Interview

I LOVE LAKE TAHOE, O?

A
01.04.2002, Hamburg, Knust

Am 01.04.02 trafen wir Giles Perry von A zu einem Interview im Hamburger Schlachthof. Vor dem zweiten Auftritt ihrer ausgedehnten Deutschland-Tour zum neuen Album "Hi-Fi Serious"; sprachen wir mit dem netten Keyboarder über Music, Fish & Chips und die englische Boulevardpresse. Eins wurde mir schnell klar: Wären alle Engländer so drauf wie Giles, würde ich meinen Zweitwohnsitz sofort auf die Insel verlegen. Den richtigen (blassen) Hauttyp kann ich jedenfalls aufweisen. Ein warmes Dankeschön für das fröhliche Gelingen auf diesem Wege auch an Niels Andersen von Eastwest Records.

Wie war es gestern Abend in Düsseldorf bei der WDR-Osterrocknacht?
Giles: It was wicked! Es war echt cool, viele Leute waren da und sie haben es sogar live im Fernsehen gezeigt. Zusätzlich hat eine meiner Lieblingsbands "Jimmy Eat World" gespielt. Es war das erste mal, dass ich es geschafft habe, sie live zu sehen. Sie waren wirklich beeinfruckend.

Wann habt Ihr gespielt? Schon eher am Ende?
Giles: Wir haben um 19:00Uhr gespielt - es war also schon okay.

Leider habe ich zu spät eingeschaltet, Heather Nova hat mich nicht gerade vom Hocker gerissen.
Giles: Ich denke, dass der Sound nicht besonders gut im TV rübergekommen ist. Der Mixer hat keine gute Arbeit abgeliefert. Schade, doch die Show an sich war klasse. Besonders die Menge vorn ist spitzenmäßig abgegangen.

Stimmt es eigentlich, dass Dan (Bassist) zu jedem Gig der letzten Tour von Jimmy Eat World gereist ist?
Giles: Er ist ein Paar mal nach Deutschland geflogen, um sie live zu sehen. Dan ist schon ein ziemlicher Fan von denen. Er war es auch, der sie mir zum ersten mal vorgespielt hat. Dan war unser Vorreiter in Sachen JEW. Sie haben auch definitiv einen großen Einfluss auf "Hi-Fi Serious".

Daraus lässt sich entnehmen, dass es cool für Euch gewesen sein muss, mit JEW zu spielen. Wer wäre denn die perfekte Band, um mit Euch zu spielen?
Giles: Das waren eindeutig die vier Auftritte, die wir mit Faith No More hatten. Das war das Größte. Sie gehören unbestritten zu meinen All-Time-Favourites. Einfach eine beeindruckende Band. Sie sind auch persönliche sehr nette Leute. Sie sollten wieder zusammenkommen. Dann wieder ein Paar Shows mit ihnen zu spielen, das wär's.

Mike Pattons neue Projekte sind sicher etwas kontrovers.
Giles: Ziemlich abgedreht! Wir haben mit einer seiner Bands namens "Lovage" in L.A. gespielt. Die haben Lounge- und Soul-Music gespielt. Das war schon ziemlich cool.
 
Davon habe ich noch gar nicht gehört. Ich selbst war bei Mr.Bungle und Fantômas - ziemlich krank zum Teil.
Giles: Das glaube ich. Er hat sogar noch eine weitere Band namens "Tomahawk". Ich finde, er sollte wieder mit Faith No More zusammen kommen. Mit denen macht er einfach die beste Musik.

Zu Eurem neuen Album "Hi-Fi Serious". Warum dieser Name?
Giles: Das ist eigentlich ein fortlaufender Prozess. In England hat man uns lange Zeit schlichtweg nicht Ernst genommen. Genau genommen zu den beiden letzten Alben. Das war schon eine Schande, denn wir haben unsere Musik immer sehr ernst genommen. Bloß weil nicht den ganz Tag rumlaufen und dabei gelangweilt und traurig aussehen, wie es viele bei uns machen. Hier haben einfach Spaß an unserem Job, dem Musik machen. Deshalb dachten und denken viele, dass wir verrückt und amüsiergeil seien. Was totaler Schwachsinn ist, denn wir sind völlig normal. Wir nehmen unsere Musik halt nur sehr ernst. Daher ist "Hi-Fi Serious" auch unser reifstes Album, but it still rocks out wie die beiden Vorgänger. Der Name "Hi-Fi Serious" kommt ursprünglich von einer englischen Fernsehshow von Steve Koegan, der einen gescheiterten TV/Radiomoderator spielt. In dieser Show kommt "Hi-Fi Serious" als Name eines Hi-Fi-Ladens vor. Daher kommt es also genau.

