Konzertbericht

NATUR, KULTUR UND FREUNDSCHAFT

HIGHFIELD FESTIVAL 2008
15.08. - 17.08.2008, Hohenfelden

„Natur, Kultur und Freundschaft", das sind die Hobbys von Rosemarie. Diese Dame ist 64 Jahre alt und wohnt im oft unterschätzten Bundesland Thüringen, sie lebt alleine. Deswegen hatte sie am Freitag, dem 15 August 2008, bei der Radiosendung „Single Time" auf MDR Radio Thüringen einen Menschen gesucht, der diese Leidenschaften mit ihr teilen möchte. Dabei hätte sie eigentlich gar nicht den Aufruf über UKW starten, sondern sich einfach in ihrer Region ein wenig umschauen müssen. Denn genau an diesem Tag fand zum wiederholten Mal das Highfield Festival statt, das eben über „Natur, Kultur und Freundschaft" verfügt, wobei mich als Schleswig Holsteiner allein die schöne Gegend schon beeindruckt hatte, diese Berge und diese Wälder, aber vor allem die sehr schöne Lage dieses Open Air, direkt am Hohenfelder Stausee. Doch am ersten Tag zeigte sich die Landschaft nicht zwingend von der besten Seite, denn es hatte geregnet und war abends sehr kalt. Von daher waren am ersten Tag Gummistiefel, dicker Pullover und Regenjacken unverzichtbare modische Accessoires.

