Konzertbericht

AUSVERKAUFT UND ALLEIN

MELT! 2009
17. - 19.07.2009, Ferropolis

Eigentlich hatte ich gar keine Lust, zum Melt!-Festival zu fahren. Schließlich wollte ich mit zehn Gleichgesinnten den Weg zu der Stadt aus Eisen auf mich nehmen. Doch einige Tage vor Beginn meldete das Melt!, dass es zum erstenmal in seiner zwölfjährigen Geschichte ausverkauft sei. Da viele meiner Bekannten noch kein Ticket hatten und diese in Internetauktionshäusern für 180€ den Besitzer wechselten, dünnte sich der Kreis aus. Ich habe sogar bei allen möglichen Gewinnspielen mitgemacht, um meinen Freunden etwas Gutes zu tun, und so stand ich die Woche vorher um 6:30 Uhr auf, um bei Radio Sputnik noch Karten zu gewinnen. Natürlich ist Fortuna mir nicht hold gewesen, und so waren wir zu zweit.

Einen Tag vorher erkrankte der zweite Hörsturz.net-Redakteur, was dazu führte, dass ich ganz alleine zum Melt! fuhr. So wollte ich eigentlich nie enden, alleine zu einem Festival anreisen. Aber alleine sein, hat auch seine positiven Eigenschaften, man muss auf niemanden warten und kann die Konzerte schauen, die man sehen will und muss sich nicht mit Konsens-Veranstaltungen zufrieden geben. So konnte ich selber entscheiden, dass ich mir The Foals anschschauen wollte, was aber leider nicht stattfand, da die Band krankheitsbedingt fernblieb. Also ganz kurz den filigranen elektronischen Klangsongs von James Yuill gelauscht, um dann anschließend die Briten von Klaxons zu bestaunen. Bei dieser Band muss man gestehen, dass man schon erstaunt ist, wie viele bekannte dynamische britische Rave-Hits à la "Atlantis To Interzone", Gravity´s Rainbow" oder "Golden Skans" sie doch haben. Dabei klangen diese Songs wirklich agil und waren ein guter Einstieg ins Festival. Kurz rüber zum Coca Cola Soundwave Tent, wo The Dodos ihre Gitarrensounds mit rumpeligen Percussions kreuzten, um anschließend wieder zur Converse Main Stage (womit die beiden Hauptsponsoren auch genannt wären).

Auf dieser Bühne traten die beiden Norweger von Röyksopp auf, und das klang ein wenig kalkuliert, war dabei aber dennoch umheimlich charmant tanzbar. Schleißlich verfügen ihre Alben über schlaue Floorfillas, die dabei immer immer große Popgesten beweisen können. Von der "Gemini Stage“ hingegen knallte mit wilder Atari-/C64-Radausound vs. wilden Schreigesang durch Crystal Castles entgegen, und schlecht kann das auch nicht gewesen sein, denn immerhin sah man anschließend viele Menschen mit eben Crystal Castles T-Shirts herumlaufen, wobei die T-Shirt-Hitparade die nicht eingeladenen Sonic Youth anführten. Da weiß man, wer für das nächste Jahr ganz oben auf der Publikums-Wunschliste steht.

Ob Travis nun der erste Wunsch für dieses Jahr war, kann man vielleicht ein wenig anzweifeln. Schließlich wirkten sie diesmal ein wenig deplaziert auf dem meist elektronisch dominierten Festival. Aber schlecht waren Fran Healy & Co. auf keinen Fall, und eigentlich haben sie alles richtig gemacht und gleich zu Anfang "Writing To Reach You" den Zuschauern beschert, und auch sonst waren die Schotten publikumsverbunden, redeten viel mit den Gästen und bedankten sich immer anständig. Allerdings schien ihn die Zeit wegzulaufen, denn ihr Hit "Why Does It Always Rain On Me" wurde ausgelassen. Dies geschah vielleicht aus hellseherischen Qualitäten, doch dazu später mehr.

Richtiger Publikumsmagnet war La Roux, die im Zelt spielte, dass so überfüllt war, dass der Sicherheitsmitarbeiter entnervt die Menge anschrie, dass es auch noch andere Konzerte zu gucken gebe. War der Rotschopf etwa doch nicht so gut, wie es die Hype-Presse einem vorgaukeln will? Naja, fest steht, dass ihr 80ies Synthiepop wunderbar auf die hell leuchtende Eisenstadt passte, wenn auch manchmal der Ton nicht immer gut getroffen wurde, aber dennoch sind "Quicksand" oder "For The Kill" verdammt eingängig.