Stört es Dich eigentlich, dass die meisten Leute denken, Ihr wärt aus den USA, speziell aus Kalifornien?
Giles: Ja, das stimmt, aber es stört mich nicht wirklich. Es ist doch so, dass es völlig egal ist, woher irgendjemand kommt. Es ist nur so, dass unsere Musik wohl etwas nach amerikanischer Westküstenmusik klingt.

Würdet Ihr lieber erfolgreicher zu Hause sein?
Giles: Überall, das ist mir völlig egal. Hauptsache wir haben irgendwo Erfolg. Aber zuletzt haben wir auch in England zugelegt. Immerhin war "Nothing" Nummer neun in den Charts und ist seit fünf, sechs Wochen in den Top Fifty. Damit lässt es sich leben. Letztes Jahr hatten wir mehr Erfolg hier als in England. Das ist aber völlig okay, so waren wir dann auch mehr in Deutschland. Dieses Jahr wird sehr anstrengend. Wir spielen Gigs auf der ganzen Welt, um auch international "anzugreifen".

In Deutschland werdet Ihr die Toten Hosen supporten. Wie ist es zu dieser -im ersten Moment- komischen Konstellation gekommen?
Giles: Einmal als wir mit der Bloodhound Gang zusammen gespielt haben, erkannte ich backstage einen Typen, der mir irgendwoher bekannt vorkam. Wir dann ins Gespräch gekommen und es stellte sich heraus, dass das der Drummer von den Toten Hosen war, der auch Engländer ist. Wir haben uns dann auf Anhieb super verstanden und ich gab ihm eine Kopie von "Monkey Kong", was ihm -und später der Band- sehr gut gefiel. Dennoch glaube ich, dass ich ihn vorher noch nie gesehen hatte. Ich muss wohl wieder etwas voll gewesen sein. Wenn wir jetzt in Deutschland auf Tour sind, kommt er regelmäßig vorbei und wir gehen einen trinken. Sie kamen dann auf uns zu und fragten, ob wir nicht mit ihnen auf Tour gehen wollten. Das sollte dann schon letztes Jahr passieren, doch leider brach sich Campino das Bein und die Gigs mussten abgesagt werden. Doch dieses Jahr wird es bestimmt eine Menge Spaß mit denen geben. Ich freue mich schon drauf.
 
Um auf Euer Album zurückzukommen: Warum habt Ihr ausgerechnet in Brüssel aufgenommen?
Giles: Wir haben im Studio namens ICP in Brüssel aufgenommen. Genau wie bei "Monkey Kong". Wir wollten damals eigentlich in den USA aufnehmen, doch dann gab uns unser Producer den Tip mit Brüssel. Da Brüssel ja nun nicht unbedingt als Mekka des Musikgeschäfts gilt, waren wir anfangs skeptisch. Als wir dann aber bei ICP ankamen, waren wir alle baff. So riesig und super ausgestattet war dieses Studio. So etwas hatte ich bis dato noch nicht gesehen - wow. Drei riesige Aufnahmeräume, lauter freundliche Leute, wir bekamen eigene Apartments, einen Pool, einen Fitnessraum... wir hatten einfach alles. Zu "Monkey Kong" waren wir fünf Wochen da und es war es dermaßen kalt und regnerisch - boah ey. Nur einen Tag hat es nicht geregnet, da waren dann aber minus zwanzig Grad. Dieses mal waren wir aber schlauer und haben im Sommer aufgenommen. "Wicked", es war immer super heiß.

Habt Ihr dieses Mal auch mehr Zeit benötigt?
Giles: Die Aufnahmen selber liefen etwas schneller. Wir haben jedoch einen längeren Vorlauf, da wir wegen der riesigen Tour zu "Monkey Kong" kaum Zeit hatten, Songs fürs neue Album zu schreiben. Insgesamt brauchte alles ein wenig länger, aber wollten ja auch perfekt machen. Alles was im Endeffekt auf dem Album zu hören ist, gehört da auch hin und wir haben uns etwas dabei gedacht und es nicht nur so mit drauf gepackt. Ich denke, es hat sich gelohnt. "Hi-Fi Serious" ist definitiv unser bestes Album.

