Interview

JEDER IST SEINES GLÜCKES SCHMIED

ARGETTI
07.02.2009, Hamburg

Wer ein wenig genauer in die Ecken der Schatztruhe, in der die kleinen, aber feinen Insidertipps aufbewahrt werden, schaut, der wird die Band Argetti ausfindig machen. Die Italiener spielen rauen Punkrock der etwas älteren Schule, was auch auf dem aktuellen Longplayer „Flags Of Karma“ deutlich zu hören ist. Dass es sich bei diesem um einen bemerkenswerten Tonträger handelt, bestätigt das große Interesse der Plattenfirmen, das bis nach Fernost reicht. Da sollte doch einmal bei Bassist Punch nachgehorcht werden…

Punch, „Flags Of Karma“ ist seit 2008 auf dem Markt. Wie sieht es mit der allgemeinen Resonanz auf das Album aus?
Punch: Wir sind auf jeden Fall wahnsinnig stolz auf das Album, denn wir haben sehr hart dafür gearbeitet, dass so klingt wie wir es uns vorgestellt haben. „Flags Of Karma“ wurde von insgesamt vier verschiedenen Plattenfirmen aus unterschiedlichen Ländern veröffentlicht, was schon ein Erfolg für sich ist. Darüber hinaus versuchen wir, so oft es geht zu touren, wobei zwei von uns Vollzeit arbeiten und der Rest noch die Schulbank drückt. Du kannst dir sicher vorstellen, wie schwierig es ist, Auftritte längerfristig zu buchen, geschweige denn längere Touren zu organisieren. Dementsprechend treten wir vornehmlich an Wochenenden auf. Nichtsdestotrotz wirken die Besucher unserer Shows sehr enthusiastisch, und das macht uns natürlich sehr stolz. Gute Laune haben wir auch bei einem Blick auf die Plattenkritiken: Ein Fanzine aus Tschechien gab unserem Album zehn von zehn möglichen Punkten. Ein Webzine platzierte „Flags Of Karma“ auf Rang zwei der besten Alben des Jahres 2008. Ich gehe davon aus, dass sie sich nicht vertippt haben…

Was ist die Botschaft hinter dem Titel „Flags Of Karma“. Soweit ich weiß, steht der Begriff Karma für die unmittelbaren Folgen, die jede Handlung automatisch mit sich zieht. Wie passt so etwas zu eurer Musik?
Punch: Auf der Welt gibt es viele Millionen Menschen mit unterschiedlichen Gesichtern und Ausdrucksweisen. Diese Gesichter und Ausdrucksweisen spiegeln oftmals die jeweilige Art und Weise zu leben wieder. Uns gefällt die Idee, dass jeder die Zeichen für das trägt, was er gemacht beziehungsweise für das er sich entschieden hat – sozusagen die Fahnen des Karmas. Außerdem interessieren wir uns grundsätzlich für die orientalische Kultur, Kunst und Gedankenwelt, was man dem Album auch gut ansehen kann. Na ja, und nebenbei bin ich ein großer Fan der Serie „My Name Is Earl“.

In Bezug auf eure Musik zeigt ihr euch inspiriert von Bands wie Day Nasty oder Lifetime. Dazu nennt ihr noch The Cure als Einfluss. Wie kommt das zustande?
Punch: Unser Sänger Guido ist seit vielen Jahren ein großer Fan von The Cure. Wir als Gruppe hören ihre Musik ebenfalls seit einiger Zeit, und sie gefällt uns. Ich denke, dass die Texte von Robert Smith einen wirklich berühren.

Gibt es in textlicher Hinsicht eine ähnliche Verbindung? Oder lasst ihr euch von anderen Quellen inspirieren?
Punch: Guido singt zumeist über seine Erfahrungen und seine Gefühle. Es gibt Liebeslieder, und es gibt Songs, die eine gewisse Wut wiedergeben. Unsere Kritik richtet sich beispielsweise gegen die Missstände der Gesellschaft, Massenkonsum, Massenmedien und übertriebenes Modebewusstsein. Viele der Songs bringen zum Ausdruck, dass jeder sich auf eine bestimmte Art und Weise ändern muss. Auf der anderen Seite haben wir einige Nummern aber auch für unsere Freunde geschrieben, um die tollen Momente festzuhalten.

Lass’ uns einen kurzen Blick auf die Punkrock-Szene in deinem Heimatland werfen, das in der Vergangenheit ein paar feine Bands wie Beerbong oder Actionmen hervorgebracht hat. Was denkst du über die italienische Punkrock-Szene und die Unterstützung, die ihr erfahrt?
Punch: Da gibt es noch eine Menge zu tun. Die Independent-Szene wird lediglich von einigen wenigen Bands am Leben gehalten. Das Land an sich unterstützt dich ohnehin nicht als Musiker: Subventionen werden nicht gezahlt, im Grunde spielt man die meiste Zeit ohne Gage. Es gibt nur wenige Personen, die sich wirklich für Punkrock interessieren, dazu kommt noch ein akuter Mangel an guten Plattenfirmen. Viele Bands stammen aus unserer Region, dem Nordosten. Wir helfen uns gegenseitig, wir sind allesamt befreundet, und wir praktizieren das Prinzip der Kooperation mit jedem, der uns eine Chance gibt. Auf jeden Fall sind wir froh über jeden Auftritt außerhalb Italiens, denn szenetechnisch entdecken wir dort große Unterschiede.

