Interview

DAS HERZ AUF DER ZUNGE

HIGH FIVE DRIVE
20.06.2009, Hamburg

Wir befinden uns in Kanada, einem Land, das die Welt des Punkrocks seit vielen Jahren sowohl mit musikalischen Hochkarätern wie Sum 41 oder Propagandhi als auch mit zahlreichen Insidertipps versorgt. Zu letzterer Gruppierung gehören beispielsweise Bands wie This Is A Standoff, Mute oder eben High Five Drive. Diese frönten sich zu Beginn ihrer Karriere dem so genannten „Speedrock“ – Punkrockklängen in ihrer rasantesten Form. Dennoch gelang es ihnen stets, bei durchgetretenem Gaspedal noch diverse Melodien vom Stapel zu lassen. Auf der anderen Seite geben sich High Five Drive aber auch melancholisch, unter anderem zu erleben auf dem neuen Album „Fullblast“. Klingt nach Inkonsequenz? Da muss nachgehakt werden, und zwar bei Sänger und Gitarrist Greg.

Greg, aufgrund der Tatsache, dass euch wahrscheinlich nur eine kleine Gruppe von Leuten hierzulande kennt, erkläre uns bitte kurz, wie es überhaupt zu High Five Drive kam. Welche Einflüsse hattet ihr, und wie sahen eure Ziele beziehungsweise Absichten aus?
Greg: Vor sieben Jahren fing alles an. Vorher spielte ich in einigen lokalen Bands, es war aber immer mein Wunsch, mit Leuten Musik zu machen, die auf Tour gehen wollen und die Band als zentralen Aspekt des Lebens sehen. Was Einflüsse betrifft, so höre ich wirklich alles. Ernsthaft, mache Musik, und ich werde es wahrscheinlich mögen oder zumindest zu schätzen wissen. Den größten Einfluss hatten mit Sicherheit die Fat Wreck-Acts aus den 90er Jahren wie Lagwagon, Propagandhi oder Strung Out. Zu jener Zeit hatte ich persönlich eine Menge durchgemacht, und es war genau diese Musik, die mir sehr geholfen hat. Darüber hinaus haben mich Moeen aus Toronto und The Bonaduces aus Winnipeg stets begeistert – nicht nur musikalisch, sondern auch durch ihre Leidenschaft und Intensität. Das wirkte einfach überzeugend und nachahmenswert. Mit 14 fing ich an, in Bands zu spielen. Es fehlte natürlich noch der richtige Ernst, und ich wusste auch nicht, wie lange ich Lust darauf haben würde, trotzdem fing ich an Songs zu schreiben und an meinem Ziel, eines Tages eine Show zu spielen, zu arbeiten. Auf Tour zu gehen oder im Studio Aufnahmen zu machen waren derzeit absolute Träume, die nur „echte“ Bands erleben durften. Doch nach einigen Jahren traten wir dann tatsächlich mit Bands auf, die sich auf Tour befanden und mit den entsprechenden Entbehrungen, von denen man immer hört, leben mussten. Damals ging es gerade mit High Five Drive los, und ich fasste den Entschluss, mich auf die Musik zu konzentrieren – und daraus mehr als eine Wochenendbeschäftigung zu machen.

Ich erinnere mich an den Moment, an dem ich euren Song „Colic“ erstmals gehört hatte und von der ernormen Geschwindigkeit beeindruckt war. Ist es eigentlich schwer, derart schnelle Songs zu schreiben oder bevorzugst du eher langsamere Nummern?
Greg: Ich habe da keine Vorliebe. Ich beschränke mich fast nie auf eine bestimmte Richtung. Wir schnappen uns unsere Instrumente und sehen, was dabei herauskommt. Das Resultat spiegelt zumeist das wieder, was wir an den jeweiligen Zeitpunkt fühlen. Vieles von dem, was wir schreiben, basiert auf einer Wut auf die Zustände in der Welt, auf die Habgier der Menschen und auf unserer Leidenschaft als Band unterwegs zu sein. Ab und zu verarbeiten wir auch persönliche Schicksale. Vor nicht allzu langer Zeit starb meine Mutter an Krebs, was zur Folge hatte, dass die neuen Songs wesentlich emotionaler und langsamer ausgefallen sind. Als Künstler tragen wir unser Herz auf der Zunge.

