Interview

DAS LEBEN IST SCHÖN

FAKE PROBLEMS
01.04.2009, Hamburg

Es gibt sie noch. Bands, die in keine Schublade passen, die sich keinem Genre unterordnen und einfach ihr Ding durchziehen. Fake Problems macht das seit Jahren mit so viel Hingabe, dass die Band aus Naples, Florida mittlerweile bei Side1Dummy gelandet ist. Gut so, denn so viel Konsequenz hat ein großes Publikum verdient. Against Me!, Tow Gallants, Bombastrock, Blaskapelle – dies sind nur einige von vielen musikalischen Assoziationen, die mir beim äußerst originären Fake Problems-Sound in den Sinn kommen. Auf dem zweiten Album „It’s great to be alive“ zeigt man sich reifer, aber immer noch so unkompromissbereit wie es sein soll. Der zweite Europa-Besuch kurz vor Weihnachten zusammen mit Smoke Or Fire bot Gelegenheit für ein Gespräch. Schlagzeuger Sean Stevenson war so freundlich.

Erzähl kurz was zu den Aufnahmen des Albums.
Sean:
Wir waren mit AJ Mogis in Omaha in den ARC Studios, um aufzunehmen. Mit ihm zu arbeiten, war eine große Ehre, da er viele großartige Künstler, wie CURSIVE oder BRIGHT EYES, produziert hat. Für die Aufnahmen hatten wir vierzehn Tage Zeit, also etwas mehr als auf dem Debüt, was klasse war, da wir so nicht nur genug Zeit hatten, vernünftig zu proben, sondern auch die vielen Instrumente, die im Studio vorhanden waren, auszuprobieren. Wir luden dazu Matt Agrella von LOOK MEXICO ein, um die Bläser einzuspielen. Auf „How far our bodies go“ nahmen wir vieles live oder gleich beim ersten Take aufgenommen. AJ gab uns die Zeit, unseren eigenen Sound herauszufinden. Er hat die Fähigkeit, deine musikalische Stimmung auf Tape zu bannen. Mit Side1Dummy haben wir jetzt außerdem ein großartiges Label im Rücken, die sich stets für uns einsetzen. Wir hatten einige Angebote von Labels, hielten S1D aber für die, die es am ehrlichsten mit uns meinten.

Das Album klingt insgesamt etwas runder. Woran liegt das?
Sean:
Es war das erste Mal, dass wir mit einem fertig geschriebenen Album ins Studio gingen, was vieles einfacher machte. Seit „How far...“ hatten wir 35 neue Songs geschrieben. Das Schwierigste war demnach, die richtigen auszusuchen.

Ist dreißig Minuten Spielzeit nicht etwas knapp?
Sean:
Ja, das stimmt. Wir waren alle überrascht, als wir sahen, dass es ungefähr eine halbe Stunde Musik ist. Bei der Songwahl hatten wir die Gesamtspielzeit aber gar nicht so im Kopf. Es ging eher darum, die richtigen Songs auszuwählen, so dass man das Album als Ganzes gut durchhören kann.

Das Album ist samt Titel pure Lebensfreude. Wie kommt’s?
Sean: Bei „How far...“ waren wir alle noch verängstigte Teenager, deswegen fiel es wohl auch etwas düsterer aus. Die Songs schrieben wir allesamt, als wir unterwegs auf Tour waren. Diese Zeit haben wir als Band genutzt, um zu reifen und zu wachsen. Das Leben ist doch viel zu schön, um immer nur auf die schlechten Seiten zu schauen.

Chris Steak Mtn. ist wieder für das Artwork verantwortlich. Was mögt ihr an seiner Arbeit?
Sean: Er ist einfach ein toller Künstler. Wir alle sind seit Jahren Fans seiner Arbeiten. Das Ganze war dieses Mal aber eine Art Experiment. Chris ist ja eigentlich für seine Totenköpfe bekannt. Wir gaben ihm also die Songs und sagten, er solle etwas Positives machen. Ansonsten könne er tun uns lassen, was er wolle. Und siehe da, Chris kann auch ganz ohne Totenköpfe auskommen!

Es bleibt schwer, eure Musik zu beschreiben. Wir würdest du es tun?
Sean: Ich würde uns als Rock and Roll Band bezeichnen, als Bob Dylan oder CREDENCE CLEARWATER REVIVAL, die die elektrischen Gitarren entdeckt haben! Wenn die jung wären und heute Platten herausbringen würden, dann würde man sie wahrscheinlich als Folk Punk bezeichnen, was zwar nicht ganz stimmt, aber den meisten Leuten was sagen wird. Unsere persönlichen Einflüsse sind sehr weitreichend und verschieden. Ich bin zum Beispiel der total Jazz Nerd, während Gitarrist Casey Lee mit Country groß wurde.