Hat Euch das exzessive Touring zu "Monkey Kong" nicht teilweise sehr geschlaucht?
Giles: Nein, es war großartig. Wir lieben es nun mal zu touren. Nur an einem Punkt in Amerika wurde es einmal zu viel. Das war nach den Gigs mit der Bloodhound Gang, die tierisch abgingen. Einfach verrückte Typen, ich habe selten so viel gelacht. Und ich habe Dinge gesehen mit denen, die ich sicher in meinem Leben nie wieder sehen werde. Gewiss nicht... Doch danach ging es auf eine nicht enden wollenden Strecke mit einer richtigen scheiß Band durch den Mittleren Westen. Da haben wir uns echt gefragt, was wir dort eigentlich machten. Das war echte Zeitverschwendung und hat uns obendrein noch einen Haufen Geld am Tag gekostet. Das war echt deprimierend in einer miesen kleinen Bar vor zehn Leuten zu spielen. Wir hätten schön zu Hause bei unseren Familien sein können. Da war bisher der einzige wirkliche Tiefpunkt, den die Band bisher hatte. Dennoch freuen wir uns, nach Amerika zurückzukehren. Wir hatten ja auch eine super Zeit dort.

Bis jetzt ist "Nothing" in Deutschland schon besser eingeschlagen als der unbestrittene Hit "Lake Tahoe" damals zu "Monkey Kong".
Giles: Wirklich? Ich bin etwas besorgt darüber, denn das letzte Mal haben wir in Hamburg in einem viel größeren Club gespielt als heute Abend. Wir hatten den Eindruck, dass wir mit "Lake Tahoe" mehr Radio- und Video-Airplay hatten als mit "Nothing". Das mag aber auch daran liegen, dass VIVA Zwei VIVA Plus weichen musste. Wir werden es ja dann genauer sehen, wenn das Album herauskommt (02.04.02 d. Red.).

Ist es als englische Rockband nicht schwierig neben den vielen Britpop-Bands co zu existieren?
Giles: Zum Glück verändert sich das gerade. Rockmusik wird immer zugänglicher in England im Moment, ob im Radio oder TV. Das im letzten Jahr noch unmöglich. Als "Monkey Kong" herauskam, war es für uns absolut unmöglich ins Radio oder Fernsehen zu kommen. In den letzten Jahren sind dann aber Bands, amerikanische Bands wie Linkin' Park oder Limp Bizkit in den Mainstream eingebrochen und haben Rock jetzt zu dem neuen "Ding" gemacht. Daraufhin hat man sich dann in England nach in heimischen Band umgesehen, die als Prototyp für englische Rockmusik herhält. Zum Glück für uns scheinen wir diese Band zu sein. Wir, die Pioniere, haha! Wenn ich da an "Lake Tahoe" denke: Da war nichts, aber auch gar nichts. Jetzt läuft "Nothing" hoch und runter. Als wir unseren Plattenvertrag damals vor fünf Jahren in London unterzeichneten, griffen wir vollends ins Klo. Denn die folgenden vier Jahre war Pop in England angesagt.

Bands wie Oasis, Pulp und so...
Giles: Ja, die gehören sicher zum Mainstream, wobei die noch zu den rockigsten Popbands gehören. Härter ging einfach gar nichts. Oasis war schon das Extrem, die anderen waren einfach nur Pop. Zum Glück sind britische Rockbands wieder angesagt. Das ist gut für uns und Vex Red, Lost Prophets... eine gute Entwicklung.

Wird man Euch dieses Sommer noch auf anderen Festivals neben Rock am Ring / Park zu sehen bekommen?
Giles: Wir haben einen sehr straffen Terminkalender im Sommer, da wir auch in Australien und Japan unterwegs sein werden. Doch wir versuchen wie vor zwei Jahren wieder auf dem Bizarre zu spielen. Das war damals "wicked". Wir haben auch Southside und Hurricane gespielt. Ich würde gern wieder viele Festivals spielen, doch man wird sehen, wie das alles passt diesen Sommer. Wir freuen uns jedenfalls sehr auf diese Riesenfestivals RaR und RiP. Seit wir 2000 vor 60000 Leuten in Reading gespielt haben, sind wir infiziert.