Trotzdem schraubt ihr das Tempo immer wieder gewaltig in die Höhe. Man könnte euch verwerfen, dass ihr keine wirkliche Linie findet…
Greg: Das ist auch nicht unsere Absicht, denn wird verfügen alle über einen ausgewogenen Musikgeschmack, und das schlägt sich auch auf unsere Musik nieder. In unseren Brüsten schlagen vermutlich acht oder mehr Herzen. Ich liebe jeden einzelnen unserer Songs und bin wahnsinnig stolz auf unser neues Werk „Fullblast“.

In Bezug auf dieses sei angemerkt, dass es auf mich ein wenig kontrollierter wirkt als seine Vorgänger. Entsprach es eurem Anliegen, die Furiosität zu drossen, oder liegt es schlichtweg an der feineren Produktion?
Greg: Beides ist der Fall. Zum einen haben wir uns als Songwriter weiter entwickelt, was die Songs solider und organisierter wirken lässt. Dennoch verfolgen wir nicht immer das typische Strophe-Refrain-Schema, Ausnahmen bilden zum Beispiel „Vengeance Theme“ und „8 Hour Drive“. Zum anderen hat Produzent John Paul eine ausgezeichnete Arbeit geleistet. „Service Engine Soon“ und „From The Ground Up“ klingen schon großartig, aber „Fullblast“ ist mein aktueller Favorit, der uns als Band vortrefflich repräsentiert.

Auf „Fullblast“ gibt es sogar einen akustischen Song. Dabei wundere ich mich in letzter Zeit immer wieder darüber, was schnelle Punkrockbands dazu veranlasst, ihre Instrumente auszustöpseln und zwischenzeitlich eine solche Ballade einzubauen. Natürlich möchte ich diese Vorgehensweise nicht verfluchen, aber in letzter Zeit wurde viele Punkrockalben veröffentlicht, die exakt einen akustischen Song beinhalten – den akustischen Quoten-Song.
Greg: Diese Gedanken schwirrten ebenfalls in meinem Kopf herum, als ich den Song schrieb. Viele Leute sind eben der Ansicht, dass akustische Ausflüge einem Album die Energie rauben oder den Eindruck erwecken, man sei auf das schnelle Geld aus, indem man einen „Hit“ unterbringt. Viele Menschen, die Fullblast“ gehört haben, sind der Ansicht, dass ihnen genau dieser Song mit am besten gefällt, und das bedeutet mit persönlich eine Menge. Es gibt immer wieder Leute, die an solchen Songs etwas herumzumäkeln haben und aufgrund dessen die Bands des Ausverkaufs bezichtigen. Ich bin mit dem Song – so wie er ist – hoch zufrieden. Wir hatten einige Male versucht, ihn mit kompletter Instrumentierung zu spielen, das Ergebnis konnte uns aber nicht überzeugen. Um es festzuhalten: Wir fühlten uns nicht gezwungen, eine akustische Nummer auf „Fullblast“ unterzubringen, es war einzig und allein unsere freie Entscheidung.

