen. Viele Konzerte für unsere Verhältnisse, es gibt sicher Bands, die wesentlich mehr unterwegs sind. Aber wird haben immerhin Skandinavien, Mitteleuropa, Australien und Kanada bereist.

Es gab aber keine Besetzungswechsel, oder?
Josse: Nein, ich hoffe, dass wir diese Zeiten jetzt hinter uns gelassen haben.

Alles in allem klingt „Veil Of Ignorance“ natürlich noch wütend und dynamisch, ihr habt das Durchschnittstempo allerdings weiter heruntergeschraubt. Bringt das gestiegene Alter oder die Reife mit sich, getreu dem Motto „Hey Leute, wir sind nicht mehr so wild wie früher“.
Josse: Ich bin der Ansicht, dass wir nicht langsamer werden. Natürlich gibt es auf dem Album ruhigere Songs, dafür haben wir wesentlich mehr Melodien eingebaut, als es noch beispielsweise auf „Dedication“ der Fall war. Für uns ist „Veil Of Ignorance“ das Ergebnis einer normalen Entwicklung. Das hat für mich nicht viel mit dem Alter zu tun, sondern eher mit der Erfahrung. Wir erleben Sachen, wir tun Dinge, und es wäre langweilig, wenn wir die selben Dinge wieder und wieder machen würden. Deswegen probieren wir auch musikalisch einiges aus, und wenn es uns gefällt, warum sollte es dann nicht seinen Weg auf ein Album finden.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem ihr das Gefühl hattet, dass ihr musikalisch nicht sonderlich voran kommt?
Josse: Vielleicht zwischen „Ignoring The Guidelines“ und „Dedication“…

Zumindest klingen sie sehr identisch.
Josse: Sicher, aber zu jener Zeit war es genau die Musik, die wir spielen wollten. So gesehen waren wir nur konsequent.

Der Albumtitel „Veil Of Ignorance“ birgt sicherlich einige Kritik in sich…Josse: Oh, dazu muss ich etwas erklären: Der Titel stammt von dem kanadischen Philosophen John Rawls, der die so genannte Theorie über den Schleier des Nichtwissens aufgestellt hat. Grundsätzlich geht es darum, dass man mit dem zufrieden ist, was man hat. Du landest praktisch irgendwo auf der Erde und akzeptierst deine Rahmenbedingungen, egal ob du ein Arzt, ein Handwerker oder ein Müllmann bist. Und du bist deiner Situation und deiner Position einverstanden. Das ist eine Frage der Denkweise. So würde die perfekte Gesellschaft aussehen, was natürlich unrealistisch erscheint.

Ist Raised Fist eine im politischen Sinne kritische Band?
Josse: Nicht öffentlich. Wir stellen uns nicht als politische Aktivisten dar. Selbstverständlich haben wir unsere eigenen Ansichten, aber unser Ziel ist es in erster Linie, gute Musik zu machen. Was nicht heißen soll, dass darin kein Platz für Kritik ist.

Seid ihr eine Band mit einem straffen Zeitplan, also mit vielen Konzerten zwischen zwei Alben? Oder bevorzugt ihr lieber eine Menge Freizeit?
Josse: Wir haben einen festen Rhythmus. Zwei Wochen lang gehen wir auf Tour, dann legen wir eine Pause ein, dann geht es wieder zwei Wochen lang auf Tour – niemals länger, denn wir verausgaben uns auf der Bühne sehr, und die Anstrengung spürt man am Ende deutlich. Außerdem haben wir einmal die Erfahrung gemacht, wie es ist, sechs Wochen lang auf Tour zu sein. Seitdem haben wir besagten Rhythmus, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass es Raised Fist immer noch gibt. Zwei Wochen lang Spaß haben und dann abschalten – so kommen wir bestens miteinander aus. 200 bis 300 Konzerte im Jahr sind einfach nicht unser Ding.

Ihr bringt eure Alben immer noch auf Burning Heart Records heraus. Wird „Veil Of Ingorance“ darüber hinaus wieder auf Epitaph Records in den USA erscheinen, oder ist das Interesse geschwunden?
Josse: Epitaph kümmert sich weltweit um die Veröffentlichung. Ich bezweifle, dass sie „Veil Of Ignorance“ als CD in den USA herausbringen, aber über iTunes kann ich es mit vorstellen. Tatsächlich kümmern wir uns weniger um CDs, die wir heutzutage nur herausbringen, damit die Leute etwas Handfestes besitzen können. Meiner Meinung nach sollte die Musik für jedermann zugänglich sein, zumal die Zeit der Silberlinge vorbei ist. Außerdem haben wir nie Musik gemacht, um möglichst viele Exemplare an den Mann zu bringen. Unsere Motivation war und ist der Spaß, den wir gemeinsam als Band und an dem, was wir spielen, haben. So war es, als wir 1993 als Kids anfingen, und so ist es heute immer noch. Wir waren und sind niemals so verzweifelt, dass wir Shows spielen oder auf Festivals auftreten mussten, um an Geld heranzukommen oder um zu einer großen Nummer zu werden. In diesem Punkt sind wir konsequent: Unsere Band spielt aus Leidenschaft und nicht aus Verzweiflung. Und wenn wir der Ansicht sind, dass wir morgen getrennte Wege gehen, dann soll es so sein.

