Interview

DIE LIEBE ZU PINK FLOYD

BIFFY CLYRO
12.12.2009, Hamburg, Grünspan

"Only Revolutions" hat gerade das Licht der Welt erblickt und für Biffy Clyro geht auch sonst ein turbulentes wie auch erfolgreiches Jahr vorrüber. Kurz vor Weihnachten ist daher an der Zeit mit dem Schlagzeuger der Band, Ben Johnston, über die Vergangenheit, aber auch die Zukunft zu reden.

Ben, Wilkommen in Hamburg. Es ist nicht dein erster Besuch in der Hansestadt. Was verbindest du mit der schönsten Stadt der Welt, neben Glasgow natürlich?
Ben:
(lacht) Vielen Dank. Ja, mit Hamburg verbinden wir eine Menge schöner Erinnerungen. Es ist schon fast wie ein zu Hause für uns, da wir schon so häufig hier waren. Wir hatten großartige Gigs im Molotow, wo wir bereits einige Male gespielt haben.

Heute seid ihr erneut in einem der größten Rotlichtviertel untergebracht.
Ben: Richtig. Wir waren auch eines Abends in einer Stripbar, in der mich eine leicht bekleidete Dame mit Milch bespuckte, woraufhin ich ihr in meinen Drink über den Kopf geschüttet habe. Seltsamerweise war der Besuch damit beendet.

„Only Revolutions“ ist euer zweites Album, dass das Licht der Welt beim Major Label Warner Music erblickt. Ist es immer noch so fantastisch mit einem Major zusammen zu arbeiten? Für viele Bands ist das zweite Album das schwierigste, da sie sich dann zeigt, ob sich die Investition in die Band gelohnt hat und ob es ein drittes Album überhaupt geben wird.
Ben: Das stimmt. Für viele Bands ist die Party nach dem zweiten Album meist vorüber bevor sie richtig angefangen hat. Für uns fühlt es sich nicht wie das zweite Album an. Das mag einer der Gründe sein, warum wir nicht diesen enormen Druck wie andere Bands spüren. Bevor wir zu Warner gewechselt sind hatten wir ja bereits drei Alben veröffentlich und waren eine Bands, die im Musikbusiness bereits etabliert war. Außerdem versuchen wir uns diesem Druck nicht allzu sehr auszusetzen, da sonst einfach die Qualität der Arbeit leidet.

Klingt als wäre Warner Music der richtige Partner für euch.
Ben:
Ja, in der Tat. Sie investieren viel Geld in die Band, damit wir mit Produzenten wie Garth Richardson zusammenarbeiten und die Welt bereisen können. (lacht)

Sie ermöglichen euch also endlich mal die Welt zu bereisen.
Ben: Genau. Alles, was wir früher nicht machen konnten, ermöglichen sie uns jetzt. Wir können in größeren Städten wie auch Venues spielen und auch der Rest ist für uns bestens organisiert.

Glaubst Du, dass der Wechsel euch einen größeren künstlerischen Freiraum ermöglicht hat?
Ben:
Nein, ich denke nicht. Unsere Freiheit haben wir uns bewahrt. Ohne diese wäre allerdings eine Zusammenarbeit auch nicht möglich, da ansonsten auch die Musik bescheiden wäre.

Okay, dann lasst uns doch mal über euer neues Werk namens „Only Revolutions“ reden. Garth Richardson hat auch diesmal an den Reglern gesessen. Hat sich in der Zusammenarbeit im Vergleich zu „Puzzles“ etwas geändert?
Ben:
Oh ja, es war diesmal wesentlich einfacher und entspannter. Ich denke, bei unserer ersten Zusammenarbeit hat er nie auf uns gehört. Häufig mussten wir ihm sagen, dass es nicht unser erstes Album ist, sondern wir bereits ein paar Alben produziert haben und somit keine Frischlinge mehr sind. Wir arbeiten hart, damit die Songs klingen wie sie klingen und sind keine der Bands, die sich abends volllaufen lassen und am nächsten Tag im Studio durchhängen. Diesmal hat er weniger versucht die Songs zu ändern, sondern einfach nur die Vorgaben umzusetzen.

