Tonträger

Tracklist

1. 114
2. Alphatier
3. Wo wir zu Hause sind
4. Du bist zu fett
5. Auge um Auge
6. Adrenalin 
7. Seid ihr bereit?
8. Las Vegas
9. Schönen Gruss / Deine Frau
10. Stadt ohne Licht
11. Sorgenkind
12. Spiel mit mir
13. Durch diese Augen

STRIKE ANYWHERE

Dead FM

VÖ: 29.08.2008
Label: Bodog Music
Web:
http://www.serum114.de/

Serum 114 – Kennern von Anthony Burgess Dystopie „A Clockwork Orange“ mag diese Bezeichnung bekannt vorkommen, verbirgt sich hinter ihr eine merkwürdige Substanz, die das Böse im Menschen so sehr hemmt, dass jeder Gedanke an eine Anwendung alter Gepflogenheiten bereits ein akutes Unwohlsein auslöst. Eine identische Reaktion können übrigens auch schlechte Alben auslösen, von denen es eine ganze Menge gibt. Um es vorweg zu nehmen: Das selbstbetitelte Werk der vier Frankfurter gehört nicht dazu.

Dennoch stehen im Vorwege die Zeichen auf Zweifel, denn vom Prinzip her muten Serum 114 doch sehr nach verjüngten Toten Hosen an. Mittelschneller Punkrock mit deutschen Texten, plakative Songtitel wie „Auge Um Auge“ oder „Spiel Mit Mir“ und das entsprechende Outfit inklusive Tätowierungen, Ramones-Shirt und Bierdose – man könnte Böses erahnen. Und tatsächlich existieren einige hörbare Überschneidungen zwischen den jungen Frankfurtern und den alten Düsseldorfern. Esches Gesang beispielsweise liegt nicht weit entfernt von Campinos Organ, hinzu kommt noch die Einfachheit der 13 Nummern, die dafür Sorge trägt, dass sich niemand dieses Album hart erarbeiten muss. Stilistisch anspruchsvoll waren die Toten Hosen noch nie, und auch „Serum 114“ fordert das Gehör nicht wirklich heraus.

So etwas muss nicht unbedingt negativ ausgelegt werden, schließlich kann man auch mit Erfolg schlicht musizieren, wenn man entweder zuerst da war – siehe die Ramones – oder wenn es einem gelingt, die Einfachheit bemerkenswert zu gestalten. Serum 114 befinden sich während der 40 Minuten Musik auf dem richtigen Weg, was in erster Linie an den unverblümten Songtexten liegt. „Wir sind hier, weil wir eine Meinung haben“, wird in „Seid Ihr Bereit?“ geäußert, und dass es sich hier um keine Worthülse handelt, bestätigt der Erstlingslangspieler diverse Male. So richtet sich „Du Bist Zu Fett“ gegen den Magerwahn, während „Alphatier“ provokativ mit Ghetto-Hierarchien abrechnet. Passend dazu wird treibend-melodisch („Las Vegas“) bis flott-aggressiv („Adrenalin“, „Sorgenkind“) gepunkrockt, ohne strukturelle Abenteuer einzugehen. Im Grunde entstammen Serum 114 direkt aus der Schnittmenge von der Massentauglichkeit und Professionalität der Toten Hosen und der ungehobelten Anstößigkeit des Deutschpunks. Dieses Album macht aus niemandem einen bösen Menschen, und das Gefühl des Unwohlseins sparen wir für die Momente auf, in denen fünf alte Herren aus Düsseldorf über Kräuterliköre, Walfische oder ihre Abneigung zu bestimmten Fußballclubs singen.

20.04.2009 Jack