Fällt es dann schwer, sich wieder für kleine Clubgigs zu motivieren?
Giles: Nein gar nicht, kleine Gigs sind klasse. Die Fans hängen direkt vor deiner Nase, der ganze Schweiß, die Nähe zu den Fans, die ganzen Stagediver...

Warte heute Abend ab!
Giles: Da hoffe ich wirklich drauf. Kleine Gigs können auch so dermaßen cool sein. Wie damals in Brighton, als die ursprüngliche Location wegen Drogen hochgenommen wurde. Daraufhin beschlossen wir, wenn wir schon mal da waren, in einem anderen, noch viel kleinerem Pub für die zahlreich angereisten Fans zu spielen. Das war so eng und klein, das kann man sich nicht vorstellen, aber hat saumäßig Spaß gemacht - ein echtes Erlebnis. Das war "Punk" vom feinsten. Dazu kam damals in Reading noch, dass wir den ganzen Tag mit Rage Against the Machine, Slipknot und Blink 182 abhängen konnten. Das war einfach cool, alle so super drauf und freundlich, nachmittags langsam voll werden, dann kurz auf die Bühne und danach weitersaufen. Slipknot waren besonders nett. Den haben wir auch erzählt, dass wir - yäh, yäh - in Iowa waren. Die daraufhin erst mal ihre Masken geholt und uns tierisch erschreckt. Besonders war ich, als ich den Drummer während des Konzerts beobachtete. Unglaublich, wie im Trickfilm, der ist noch in Zeitlupe schnell. (G. gestikuliert wild um sich)

Jetzt natürlich zum Thema Fußball!
Giles: Da ist eigentlich Jason als alter Arsenalfan der Mann für, aber ich liebe es auch, Fußball zu gucken. Besonders wenn wir Deutschland 5:1 besiegen.

Ja,ja das musste ja jetzt kommen.
Giles: Es war schon ein gutes Spiel, aber es wurde auch mal wieder Zeit, dass wir gegen Deutschland gewinnen. Egal wer im Endeffekt gewinnt, diese Duelle sind immer ganz besondere Spiele. Normalerweise verlieren wir ja, 100%ig natürlich bei Elfmeterschießen.

Wir hatten bei den letzten Auslosungen schon wieder mächtig Schiss. Bloß nicht wieder gegen England.
Giles: Die WM wird wieder einfach ein Erlebnis, sie vereint so viele Menschen und macht so viele Menschen glücklich. Nur die Gewalt beim Fußball ist natürlich "Bullshit". Da sind wir als Engländer natürlich negativ besetzt.

Jetzt zum altbekannten Spiel: Word Associations _ Yihah!!! "Erfolg"
Giles: Platinum Discs.

"Touring"
Giles: Ich liebe es zu touren. Jetzt gehen wir ja bald auf Welttournee Australien, Neuseeland, Japan, Ferner Osten, Mittlerer Osten, USA, England, Deutschland. Ich soll aber lieber nur einwörtige Antworten geben, oder?

Ist schon okay. - "Ferien"
Giles: Gibt es im Moment nicht für uns. Wenn es aber wieder einmal so weit sein sollte, dann werde wir uns an einen Strand legen und rein gar nichts machen.

"Fish & Chips"
Giles: Gut und schlecht, wobei es in London echt schwierig ist, guten zu finden. Da gibt es nur diese Döner-Kebap-Shops mit ihrer Scheiße. (Gut der Mann!) Wenn man guten Fisch erwischt, ist das okay, aber ich stehe eher auf Würstchen.

Na da bist Du in Deutschland ja richtig. - "Boulevardpresse"
Giles: Oh mein Gott, nur Lügen.

"Hamburg"
Giles: Großartig! Das erste mal war ich mit elf Jahren hier. Hier wohnen Freunde von mir und auch von meiner Familie. Deshalb war ich schon oft hier. Die sind heute Abend auch beim Konzert. Ich mag Deutschland einfach, besonders Hamburg. Auch den Dom, der gerade läuft.

Das war dann der Punkt, wo Giles mich endgültig überzeugt hat. Da er und seine genauso netten Bandkollegen von nun an ziemlich weit oben in meiner persönlicher Sympathieskala stehen, gab ich Ihnen auch noch den wohlgemeinten Tipp, sich beim Autoscooter auf dem Dom, lieber mit niemanden anzulegen. Scheint gefruchtet zu haben, denn schon am nächsten Abend standen sie wieder auf der Bühne.

INTERVIEW: Tim Stecki

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