Liegt es eventuell daran, dass er normerlweise mit Bands wie Rage Against The Machine, Sphineshank, Mudvayne und Sick Of It All zusammenarbeitet, die ihn sicherlich ganz anders fordern als es Biffy Clyro getan hat?
Ben:
Natürlich war es ein Umstellung für ihn. Daher haben wir bereits im Proberaum alle möglichen Variationen durchgespielt bevor wir mit Garth ins Studio gegangen sind, um so die bestmögliche Ausgangsposition zu schaffen und ihm wenig Spielraum für Veränderungen zu geben.

Das letzte Album, welches Garth abgemischt hat, war „Grey Britain“ von Gallows. Wiederum ein ganzer anderer Sound im Vergleich zu Biffy Clyro.
Ben:
Völlig, aber die Jungs von Gallows kommen mit Garth ebenso gut klar wie wir auch. Wir kennen die Jungs ganz gut, da Simon als Gastsänger in dem Song „Graves“ zu hören ist. Daher konnten wir schnell klarstellen, dass „Only Revolutions“ nicht wie „Grey Britain“ klingen darf. (lacht)

Lass uns kurz über ein Gitarren Solo sprechen. Natürlich meine ich ein spezielles Gitarren Solo, welches in dem Song „Bubbles“ ganz am Ende zu hören ist. Das Gastmusiker, der das erste Gitarren Solo auf einem Biffy Clyro – Album eingespielt hat, ist kein Unbekannter. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ben:
Richtig, Josh, nein, ich meine natürlich Mr. Josh Homme ist beileibe kein Unbekannter in der Musikwelt. Wir waren mit den Queens Of The Stone Age in den USA und Europa auf Tour. Da wir zu dem Zeitpunkt schon wussten, dass wir in Los Angeles unser Album aufnehmen werden, sagten wir ihm, dass er vorbekommen soll, um ein paar Töne einzuspielen, da er in der Gegend wohnt. Klar, kein Problem sagte Josh. Zu dem Zeitpunkt dachten wir, dass er Witze macht, aber als wir in Los Angeles waren rief er uns an und fragte wann er da sein soll.

Es war also eine mehr als nette Zusammenarbeit?
Ben: Absolut, es war total einfach. Josh, hier ist der Song. Denk dir etwas aus und spiel einfach drauf los. Einige Ideen waren großartig andere wiederum weniger gut, so dass wir am Ende die großartigen Spuren behalten haben, um sie in den Song einzubauen. Einem Josh Homme brauchst du nicht zu erklären, was er zu tun hat.

Josh Homme ist bekannt dafür, dass er als Gastmusiker häufig andere Bands unterstützt. Wer  könnte jetzt euer nächster Gastmusiker sein bzw. welchen würdest du dir wünschen?
Ben:
Oh, ich kann mir niemanden mehr wünschen. Mit Josh zu spielen war großartig, da er bereits jetzt eine Legende ist. Wir sind alle große Fans der Queens Of The Stone Age, so dass diese Zusammenarbeit schwer zu toppen ist. Natürlich wären wir nicht abgeneigt mit Dave Grohl oder aber auch mit Frank von Gallows zusammen zu arbeiten. Eigentlich mit jedem, der daran interessiert wäre mit uns zu arbeiten. Allerdings sind wir nicht auf der Suche nach Gastmusikern, da wir ja keine Band sind, die sich für jedes Album einen Haufen Gastmusiker einlädt. Auch Josh haben wir nicht groß angekündigt. Er singt nicht, spielt keinen ganzen Song, sondern nur ein Solo am Ende eines Songs. Er ist zwar er selbst, aber wir benutzen ihn nicht, um mehr Alben zu verkaufen.

Auf “Puzzle” findet sich ein Song namens “Folding Stars”, den Simon seiner verstorbenen Mutter gewidmet hat. Gibt es auf „Only Revolutions“ ebenfalls einen Song, mit einem derartigen emotionalen Hintergrund?
Ben:
Es gibt sehr emotionale Songs, aber natürlich keinen, der wie „Folding Stars“, der einen solchen Hintergrund hat. Zudem ist der Song auch eine Ausnahme, da der Name von Simons Mutter direkt im Refrain auftaucht. Normalerweise werden verklausulierte Texte für derartige Erlebnisse verwendet.