Das sind ehrenhafte Ansichten. Habt ihr trotzdem jemals darüber nachgedacht, zum Beispiel auf dem Wacken Open Air aufzutreten? Das wäre doch ein Kracher, wenn ihr den Zehntausenden Metalheads kräftig einheizen würdet.
Josse: Sicher. Klar haben wir schon vor großen Mengen gespielt. Es wäre schon eine nette Sache… aber dennoch bevorzuge ich die kleineren Auftrittsorte wie die Markthalle hier. Das ist genau unser Ding.

Du hattest bereits erwähnt, dass Musik jedem zugänglich gemacht werden sollte. Ich habe gelesen, dass Burning Heart Records sich immer noch weigert, einen Kopierschutz auf ihren Veröffentlichungen einzurichten, um die CD als Tonträger weiterhin interessant zu gestalten. Was hältst du von dieser Strategie?
Josse: Das ist mir ziemlich egal. Meinetwegen können die Leute, die sich CDs kaufen, diese auch vervielfältigen. Wie gesagt mache ich keine Musik, um Alben zu verkaufen.

Dann hast du sicherlich auch nichts dagegen, dass es die Möglichkeit gibt, eure Alben komplett und vor allen Dingen kostenlos von verschiedenen Websites herunter zu laden. Bei diesem Thema scheiden sich bekanntlich die Geister: Es gibt Bands, die die Betreiber der Websites am liebsten hinter Gittern sehen möchten, und es gibt Bands, die so etwas als großartige Promotions-Möglichkeit bewerten. Auf wessen Seite stehst du?
Josse: Ich finde, dass es eine gute Sache ist. Als Band kann man schnell bekannt werden, auch wenn man noch nicht lange dabei ist. Natürlich muss die Musik interessant sein. Und du musst nicht viel Aufwand betreiben. Aber Gesetz ist Gesetz, also kann ich es auch verstehen, dass einige von Diebstahl sprechen. Dennoch darf man nicht außer Acht lassen, dass die Fans zu Konzerten gehen und T-Shirts kaufen – und somit die Bands wieder unterstützen. Es ist ja nicht so, dass die Fans ihre Bands nicht unterstützen möchten.

Und dann gibt es ja noch die Idealisten, die gerne das Album besitzen möchten, anstatt irgendwo mp3s auf dem Computer herumfliegen zu haben.
Josse: Richtig, ich bin auch so einer. Ich höre mir gerne die Bands im Vorwege an – das geht dank Myspace ja sehr leicht – und entscheide mich dann, ob ich ein Album kaufe. Problematisch wird es nur, wenn man an die Alben nur schwer herankommt. Und gute Plattenläden gibt es immer weniger…

Da wird es schwierig, zum Beispiel an eure alten Scheiben wie „Stronger Than Ever“ zu gelangen. Was denkst du aus heutiger Sicht über die Songs.
Josse: Sie sind wirklich gut. Wenn ich die EP heute höre, verstehe ich Gedanken, die wir damals hatten. Wir haben damals schon gute Musik gemacht. Selbst wenn ich nicht dieser Überzeugung wäre, steht fest, dass wir seinerzeit von unserem Schaffen absolut überzeugt waren. Damals waren wir so, und heute sind wir so. Ich will um Gottes Willen nichts verstecken. Bevor ich bei Raised Fist gelandet bin habe ich mich in einigen unbekannten Bands versucht, die sicherlich aus heutiger Sicht keine gute Musik produziert haben. Ich konnte ja nicht einmal richtig Bass spielen.

Spielt ihr live viele eurer älteren Songs?
Josse: Geht so. Auf die ganz frühen Sachen verzichten wir, ab und zu kommt ein Song von „Fuel“ in das Programm. Wir haben unsere Favoriten, die wir gerne spielen, was den Songs live eine zusätzliche Energie verleiht. Das ist enorm wichtig, und das merken die Fans auch. Ein gutes Beispiel ist der Song „Sound Of The Republic“: Wir finden ihn garantiert nicht schlecht, haben ihn jedoch erst ein oder zwei Mal live gespielt. Er fühlt sich live einfach nicht so gut an. Trotzdem haben wir einen Videoclip zu dem Song gedreht, dementsprechend könnte man erwarten, dass „Sound Of The Republic“ auch in das Programm gehört. Wer diese Erwartungshaltung besitzt und uns vorschreiben möchte, welche Songs wir auf der Bühne zu spielen haben, der ist auf unseren Konzerten eindeutig fehl am Platze. Würden wir uns von außen steuern lassen, dass wird die Show richtig schlecht. Dir schmeckt ja auch etwas, was anderen gut schmeckt, nicht automatisch ebenfalls gut. 

Zum Schluss gibt es noch ein kleines Wunschkonzert: Wenn du die Möglichkeit hättest, drei noch bestehende Bands für die perfekte Raised Fist-Show buchen zu können, wer wäre mit von der Partie?
Josse: Also, ganz oben auf der Liste stehen Protest The Hero, da das im Moment meine absolute Lieblingsband ist. Es gibt nicht viele Bands, die so spielen können wie die Jungs. Dazu kommen dann Lamb Of God, die ich ebenfalls liebe. Und zu guter Letzt würde ich noch In Flames dazunehmen. Das wäre für mich eine perfekte Show.

Josse, vielen Dank für die Antworten! Und viel Erfolg weiterhin!

INTERVIEW: Jack

Impressum © 2006 hoersturz.net