Aber auch die Gemini Stage platzte aus allen Nähten, denn dort spielten The Gossip, und man fragte sich, warum Beth Ditto und ihre beiden Herren nicht auf der großen Bühne spielen durften. Denn es war wirklich schwierig, auf die stimmgewaltige Beth einen Blich erhaschen zu können, aber man merkte, dass sie das Publikum im Griff hatte. Schließlich verausgabte sich die Band auch körperlich, und kraftvoll kamen ihre Songs auch herüber. Nur wer auf die Idee kam, The Gossip in dieser kleineren Bühne einzupferchen, ist noch offen. Auf der Hauptbühne hingegen donnerten einem die wildesten Bässe entgegen. Verantwortlich dafür, dass einem die Hosenbeine durch Bassmassage flatterten, war Aphex Twin & The Hecker, der in Ferropolis ein Exclusiv-Konzert gab. Das hatte es natürlich in sich und war nicht für seichte Gemüter, denn was Richard David James aus den Boxen prasseln ließ, waren wildeste Klänge, die sich mit jedem Augenblick immer wieder veränderten. Dazu dann noch eine Videoperformance, die zum Künstler passte und die einem Gehirnwindung abforderte, von denen man zuvor nicht ahnte, dass es diese gibt.

Die Weirdo Rocker von The Soundtrack Of Our Live hatten genauso das Glück wie Simian Mobile Disco, dass sie überdacht spielten durften, denn obwohl Travis kein Regenlied angestimmten hatten, ergossen sich wahre Regenmassen auf das Melt!-Festival. Was zur Folge hatte, dass Moderat ihren erwarteten Auftritt absagen mussten, Trentemöller nicht seine Platten rotieren lassen konnten, dass das Wasser auf der Gemini Stage nicht ablaufen konnte und auch diese geräumt werden musste und das bei Shullte Buss sich Szenen ereigneten, die einem die Bilder von der Titanic vom Kampf um die letzten Rettungsboote ins Auge riefen. Schlimm, so war die Stadt, die drei Tage lang nicht schläft, zur Ruhepause verdammt.

Nächster Morgen, die Stadt ist wieder erwacht, und selbst der Boden auf den Zeltplätzen tat so, als hätte es letzte Nacht keine sintflutähnlichen Momenten gegeben. Trocken präsentierte er sich, aber Badewetter war es auch noch nicht. Doch die Stimmung bei den Besuchern war wieder gut. Vielleicht auch dadurch, dass eigentlich der Regen das einzige war, was dieses Jahr schief lief. Denn man muss den Veranstalter loben, denn alles, was im letzten Jahr bemängelt wurde, haben sie behoben.Die Bänder konnte man sich recht einfach an mehreren Punkten abholen, teilweise sogar schon in Berlin, die Bühnen wurden besser aufgeteilt, und somit war die Big Wheel Stage dank Strandlage die sicherlich schönste Bühne. Sogar an Legenden haben sie gedacht, denn sie konnten The Wedding Present verpflichten. Diese Band, die damals die ganze C86-Bewegung zum Laufen brachte, spielten ein bodenständiges Konzert.

Leider wusste das Publikum dieses nur sehr wenig zu schätzen, und deshalb war das Zelt recht mager besucht, was bei einer solch wichtigen Band irgendwie traurig ist. Mehr Besucher trauten sich bei Caribou ins Zelt, der mit Indie und pyschedelischen Electronica aufwartete. Jochen Distelmeyer bewies, dass er auch alleine funktioniert, und Filthy Dikes, dass sie eine schnittige Indie-Tanzkapelle sind. Auch aus dem Fehler, The Whitest Boy Alive auf kleine Bühnen zu sperren, haben die Veranstalter gelernt, und deshalb durften sie diesmal auf der großen Bühne spielen. Das kam an, denn es war ein sehr gut besuchtes Konzert, bei dem die leichten aber zielorientierten Melodien sich in nonchalante Tanzbewegung übertragen ließen. Auf der Nebenbühne feuerte die Mediengruppe Telekommander ihre Parolen ab und sorgte auch für viel Bewegung. Dabei muss man feststellen, dass sich deren Hits auch schon in den Köpfen der Zuschauer abgesetzt haben, die wiederum jede der AgitPunkElectroClash-Hymnen mitsingen konnten. Nur mit den neuen Songs vom kommenden Album "Einer Muss in Führung gehen" hatte man noch seine Textsicherheitsprobleme.

Anschließend stürmten die wild kostümierten Dänen von WhoMadeWho die Bühne, die für eine ausgefallene Show mit vielen tollen Melodien sorgten. Auf der Hauptbühne hingegen wurde man wieder verstört. Schuld daran hatten Animal Collective, immerhin die schafften es, avantgardistisch zu rocken, Beach Boys Gesänge einzubauen, Techno-Klänge zu verarbeiten und dabei Viele zu beeindrucken. Dabei wurde der Sound immer hypnotischer, und man wurde immer mehr hineingesogen in das Animal-Collective-Sounduniversum. Danach hatten es die saloppen Popsongs von Phoenix doch ein wenig schwer. Eigentlich funktionieren deren Melodioen immer, doch irgendwie hatte man das Gefühl, dass sie die Songs ohne neue Variationen nachspielten. Vielleicht war aber auch einfach die Position nach Animal Collective zu schwer zu besetzen. Dynamischer hingegen waren !!! (chk chk chk), wo der Gesang schon fast peitschte und auch der restliche Sound sehr tanzbar war.

