Konzertbericht

HEUTE GEHEN WIR STEIL

BERLIN FESTIVAL
07.08. - 08.08.2009, Berlin, Flughafen Tempelhof

Nach einer eher wechselhaften Geschichte in den letzten Jahren (verschiedene Standorte, kompletter Ausfall) ist das Berlin Festival angekommen: Der ehemalige Flughafen Tempelhof war dieses Jahr die beeindruckende Kulisse für die zahlreichen Acts aus der Elektro- und Rockszene. Darunter namhafte Bands und Solokünstler wie Deichkind, Peter Doherty, Jarvis Cocker, Peaches oder die Junior Boys.

Vermutlich war es dem Ambiente geschuldet, dass der erste Festivaltag noch ein wenig unter dem Eindruck des nervösen Flughafen-Gefühls stand, irgendwo zwischen ankommen, weitergehen, suchen und finden. Die Hauptbühne links im riesigen Hangar, die Second Stage zentral unter den Gates und diverse Clubs im Gebäude verteilt. Dazu die Beschilderung des ehemaligen Flughafenbetriebs und die hin und her fließenden Besucherströme – all dies erzeugte die unstete Atmosphäre, die der Flughafen über all die Jahrzehnte erlebt hatte.

Davon abgesehen gab es – und das ist schließlich das Wichtigste – gute Konzerte: ob die smarten und souveränen Saint Etienne mit Feder-Boa, die Berliner Electro-Hipster Bodi Bill oder die gitarrenelektronischen Junior Boys mit einem kraftvollen Set. Und natürlich der Mann, dessen Erscheinen wie immer fraglich zu sein schien und der am Ende doch pünktlich auf der Bühne stand: Peter Doherty. Allein mit seiner Gitarre und zwei Tänzerinnen spielte Doherty ein frisches, klares Set, das all die Hutträger im Publikum verzückt zurück ließ.

Tag 2 hatte die leicht hektische Atmosphäre abgelegt – Besucher und Bands hatten sich an die Kulisse gewöhnt. Und die Musik spielte an diesem Abend auf der Main Stage. Zunächst lieferten The Rifles einen restlos überzeugenden Auftritt, bevor Zoot Woman den Hangar mit ihrem smarten 80s Pop-Sound bespielten.

Was im Anschluss Jarvis Cocker an Bühnenpräsenz und Witz versprühte, war intelligentes, filigranes und begeisterndes Entertainment. Zusammen mit seiner fünfköpfigen Band spielte er sich durch die Songs seiner zwei Solo-Alben und überzeugte in Sachen Deutsch für Anfänger(„Schwarzwälder Kirschtorte“, „Heute gehen wir steil“, „Nuttendiesel“). Ebenso gekonnt zeigte er sich im Umgang mit roten Damenslips, die ihm entgegengeschleudert wurden.

Der anschließende neonfarbene Deichkind-Wahnsinn brachte den Hangar zwar zum Beben, wirkte aber nach der Cocker-Performance wie Ballermann-Disco in Tempelhof.

Diese zwei Tage Berlin Festival haben neben kleinen Verbesserungsansätzen bei Sound und Organisation Lust auf mehr gemacht. Es bleibt die Hoffnung, dass das Festival es schafft, sich an diesem Ort zu etablieren und in der Qualität des Line-Ups den Standard halten zu können. Mit dieser Mischung aus Elektro- und Rock-Acts würde man auch 2010 in Tempelhof gerne wieder steilgehen.

BERICHT: Henning

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