Konzertbericht

ROCKENDES UND RADIOTAUGLICHES

DEICHBRAND - FESTIVAL 5.0
17.07. - 19.07.2009 (Seeflughafen Cuxhaven)

Sie gelten als brummig und kühl, die Menschen von der Küste. Ist es unter diesem Gesichtspunkt nicht ein waghalsiges Unterfangen, ausgerechnet unweit des Nordseedeiches ein Musikfestival auf die Beine zu stellen, das abwechslungsreiche Klänge unter freiem Himmel und eine dementsprechend ausgelassene Stimmung verspricht? Mitnichten, denn das Deichbrand Festival in der Nähe von Cuxhaven ging in diesem Jahr in seine fünfte Runde und erweckte keineswegs den Eindruck, dass es sich hier um eine halbgare Veranstaltung handelte.

Drei Tage lang wurde der Seeflughafen Cuxhaven/Neuhaus mit Musik verschiedenster Art beschallt. Chartstürmer trafen auf Newcomer, wuchtige Töne trafen auf akustische Streicheleinheiten, Lokalmatadore trafen auf weit angereiste Exoten. Folglich entpuppte sich auch das Publikum als äußerst vielschichtig: Bei einem Wandel über das ausschweifende Festivalgelände traf man nicht nur auf den klassischen Festivalbesucher, der funktionell gekleidet dezente Verwahrlosungstendenzen aufweist, sondern auch auf adrett aufgemachte Damen und Herren in Gummistiefeln und North Face-Windbreakern im Partnerlook – das Line-Up machte es möglich. Dieses machte es schwer, das Deichbrand Festival einem bestimmten Genre zuzuordnen. Mit Jennifer Rostock, 4Lyn, Bosse und Polarkreis 18 wurden sämtliche Radiohörer und MTV-Gucker bestens versorgt, während Eisbrecher den Gästen mit ihrem düsteren Industrial-Rock-Pop ordentlich das Fürchten lehrten. Für eine Stunde durfte dann auch noch Lotto King Karl auf die Bühne, um die besten Grüße aus der Hansestadt Hamburg in musikalischer Form zu überbringen.

Vielseitig ging es auch am Sonnabend weiter: Chapeau Claque räumten die Fire Stage – die größere der beiden Auftrittsflächen – für die wuchtigen Emil Bulls, die wiederum für die reaktivierten Krautrocker Selig Platz machten. Auf der Water Stage sah die Welt nicht anders aus, denn auch hier wechselten sich Elektropop-Klänge aus dem Hause Dúné beziehungsweise Großstadtgeflüster mit dem Punk-Hardcore-Gemisch der Marke Smoke Blow ab. Trotz seiner relativ kleinen Dimensionen setzte das Deichbrand Festival auf viele große und kleine Mainstream-Künstler und traf bis dato somit jeden Geschmack – bis auf den derer, die so richtig den Bären vom Pflock lassen wollten.