Spielt ihr eigentlich viele schnelle Nummern live? Wenn ja, ist es nicht insbesondere für euren Schlagzeuger Steve ein regelrechter Knochenjob?
Greg: Die ersten Auftritte sind für ihn in der Tat eine anstrengende Angelegenheit. Wir legen dann während der Show kleine Verschnaufpausen ein, aber wenn wir erst einmal heißgelaufen sind, dann spielen wir einen Song nach dem anderen. Wie auf unserer vierwöchigen Tour durch Kanada mit Rentokill…

Wo du die Kollegen gerade erwähnst: Ihnen hat es viel gebracht, dass es in Österreich das „Neustadtpunk“-Netzwerk gibt. Existiert in eurer Heimat ebenfalls ein Netzwerk, das lokale Bands auf nationaler Ebene fördert? Greg: Bei uns hilft man sich untereinander, wenn eine Tour geplant wird. So war es zumindest in den letzten sieben Jahren in Kanada. Es gibt ein informelles Netzwerk, das so ähnlich aufgebaut ist wie „Neustadtpunk“, es mangelt ihm aber an Struktur und Einsatzwillen. „Neustadtpunk“ zeigt, wie es eigentlich sein soll und was möglich ist, wenn sich ein paar Leute um eine Sache bemühen. Wir versuchen, so vielen Bands wie möglich zu helfen, wenn sie in Winnipeg Station machen – ob sie eine Show spielen möchten, ein Dach über dem Kopf suchen oder eine Liste möglicher Auftrittsorte benötigen. Diese Hilfe durften wir dementsprechend in anderen Städten in Anspruch nehmen.

Wie bewertest du die heimische Punkrock-Szene, zum Beispiel wenn es darum geht, ein Album zu veröffentlichen oder die Unterstützung der Fans zu erhalten?
Greg: Es gibt bessere und schlechtere Zeiten. Vor einigen Jahren war die Musik, die wir spielen, noch wesentlich angesagter, dennoch gibt es eine intakte Punkrock-Szene in Kanada. Bands wie Farler’s Fury und Never Hit Again sind im Osten aktiv, während Bands wie Blacked Out, Cambridge und Raised By Apes das westliche Kanada am Leben erhalten. The Rebel Spell aus Vancouver, Asado aus Winnipeg, The Johnsons, Abandinallhope und No More Heroes kann ich ebenfalls wärmstens empfehlen. Gute Bands gibt es hier tatsächlich zuhauf…

Ihr wart sogar schon ein Europa unterwegs. Ist bei uns denn etwas anders?Greg: Ein gewaltiger Unterschied liegt in der Unterstützung der Fans und in der Organisation der Konzerte. In Kanada stehen die Fans auf die Musik, bevorzugen es aber, sie über das Internet zu hören oder Auftritte auf Youtube zu verfolgen. In Europa haben wir es ganz anders erlebt: Obgleich wir eine kleine, für viele unbekannte Band sind, wussten es die Fans zu schätzen, dass wir eine lange Reise auf uns genommen haben, um einige Konzerte zu geben.  

Wo du gerade das Internet ansprichst, drängt sich mir die Frage auf, was ihr als Band von der Möglichkeit haltet, über diverse Websites komplette Alben kostenlos herunter zu laden?
Greg: Ich persönlich liebe die Tatsache, dass die Leute jederzeit unsere Musik kostenlos hören können. Ohne diese Möglichkeit hätten sicherlich viele Menschen niemals etwas von High Five Drive zu Gehör bekommen. Trotzdem hat das Herunterladen von Musik negative Aspekte. Vor ungefähr zehn Jahren kam man in einigen Fällen nur an ein Album heran, wenn man es sich auf einer Show der entsprechenden Band gekauft hat. Eventuell konnte man es über einen Mailorder beziehen. Die Spannung war einfach eine ganz andere.

Zum Schluss bleibt dir noch ein wenig Platz für Komplimente aller Art und die fröhliche Mitteilung, dass es in 2010 ein neues High Five Drive-Album geben wird.
Greg: Vielen Dank an alle für die tolle Zeit bei euch. Wir freuen uns schon jetzt darauf, wieder nach Europa zu kommen und gemeinsam mit Fond Of Life, No Reason und Bad Mood an neuen Veröffentlichungen zu arbeiten. Wir schreiben immer neue Sachen, also ist eine neue Platte stets in Reichweite.

Dir auch vielen Dank für die Auskünfte, Greg!


INTERVIEW: Jack

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