Der interessanteste Auftritt dieses Festivals war sicherlich der von Fever Ray. Die Bühne mit jeder Menge altmodischer Stehlampen ausgestattet und dazu die Musiker in Kostümen verkleidet, die ein wenig an Indian Ausstattung erinnerten. Dabei startete das Konzert, wie auch das Album, mit dem unterkühlten "If I Had A Heart", und die Bühne war dabei sehr dunkel gestaltet. Denn die Stehlampeln leuchteten nur vereinzelt, und somit hat sich Karin Dreijer Andersson wieder anonym gehalten. Das ist vielleicht auch ihr Zauber, immer eine Distanz zwischen ihr und dem Publikum zu bewahren, und selbst als sie ihre Maske abgenommen hatte, wirkte sie noch immer wie ein fremdes Wesen. Sehr faszinierend und begeisternd zugleich, dieses Highlight. Währendessen ließ Hell seinen Plattenkoffer zur Big Wheel Stage rollen, und er im schnieken Anzug hinterher. Denn auch diesmal spielte diese Legende auf dem Melt! ein DJ-Set, welches musikalisch ein wenig an seine neue Platte angelehnt war. Allerdings ist man ein wenig erstaunt gewesen, dass mehr Leute bei Paul Kalkbrenner tanzten als bei Hell, scheinbar ist sein Film "Berlin Calling" doch präsenter, als man dachte.

Währendessen traten Bloc Party auf der Hauptbühne auf, die zu einem zu bewegenden Tanzbeinen auch nicht nein sagen können. Wenn man ehrlich ist, passt Bloc Party auf dieses Festival wie kaum ein anderer Act. Schließlich sind ihre massenhaften Hits von schnellem Tempo befeuert, tanzerprobt, und Kele Okereke hat sich mittlerweile auch auf großen Bühnen eingelebt. Am Anfang ihrer Karriere hatte man häufig das Gefühl, dass sie die Präsenz nicht voll entfalten konnten. Auf dem Melt! war das anders, jeder Hit zündete, und selbst der Eurodance Hit "Flux" bettete sich wunderbar zwischen den Riesenbaggern ein. Fast nahtlos ging es über zu den Haurock-Elektronikern von Digitalism. Die haben scheinbar schnell gelernt, den Lautstärkeregler nach oben zu bewegen, und so hatte man ein wirklich lautes, sehr partytaugliches Konzert abgeliefert. Dieser Gig war sehr gut besucht, auch zum Ende hin, als die Uhr auf kurz vor fünf stand. Anschließend bestand die Möglichkeit, sich von einem wild offensiven Set von Boys Noize und Erol Alkan durchschütteln zu lassen. Oder die zweite Möglichkeit, den ersten Auftritt (von zwei) von Ellen Allien anzuschauen, bei dem sie sich nicht zu schade war, auch Yellos "Oh Yeah" einzubinden.

Irgendwann war dann die Kraft am Ende, und die Augen schlossen sich. Natürlich sprangen sie am nächsten Tag wieder auf, und so ging es zum sonderlichsten Auftritt des Wochenendes. Denn  der Auftritt von Patrick Wolf war von hohem Entertainment-Talent getragen und pendelte manchmal auch in Richtung Kabarett, denn er ist ein wahrer Verkleidungskünstler und traut sich auch, auf High Heels über die Bühne zu stolzieren. Dabei wurde er von einem guten Streicherspiel begleitet und gezielten elektronischen Beats bekräftigt. Zum Schluss wünschte er allen noch eine Menge Spaß, Sex und Drugs für das restliche Wochenende. Ein wirklicher Entertainer. Solche Mätzchen scheinen nicht das Ding von den Glasgower Herren von Glasvegas zu sein. Die standen stoisch mit schwarzen Sonnenbrillen da und lieferten die Songs von ihrem Debüt ab, wobei sie mich auf der Platte fast mehr bewegen. Danach die Band mit meiner persönlichen Festivalhymne, nämlich Polarkreis 18 und "Allein Allein".

Diese Band mit dem enormen Popularitätsschub hatte dabei aber starke Konkurrenz bekommen. Denn ein sichtlich angetrunkener junger Mann hat sich von seiner Hose getrennt und feierte sich selber, was dazu führte, dass ihm sogar Standing Ovations zuteil wurde. Danach führten ihn zwei Security-Leute ab, was ein wenig überzogen war. Kasabian verpasst, und Oasis sorgten dafür, dass die Mainstage das einzige Mal überfüllt war. Ein Set, dass aus allen Phasen der Karriere schöpfte und ohne Skandale auskam und einen doch beeindruckte, spätestens als "Don´t Lock Back In Anger" gespielt wurde. Tiga habe ich verpasst, weil ich dann genug hatte vom Alleinsein und, trotzdem glücklich, "Allein Allein" nach Hause fuhr. Bis zum nächsten Jahr, und meinetwegen auch gerne alleine.

BERICHT: Hauke

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