Das sollte sich am Sonntag allerdings ändern, denn der Abschlusstag versprach endlich ein schweißtreibendes Programm, auch wenn sich der Getränkekonsum zahlreicher Besucher mittlerweile auf nichtalkoholische Flüssigkeiten beschränkte. Einen Versuch, die unmunteren Massen zur Bewegung zu animieren, starteten unter anderem One Fine Day auf Hamburg mit einigen Mitmachaktionen wie dem kollektiven Schreien auf Kommando oder dem gemeinsamen Winken im Takt. Nur der von der Band geforderte Cicle-Pit wollte nicht so richtig in Gang kommen, was wohl eher dem Liedgut als der Lethargie der Zuschauer zuzuschreiben ist. Karpatenhund versuchten es auf die kuschelige Art und Weise. Eingebettet in ein Meer aus gelben Rosen ging die Kölner Indie-Pop-Formation auf Schmusekurs, sogar Petrus wurden ob des Sonnenscheins Komplimente gemacht. Dem Wettergott schien die saft- und kraftlose Vorstellung jedoch nicht geschmeckt zu haben, weswegen er dunkle Regenwolken aufziehen ließ, die Boppin’ B ausbaden mussten. Kaum hatte die selbsternannte Scheißkapelle mit ihrem Cover-Handwerk begonnen, schüttete es zeitweise wie aus Eimern. Gut, dass Frontmann Michael Treska seinen Kamm dabei hatte, um die Tolle regelmäßig wieder zu richten. Trotz des Regens amüsierte sich die Menge bestens.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags und Abends verdeutlichte das Menschenaufkommen vor den Bühnen, dass es hochkarätiger zugehen würde. Bei Ignite kamen die Fans des melodischen Hardcores voll auf ihre Kosten, auch wenn Sänger Zoli Teglas zwischenzeitlich zugab „fucked up“ zu sein, was die kalifornische Band jedoch nicht daran hinderte, das letzte Konzert dieser Europatour ebenfalls energiegeladen zu gestalten. Olli Schulz konnte in Sachen Druck an die Performance zwar nicht anknüpfen, konnte dieses Defizit aber mit einer gehörigen Portion Humor und Ironie locker kompensieren.

Wenig förderlich für die Stimmung auf einem Festival erscheint es, wenn sich der Großteil der Besucher frühzeitig – und ausschließlich – auf den Headliner fixiert. In diesem Fall waren es Mando Diao, die mit ihrem Überhit „Dance With Somebody“ die Massen vor der Fire Stage in Extase brachten. Und je näher der Auftritt derartiger Superstars rückt, desto geringer fällt die Begeisterung für die vorher spielenden Formationen aus. Es gleicht einem absolut cleveren Schachzug der Planungsabteilung des Deichbrand Festivals, dass nun die Dropkick Murpyhs an der Reihe waren, die die mit ihrem überwiegend rasanten Folk-Punk die Küstenregion zum Kochen brachten. Spätestens, als die Bostoner „The Wild Rover“ anstimmten, dessen Melodie dem Gassenhauer „An der Nordseeküste“ der Blödelbarden Klaus & Klaus gleicht, stand fest: Der Auftritt dieser Band ist ein Gewinn für jedes Festival. Wer braucht nach 70 Minuten Dropkick Murphys noch gehypte Chartstürmer?

Das Deichbrand Festival hat sich dank seines Charmes und seiner stilistischen Ausgewogenheit im Kalender der Open Air-Veranstaltungen fest etabliert. Die Möglichkeit, Tagestickets zu erwerben, steigert zusätzlich die Attraktivität des Ereignisses, denn nicht immer weiß das vielseitige Line-Up Anhänger eines bestimmten Genres zu überzeugen. Für solche Phasen gibt es natürlich das übliche Rahmenprogramm mit vergleichsweise teuren Merchandise-Ständen und Gastro-Buden. In Bezug auf letztere sei an dieser Stelle einmal exemplarisch Kritik geäußert: Beim Erwerb eines bereits relativ kostspieligen Getränks hat es sich dem Anschein zufolge als eine Unsitte etabliert, die Becher nicht mehr bis zur angepriesenen Markierung zu befüllen – und zwar merklich und konstant. Zwar haben die Festival-Macher in dieser Angelegenheit wohl kaum Aktien im Spiel, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass in diesem Bereich mit der Gleichgültigkeit der Konsumenten zusätzliche Profite erzielt werden sollen. Vor jener „Strategie“ war auch das Deichbrand 5.0 nicht gefeit. Einen Einfluss haben die Organisatoren allerdings auf den Ablaufplan, der trotz zweier nebeneinander stehenden Bühnen regelmäßig 15- bis 20-minütige Lücken auswies, in denen jede Menge Langeweile aufkam. Diesbezüglich kann der kleine Geschwisterchen von der Küste von den großen Brüdern der Republik noch ein wenig lernen.


BERICHT: Jack

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