Interview

HAMBURG IST DIE HAUPTSTADT DER MUSIK

ASH
19.12.2003, Hamburg, Knust

Der irische Vierer ist längst kein Insidertipp mehr. Ihr Album ?1977? schlug Mitte der Neunziger sowohl im Vereinigten Königreich als auch international ein wie eine Bombe. Die Folgen liegen auf der Hand: Große Touren rund um den Erdball, viel Lob und ebenso viele verkaufte Alben. Ihr neuestes Werk heißt ?Meltdown? und wird in einigen Wochen in den Plattenläden zu finden sein. Werbung in eigener Sache wurde bereits auf einer kleinen Club-Tour durch ganz Europa gemacht, auf der wir Schlagzeuger Rick McMurray und Gitarristin Charlotte Hatherley ein wenig auf den Zahn fühlten. Im Laufe des Interviews gesellten sich dann auch noch Bassist Mark Hamilton und Frontmann Tim Wheeler zu uns, und die Mannschaft war vollzählig.

Wie war euer Konzert gestern?
Charlotte: Das war großartig! Wir haben seit ungefähr zwei Jahren keine komplette Tour mehr in Europa gespielt. Und es war auch mal wieder schön, nach Hamburg zu kommen und in einem kleinen Club zu spielen, in dem die Leute so richtig abgehen.
Rick: Ja, das war echt cool. Die Shows auf dieser Tour waren auch alle verdammt schnell ausverkauft. Und wir konnten endlich unsere neuen Songs den Leuten vorstellen.

Gestern habt ihr jedoch nur einen Song von eurem Album ?Nu-Clear Sounds? gespielt. Mögt ihr die alten Sachen ? speziell dieses Album ? nicht mehr?
Charlotte: Wir haben vier Alben herausgebracht, von denen wir Songs aussuchen müssen. ?Nu-Clear Sounds? ist ein ziemlich ruhiges Album, und wir wollten eine ordentliche Rock-Show abliefern. Da passen diese Songs nicht so gut rein. Sie machen nicht deutlich, an welchem Punkt wir heute angekommen sind.

War es eure Absicht, in einem kleinen Club zu spielen? Ich meine, ihr seid ja locker in der Lage, große Hallen zu füllen.
Rick: Diese Konzerte finden ja nur im Rahmen einer kleinen Promo-Tour statt. Wir möchten den Leuten einen ersten Eindruck von dem geben, was sie mit unserem nächsten Album erwartet. Natürlich spielen wir immer ein komplettes Set, aber trotzdem passen in diesem Fall kleinere Läden besser.

Ihr spielt auch nur in einer Stadt pro Land. Warum habt ihr euch Hamburg ausgesucht?
Rick: Ich denke, dass Hamburg die Hauptstadt der deutschen Musikbranche ist.
Charlotte: Und wir mögen die Stadt. Wir waren schon einige Male hier, und es hat uns prima gefallen.

Dieses ist also die Promo-Tour. Steht in Sachen Konzerte bei euch in nächster Zeit schon etwas Konkretes an?
Rick: Ja, nachdem unser Album herausgekommen ist, werden wir im Sommer auf einigen Festivals spielen. In Deutschland werden wir auf dem Southside und auf dem Hurricane auftreten. Dazu spielen wir noch zusammen mit den Pixies eine Show in Berlin gleich nach dem Hurricane. Wenn wir in Europa unterwegs sind, nehmen wir gerne eine Menge Festivals mit, und zwischendurch spielen wir noch einige Konzerte in kleinen Clubs. Wir sind eine Menge unterwegs.

Kommen wir zu eurem neuen Album: ?Meltdown? ist im Vergleich zu euren früheren Platten relativ hart ausgefallen. War das von vorn herein eure Absicht?
Charlotte: Ja. Ich denke, dass es eine normale Entwicklung war. Wir spielen viele Shows, sind eine sehr gute Live-Band geworden, und das schlägt sich dann auch auf das Songwriting nieder, denn live spielen wir die Songs immer etwas härter als sie auf der Platte klingen.
Rick: So gesehen zeigt uns dieses Album von unserer Seite als Live-Band. Es verfügt über eine Menge Energie und Spielfreude, die wir sonst nur auf der Bühne spüren.

Habt ihr denn beim Schreiben und Aufnehmen der Songs dieses Mal etwas anders gemacht?
Rick: Dieses Mal ging alles irgendwie schneller. Tim schreibt die Songs und dann treffen wir uns im Probenraum und setzen seine Ideen um. Im Vergleich zu unseren alten Platten ging das dieses Mal echt flott. Genauso wie die Aufnahmen im Studio. Das mag vielleicht auch daran gelegen haben, dass wir mit einem neuen Produzenten, Nick Raskulinecz, zusammengearbeitet haben, der übrigens auch das letzte Foo Fighters-Album produziert hat. Er war echt cool, denn er hat uns auf der einen Seite immer dazu motiviert, mit viel Energie zu spielen, und andererseits ganz locker an die Sache heranzugehen.

War ?Meltdown? denn mit Betreten des Studios fertig geschrieben?
Charlotte: Ja, wir hatten Demoaufnahmen von allen Songs fertig. Ich finde es nicht gut, wenn man als Band mit halbfertigen Songs ins Studio geht und daran dann zwischendurch noch herumbastelt. Eigentlich kann daraus dann nichts werden. Wir haben uns gut vorbereitet. Nach zwei Wochen intensiver Probe saß alles.