Diesbezüglich fallen mir die Japaner ein, die wahrscheinlich jedes Punkrockalbum gehörig abfeiern. Nicht umsonst nehmen japanische Labels wie Bells On Records oder Fastlife Records unzählige internationale Bands in ihr Programm auf. Auf letzterem Label seid ihr nun gelandet. Wie kam es dazu? Und gibt es bereits Pläne, im fernen Osten Auftritte zu bestreiten?
Punch: Es war ganz einfach: Ste und Dami von No Reason Records haben unser Album zu Fastlife Records geschickt. Denen gefiel „Flags Of Karma“, und schon stand die Veröffentlichung in Japan zur Debatte. Dafür sind wir selbstverständlich sehr dankbar. Aber dort auf Tour zu gehen, ist momentan nur ein Traum. Dennoch lassen wir uns gerne einladen.

Ein kurzer Blick auf eure vergangenen Auftritte verdeutlicht, dass ihr erst einmal auf deutschem Boden zu Gast wart, nämlich in Berlin. Soll sich das in Zukunft ändern?
Punch: Wir haben im vergangenen Dezember unser zweites Konzert auf deutschem Boden gegeben, nämlich in Regensburg. Es war großartig, denn viele Leute sind vorbeigekommen. Folglich können wir es kaum abwarten, wieder bei euch aufzutreten. Eine Tour durch Deutschland ist auch gar nicht so unwahrscheinlich, schließlich haben wir nun eine deutsche Booking-Agentur an der Hand. Werft einfach regelmäßig einen Blick auf unsere Myspace-Seite, denn dort gibt es in nächster Zeit einige Überraschungen zu erleben.

Zurück zum Album: Mittlerweile machen sich zahlreiche Bands Gedanken über die Art und Weise wie neue Songs veröffentlicht werden. The Bouncing Souls bevorzugen beispielsweise digitale Medien, über welche sie ab sofort ein Jahr lang pro Monat einen neuen Song enthüllen. Was denkst du darüber beziehungsweise warum setzen Argetti auf einen relativ altmodischen Tonträger?
Punch: Es ist einfach eine großartige Sache, ein Originalalbum zu besitzen. Man erlebt es irgendwie auf eine andere Weise, was für mich ein klares Argument für das altbekannte Format darstellt. Zudem gibt es ein Booklet mit Songtexten, was bei digitalen Formaten nicht der Fall ist. Und mal ehrlich: Indiependent-Musik ist doch wirklich nicht so teuer, oder? Natürlich leben wir in einer Welt, in der sich alles rasend schnell entwickelt. Doch wenn es zu viele Möglichkeiten gibt, enorme Mengen an Musik herunter zu laden, dann wird man in seinem Hörverhalten oberflächlich. Damit möchte ich nicht behaupten, dass ich keine Musik herunterlade. Ich bin der Überzeugung, dass das Internet eine hervorragende Plattform bietet, um unzählige Bands kennen zu lernen, die viele tausend Kilometer weit weg sind. Wenn einem die Songs gefallen, dann sollte man die Künstler auch durch den Kauf einer CD unterstützen. Es gibt in der Tat viele Bands, die ihre Bekanntheit und Beliebtheit dem Internet verdanken. Ich hoffe, dass möglichst viele Leute unsere Musik im Internet antesten und unsere Konzerte besuchen. Denn unter dem Strich sollen die Bands ihr Geld mit Auftritten und dem Verkauf von Merchandise-Artikeln verdienen und nicht, indem sie zu Hause sitzen und den Absatz ihrer Alben verfolgen.

Du erwähntest eingangs, dass „Flags Of Karma“ von vier internationalen Plattenfirmen herausgebracht wurde. In Deutschland kümmert sich Fond Of Life Records um eure Musik. Was habt ihr für einen Eindruck von diesem relativ kleinen Label auf der einen Seite und euren Kollegen – unter anderem sind dies grandiose Bands wie This Is A Standoff, The Living Daylights, Failsafe und Phinius Gage – auf der anderen Seite?
Punch: Unabhängige Labels sind einfach die besten! Wir sind überglücklich, dass den Leuten bei Fond Of Life Records unser Material gefiel und sie sich dazu entschlossen, „Flags Of Karma“ in Deutschland auf den Markt zu bringen. Ich hoffe, dass es schon bald zu einem persönlichen Aufeinandertreffen kommt. Was die Bands betrifft, so haben wir mit The Living Daylights in Wien zusammen gespielt. Eine großartige Band, bestehend aus netten Leuten, die tolle Musik machen. Im April werden wir gemeinsam mit This Is A Standoff in Italien auftreten, was für uns eine absolute Ehre ist. Wir sind stets gespannt darauf, unsere Label-Kollegen persönlich zu treffen und sie näher kennen zu lernen.

Dann bleibt uns die Hoffnung, dass ihr möglichst vielen Menschen in Deutschland die Gelegenheit bietet, Argetti live auf der Bühne zu erleben und wünschen euch natürlich eine erfolgreiche Zukunft.

INTERVIEW: Jack

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