Könnt ihr diesen Song überhaupt live performen?
Ben:
Nein, „Folding Stars“ spielen wir nicht mehr. Wir haben den Song auf einigen Festivals gespielt, aber es ist für Simon einfach zu hart den Namen seiner verstorbenen Mutter zu singen. Daher spielen wir diesen Song nicht mehr.

Der Großteil der etablierten Bands sind keine Freunde von Videos und sehen es eher als notwendiges Übel an. Wie sieht es bei euch aus? Wie sehr hat dich der Dreh zu „The Captain“ genervt?
Ben:
Nein, ich liebe es. Bei „The Captain“ hatten wir verdammt viel Spaß. Außerdem konnten wir uns als Piraten verkleiden, was doch der Traum eines jeden ist, oder? Natürlich ist es nicht einfach, da wir alle keine ausgebildeten Schauspieler sind und wir nicht jeden Tag einer solch großen Crew gegenüber stehen, die von uns eine gewisse Schauspielkunst erwartet. Dazu dauert so ein Dreh natürlich ziemlich lange. Einige Szenen wiederholst du gefühlte 200 Mal. Trotzdem, ich persönlich liebe gute Musikvideos und habe daher immer großen Spaß.

Welchen Song werdet ihr als nächstes im Videoformat präsentieren?
Ben:
Das nächste Video werden wir wohl zu „Many Of Horror“ machen, da das auch die nächste Single werden wird. Danach wohl „Bubbles“.

Letzte Woche als ich in London euer Album „Puzzle“ zum zweiten Mal gekauft habe, fragte mich der Verkäufer interessiert, ob ich wüsste, wer das Cover gemacht hat. Kurz zuvor hatte ich etwas über Storm gelesen, so dass ich dem Verkäufer immerhin den Vornamen nennen konnte. Er hat auch das Cover zu „Only Revolutions“ gestaltet, oder?
Ben:
Ja, das ist korrekt. Er hat auch das Cover zu „Only Revolutions“ gemacht.

Wie kommt ihr zu so einem Künstler, der normalerweise die Cover für Pink Floyd oder Peter Gabriel macht? Habt ihr ihn einfach mal angerufen?
Ben:
Ja, er ist ein Fan der Band und wir lieben seine Arbeiten wie bspw. die Pink Floyd – Cover. Das sind Alben, die sich millionenfach verkauft haben. Außerdem waren wir von dem Puzzle – Cover so begeistert, dass wir gehofft haben, dass er uns auch bei „Only Revolutions“ unter die Arme greift.

Bei „Puzzle“ sieht es so aus als wäre Photoshop zum Einsatz gekommen.
Ben:
Nicht ganz. Auf dem Cover ist alles echt. Anstatt Photoshop zu verwenden, haben wir den armen Kerl mit Bodypainting verunstaltet. Auch der Rest auf dem Foto ist alles echt. Bei „Only Revolutions“ ist ebenfalls nichts bearbeitet. Natürlich kann man zwei derartig große Schals niemals so fliegen lassen wie auf dem Cover. Daher hat Storm Gerüste mit Kabeln aufgebaut, um die Schals so im Wind flattern zu lassen. Im Booklet kann man die Konstruktion genau sehen.

Also habt ihr einige Zeit für die Erstellung dieses Cover benötigt?
Ben: In der Tat. Das hat wirklich ein wenig gedauert. Der brennende Tisch und die beiden Leute, die sich gegeüner stehen. Storm wollte es so realistisch wie möglich machen. Daher war auch ein großer Aufwand von Nöten. Jeder limited Edtion von „Only Revolutions“ liegt ein Stück der Fahne vom Cover bei. Dazu gibt es noch ein Druck, den Storm selbst signiert hat. Soll ich einfach mal kurz die Geschichte des Covers erzählen?

Nur zu.
Ben:
Auf dem Cover siehst du eine Frau und einen Mann, die sich gegenüberstehen. Die haben sich nichts mehr zu erzählen. Die Zeit zum Reden ist vorbei. Sie hat eine Art von Nudelholz in der Hand und er ein Messer. Der Tisch, an dem beide jahrelang miteinander geredet haben, ist in Flammen aufgegangen. Wie bereits gesagt, es gibt nichts mehr zu bereden. Die Fahnen symbolisieren das Verblassen der alten Beziehung.