Ihr habt eure neue Single ?Clones? auf eurer Website zum Download angeboten. Gut, es kostet zwar ein wenig Geld, aber wenn einer sich den Song sich erstmal herunter geladen hat, kann er ihn kostenlos unter das ganze Volk bringen. Ist das nicht riskant?
Rick: So verhält es sich doch aber auch bei den CDs. Einer kauft sich die CD, überspielt sie für seine Freunde auf Kassette, brennt sie oder stellt die Songs ins Internet.
Charlotte: Für uns hat die Möglichkeit, dass die Leute sich schon vorher einen Song vom neuen Album anhören können, auch einen Vorteil: Wenn ihnen das Stück gefällt, dann werden sie zumindest neugierig auf das Album. Das ist eine gute Werbung für ?Meltdown?. Außerdem laden die Leute sich ja nur einen Song und nicht das komplette Album herunter.

Ihr habt gesagt, dass ihr während der Aufnahmen im Los Angeles eine neue Demokratie in der Band ausmachen konntet. Gab es innerhalb von Ash denn mal so was wie Anarchie oder eine Diktatur?
Rick: Na ja, eigentlich waren alle Bandmitglieder schon immer gleichberechtigt. Tim steht als Frontmann und Songwriter natürlich immer im Rampenlicht, dagegen kann man sich nicht wehren. Aber bei Ash herrschen intern sehr demokratische Zustände. Für unser neues Album habe ich zum Beispiel eine Menge Rhythmen beigesteuert.
Charlotte: Bei uns werden die Meinung und die Ideen eines jedes Bandmitgliedes respektiert.

In eurer Biografie steht, dass euer Aufenthalt in den Staaten das Album ?Free All Angels? sehr beeinflusst hat. Wie kann so was passieren?
Charlotte: Amerika hat eine riesige Pop-Kultur. Dort wurden viele gute Bands wie Nirvana oder die Smashing Pumpkins berühmt. In dieser Richtung haben die USA ein gigantisches Potential.
Rick: Drüben kann man zum Beispiel den ganzen Tag Rockmusik im Radio hören. Dass dort gute Rockbands soviel Nährboden haben, liegt größtenteils auch an der Größe des Landes. Im Grunde haben unsere Touren durch die Staaten das Album sehr abwechslungsreich gemacht. Das Land steckt schließlich auch voller Gegensätze.

Wie hätte die Platte denn geklungen, wenn ihr die ganze Zeit in Deutschland verbracht hättet?
Charlotte (lacht): Was für eine Frage! Ich weiß nicht, vielleicht würden wir ein wenig metallischer klingen.
Rick: Wir würden dann sicher wie Celtic Frost klingen.
(In diesem Moment öffnet sich die Tür und der Rest der Truppe setzt sich zu uns.)

Was denkt ihr als irische Band über die Britpop-Szene, speziell den ewigen Streit zwischen Bands wie Oasis und Blur?
Mark: Wir haben schon oft mit diesen Bands zu tun gehabt und hatten nie Probleme. Was den Streit betrifft: Das ist doch ein gefundenes Fressen für die Medien. Die Bands werden berühmter und lehnen sich verbal ein wenig weiter aus dem Fenster. Aber ich glaube, dass es alles ziemlich aufgebauscht wurde.

In eurer Merchandise-Abteilung habe ich ein T-Shirt entdeckt, auf dem das ?Jackass?-Logo mit dem Totenkopf und den Krücken abgebildet ist. Darunter steht dann leicht abgewandelt ?Jackash?. Seid ihr große Fans dieser MTV-Serie?
Tim: Mark ist unser Jackass-Bandmitglied.
Mark: Hast du nicht gesehen, wie ich eben barfuß über die Glasscherben das draußen gegangen bin? Die Idee stammt von einigen jungen Leuten, die sich bei uns zu Hause regelmäßig in einem Park getroffen haben. Zu der Zeit war ?Jackass? extrem beliebt, also haben sie die Serie nachgeahmt und komische Dinge angestellt. Irgendjemand vermischte dann unseren Bandnamen mit deren Hobby.

Bevorzugt ihr persönlich, ein Album herauszubringen, das drei oder vier Hitsingles beinhaltet und sonst nur Füllmaterial, oder ein Album ohne bestimmte Chartbreaker, das von Anfang bis Ende stimmig ist?
Charlotte: Ich hasse es, wenn ich ein Album höre, das einige Kracher hat, und der Rest ist Mist.
Rick: Sieh? dir Led Zeppelin an: Die haben nie irgendeine Hitsingle veröffentlicht. Deren Alben waren einfach durchgehend großartig.

Meine letzte Frage geht an Tim: Du wirst oft von den Mädels angehimmelt. Wie kommst du damit zurecht?
Tim: Eigentlich kann ich mich darüber nicht beklagen. Es ist ja auch nichts Unrealistisches, denn wir sind alle noch sehr jung, also aus der Altersklasse, aus der auch unser Publikum kommt. So gesehen gehe ich mal nicht davon aus, dass der Applaus in erster Linie auf mein Äußeres zurückzuführen ist. Das macht mich dann nach einem Konzert immer sehr zufrieden. Dann fahre ich nach Hause und hole mir einen runter?(schallendes Gelächter)

Hörsturz: Aber du bist in festen Händen, oder?
Tim: Ja. Keine Chance!

Da werden sicher einige enttäuscht sein. Trotzdem vielen Dank dafür, dass ihr euch für das Interview zur Verfügung gestellt habt.


INTERVIEW:
Marten

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