Die ersten Singles erschienen bei Sabot Productions. Wie kam es dazu?
Sean: Wir kommen alle aus Naples, einem Ort in Florida, wo auch AGAINST ME!-Sänger Tom Gabel und ihr Gitarrist James Bowerman aufwuchsen. Eines Tages hatten wir die Möglichkeit, eine Show für sie zu organisieren, auf der wir auch spielen sollten. Während dieser Show lernten wir Jordan Kleeman von Sabot Productions kennen, der seit der ersten Show AGAINST ME! begleitet. Wir spielten im Anschluss noch ein paar mal mit ihnen und schließlich sagte Jordan, dass wir Teil der Sabot-Familie werden könnten, wenn wir wollten. Wir können ihm gar nicht genug danken. Ohne seinen Support wären wir nicht da, wo wir heute sind.

Wie seid ihr in die Punk/Indie-Szene gekommen?
Sean: Wahrscheinlich so wie jeder mal anfängt. Man geht zu Konzerten und gründet schließlich selber eine Band. Die Musikszene, in der wir aufwuchsen, war relativ klein, aber sehr eng und einflussreich für uns. So fanden wir schließlich zueinander. Die erste Show, an die ich mich erinnere, war ein Konzert von Leftover Crack. Danach war ich komplett verstört, da ich so etwas noch nie vorher gesehen hatte!

Euer erstes Album „How far...“ erschien auch in Deutschland.
Sean: Wir sind eng mit Gaslight Anthem befreundet. Mit ihnen waren wir öfter in den USA auf Tour unterwegs und so lernten wir Gunnar von Gunner Records kennen, der dann die Platte in Europa herausbrachte. Wenn alles klappt, erscheinen unsere beiden ersten Singles demnächst auch noch mal bei euch, da Gunnar Interesse hat, sie wieder zu veröffentlichen.

Ich frage so etwas ungern, aber was hat es mit dem Namen Fake Problems auf sich?
Sean: Ich bin ehrlich gesagt froh, dass sich endlich mal jemand traut, danach zu fragen! Die Geschichte dazu ist ziemlich skurril. Es gibt da diesen unsäglichen Hollywood-Film „Titanic“, den wohl jeder kennen wird. Es gibt eine Szene, in der die Hauptdarsteller Jack und Rose versuchen, sich vor dem sinkenden Schiff zu retten. Genau in diesem Moment, in dem es um Leben und Tod geht, hält Rose plötzlich inne, um sich die Schuhe zuzubinden, woraufhin Jack sich zu ihr umdreht und sagt: „Rose! You are wasting your time on fake problems!“. Als wir das hörten, schauten wir uns an und wussten, wie wir unsere Band nennen würden.

Anfang März spielt ihr auf dem Harvest of Hope-Festival...
Sean: ... und wir freuen uns alle schon mächtig! Ryan Murphy von No Idea Revords organisiert das Ganze und wir haben schon sowohl auf dem Festival als auch auf Benefiz-Shows für die Stiftung gespielt. HoH ist eine Organisation, die sich für die Rechte von Migranten einsetzt, die völlig unterbezahlt für die großen Lebensmittelketten auf riesigen Farmen Gemüse ernten. Viele dieser Farmen sind ganz in der Nähe unseres Heimatortes, so dass wir mit dem Bild dieser bedauernswerten Gemüsepflücker groß wurden. Wir engagieren uns seit Jahren für HoH und ich bin ziemlich sicher, dass Tom Gabel von AGAINST ME! uns als erster fragte, für sie eine Show zu spielen.

Euer letztes Output vor „It’s great to be alive“ war eine Picture Disc zu Ehren des Stuntmans Robert Craig „Evel“ Knievel. Seid ihr Knievel-Jünger?
Sean: Allerdings! Der Name Evel Knievel steht für Hoffnung und den amerikanischen Traum. Er war ein Mensch, der ein ganze bestimmte Aura hatte. Den Song „How do you spell hero?“ schrieben wir kurz nach seinem Tod. Die Zeichnung der Picture Disc gestaltete der Künstler Bridey Bowen und als wir sie sahen, wussten wir, welches Artwork die Picture Disc haben sollte. Auf der B-Seite befindet sich ein Remix der A-Seite, den ein Typ namens Chris Rucker gemacht hat. Unsere Freunde von LOOK MEXICO brachten ihn irgendwann mal zu einer Pool Party mit, auf der er seine eigenen Stücke spielte, die uns total begeisterten. Das Ganze ist auf dem Label unseres Gitarristen Casey Lee, Good Friends Records, erschienen, das nur Vinyl-Releases veröffentlicht.

Zusammen mit New Mexico erschien vor kurzem eine „Under the influence“-Split Single, auf der Bands die Songs ihrer größten Vorbilder covern. Eure Wahl, Waylon Jennings‘ „I‘m a ramblin‘ man“, hat mich doch etwas verwundert.
Sean: Wieso?! Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal diesen Song gehört habe. Ich war total besoffen und Caseys Bruder Derill Lee zerrte mich in sein Zimmer, um mir den Song vorzuspielen. Immer und immer wieder hörten wir in dieser Nacht Waylons Song. Es war kaum zu glauben, dass ein so alter Song, der darüber hinaus auch noch aus dem Country-Genre stammt, so einen Eindruck bei mir und uns hinterließ. Derill ließ sich gar das „W“ aus Waylons Jennings Namenszug tätowieren. Leider versteht das niemand: Der arme Derill wird dauernd angesprochen, dass er da ja ein tolles Weezer-Tattoo hätte...


INTERVIEW: Bodo

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