War die Story eure Geschichte?
Ben:
Nein, wir haben Storm ein paar der Songs, die auf „Only Revolutions“ enthalten sind, vorgespielt. Diese hat er sich ein paar Wochen angehört und kam dann mit dieser Idee um die Ecke. Ich war wirklich beindruckt, auch dass er echte Flaggen verwenden wollte. Das war perfekt für uns, da dieses Cover auch die Songs des Albums widerspiegelt.

Kommen wir kurz zu euren Labelkollegen Muse. Ihr habt in den letzten Wochen ein paar Shows mit ihnen in Deutschland gespielt. Wie harmonieren Biffy Clyro und Muse miteinander?
Ben:
Natürlich großartig. Muse ist eine unserer Lieblingsbands und wahrscheinlich im Moment die beste Liveband der Welt. Jede Band kann von ihnen eine Menge lernen und es war irre für uns diese Band so viele Abend live sehen zu dürfen. Auch ihre Fans haben uns überall sehr herzlich empfangen.

Und ganz nebenbei waren die Hallen ein wenig größer als sonst.
Ben:
(lacht) Definitiv. Das waren so große Hallen wie wir sie in der Zukunft vielleicht auch mal füllen können, aber die Gigs und die Tour mit Muse war wirklich beeindrucken.

Heute sind People In Planes aus Cardiff euer Support. Inwieweit nehmt ihr Einfluss auf die Auswahl der Vorgruppen in den jeweiligen Städten?
Ben:
People In Planes begleiten uns jetzt schon das zweite Mal auf einer Tour. Ihre Songs sind zwar nicht so schnell und hart wie unsere, aber sie haben unglaublich schöne Songs im Programm. Die Jungs kennen wir nun schon seit Jahren, so dass wir sie gern mitgenommen haben. Die Auswahl der Bands richtet sich nach dem Können der Band und nicht nach so einem Scheiß wie „Wer ist gerade total angesagt?“. Wenn sie uns gefallen und wir uns gut verstehen, dann drängen wir darauf, dass genau diese Band uns begleitet.

Die Festival Saison 2009 ist vorbei, aber die ersten Festivals haben bereits Bands für das kommende Jahr verkündet. Wo sehen wir Biffy Clyro 2010?
Ben:
Das will ich doch hoffen. Wir haben in der Vergangenheit bereits ein paar Festivals in Deutschland wie dem Hurricane-Festival gespielt. Aber auch bei Rock am Ring haben wir gespielt. Ein unglaubliches Festival. Wir werden versuchen so viele Festivals wie möglich zu spielen, da gerade Europa speziell Holland und Deutschland die besten und größten Festivals haben.

Dann müsst ihr euch aber so langsam von den kleinen Bühnen oder Zeltbühnen wie auch dem Hurricane verabschieden und die großen Bühnen besteigen.
Ben:
Oh, das ist kein Problem. Die ganze Band liebt die großen Bühnen, aber auch kleine Clubshows haben ihren Reiz, da man so dicht an den Fans ist und die Leute von der Bühne springen können. Allerdings ist es in den kleinen Clubs auch wiederum verdammt heiß. Auf den großen Bühnen hat man natürlich einen hervorragenden Blick auf die Fans, ist aber auch viele Meter von ihnen entfernt. Beides hat seine guten und schlechten Seiten.

Nicht nur die Festivalsaison ist vorbei, sondern auch das Jahr 2009. Was sind deine persönlichen Erwartungen an das Jahr 2010?
Ben:
Oh Gott, eine zwei Stunden Frage. Erst mal bin ich glücklich, dass wir „Only Revolutions“ dieses Jahr veröffentlich haben und somit im nächsten Jahr viele Gigs spielen können. Ich hoffe, dass wir in neuen Ländern spielen werden, in denen ich noch nie zuvor war wie bspw. Russland, Polen, Tschechien, aber auch die Festivalsaison wird sicherlich ein Highlight.

Gut, dann hoffen wir auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.



INTERVIEW: Tim

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