Aber nun er Reihe nach: Ich stand lange im Stau (weswegen ich auch MDR Radio Thüringen hörte), somit traf ich am Ort des Vergnügens leider sehr spät ein. Infolgedessen verpasste ich alle Konzerte vor 22 Uhr. Im Klartext bedeutet das, dass ich die Auftritte von Yessayer, Plain White T´s, We Are Scientists, Sportfreunde Stiller verpasste, die Wave Blumenkinder von Black Kids mussten sowieso absagen und The Subways und Tocotronic hatte ich dieses Jahr auf dem Hurricane anschauen können. Zeitig zum Bloc Party Auftritt traf ich ein, und das hat sich gelohnt. Denn zum einen, weil dies der einzige Festival-Auftritt hierzulande in diesem Jahr war, zum anderen, weil sie das neue Album „Intimacy" vorstellten und damit zeigten, wo die Entwickelung hinführt, nämlich zur elektronischen Indie-Tanzunterhaltung. Die Single „Mercury" war der beste Beweis, und ganz nebenbei stellte man bei diesem Auftritt fest, dass diese Band ein Dutzend Hits hat. Im Coca Cola Soundwave Tent gab sich eine der besten Live-Bands die Ehre. Allerdings hatte es sich auch schon herumgesprochen, dass das Kaizers Orchestra einen wunderbar unterhalten kann. Das war auch diesmal der Fall, wieder einmal wurde mit Wucht auf Ölfässer und Autofelgen eingeschlagen, und schwitzende Musiker gab es auch zu sehen. Danach das beste Konzerte des Wochenendes, und das mehr oder weni9ger mit Ansage: Die Dresden Dolls überzeugen auf Platte nicht immer, aber sobald sie auf eine Bühne treten, ist das eine großartige Performance. Amanda Palmer am Piano, die mit Leidenschaft die Songs singt und die Orgel so spielt, als wäre sie von Göttern und Dämonen gleichzeitig besessen. Dazu ihr Gegenspieler, der Schlagzeuger Brian Viglione, der wie ein verstörter Pantomime wirkt. Dazu spielten sie ein gelungenes Set, das sogar Platz für „War Pigs" von Black Sabbath und „Eisbär" von Grauzone ließ. Wirklich toll, und eigentlich hätte man sich jetzt auch glücklich ins Zelt verkriechen können, doch wo man schon mal da war, konnte man sich auch noch das restliche Konzert von The Killers anschauen. Auch hier wieder viele Hits, die man nicht erwähnen muss, da man diese kennt. Allerdings sollte man nicht unerwähnt lassen, dass der Gitarrist ein glitzerndes Instrument spielte, die Band ihr Set anständig herunterspielte, wobei mein Bekannter sich bei dieser Darbietung an Supertramp erinnert fühlte. Das klingt vielleicht wie eine Beleidigung, aber Supertramp haben viele große Pophits geschrieben, und das können The Killers auch. Jetzt konnte man allerdings zufrieden im Schlafsack nach dem Schlaf der Gerechten suchen, aber zuvor noch mit den neuen Nachbarn Bier getrunken und dann ins Discozelt gegangen und dann aber wirklich Augen zu. Wenn die Nacht verlängert wird, bleibt vom nächsten Tag weniger übrig. So kam es auch, dass der zweite Tag recht spät begann, und zwar erst zu den Balkan-Derwischen von Gogol Bordello. In bunten Klamotten hüpfte diese Rasselbande auf der Bühne umher und zelebrierte die Sinti und Roma-Kultur, aber dennoch ist es irgendwie mehr Punk als bei vielen Bands, die dieses Jahr auch auf dem Highfield auftraten. Ebenfalls eine gewisse Punk-Attitüde haben die Schweden von The (International) Noise Conspiracy, diese ist natürlich politischer Natur und explodiert auch im zehnten Jahr ihres Bestehen noch immer ordentlich. Ein Publikumsmagnet waren Flogging Molly, das kann ich einschätzen, obwohl ich nicht auf dem Konzert war, aber die Anzahl an getragenen T-Shirts sprach eine eindeutig Sprache. Richtig ruhig war es im Zelt, wo Muskel auf Lyrik traf, denn Henry Rollins fasste seine Gedanken in eine Spoken Word Session. Auch die Texte von Kettcar haben einen gewissen gehobenen Anspruch und treffen einen dann immer wieder so einfach im Herzen. Das war auch bei dem Auftritt auf dem Highfield so. Hinzu kommt noch, dass bei dem Song „Am Tisch" hoher Besuch von Bela B. aufwartete, denn die Ärzte waren ja auch da. Zuvor aber der Auftritt von The Hives, die eigentlich für ihre Konzerte eigentlich schon ein amtliches Gütesiegel bekommen müssten. Wie jedesmal rockten sich die Herren um „Howlin'" Pelle Almqvist mit höchster Energiestufe durch ihr Set, das natürlich viele Songs mit hohem Wiedererkennungswert beinhaltete. Trotz aller Begeisterung muss man feststellen, dass ihre Konzerte doch oft sehr ähnlich sind, aber das muss so sein, wenn man ein Gütesiegel bekommt. Mittlerweile ist das Festivalgelände so gut gefüllt, dass man kaum noch Möglichkeiten zur Bewegung hatte. Man merkte, dass die Kapazität auf dem Areal vollends ausgereizt war. Sicherlich haben die Fans der selbsternannten besten Band der Welt mit dem Kauf eines Tickets mit dafür gesorgt, denn die Ärzte kamen auf die Bühne und lieferten wieder ein Set, das mit zwei Stunden wirklich opulent war. Gut, wenn man mal die Auswahl der Songs ihrer langen Karriere betrachtet, dann ist das wieder zu kurz. Doch sei's drum, sie spielten viele ihrer Hits aus allen Phasen ihres Schaffens und hatten sogar den Mut, „Das Ist Rock´n´Roll" aus der „Moskito" Phase zu spielen. Dazu wieder allerhand Schabernack der drei Berliner. Was einen am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass es die Ärzte immer wieder schaffen, so viele neue Fans zu gewinnen. Im Zelt hingegen ging es wesentlich ruhiger zu, aber ergreifend war es allemal, was I Am Kloot boten. John Bramwells Gesang ist eindringlich, und die Instrumente lärmen für diese Band ungewöhnlich. Das ganze zieht die leider viel zu wenigen Konzertbesucher an, aber die, die dort waren, erlebten einen sehr intimen und fesselnden Auftritt. Der Beginn des letzten Festivaltages hätte sicherlich auch Rosemarie Freude bereitet, ein Bad in der Avenida Therme ist sehr entspannt, und man konnte gemütlich vom Außenbereich den Bubblegum Wavepop von Jennifer Rostock anhören. Da dieses Erlebnisbad im Festivalgelände eingebetttet war, hat es viele Besucher angelockt, was zu Wartezeiten bis zu zwei Stunden führte. Dank einigen pubertierenden weiblichen Ärzte-Fans wusste ich danach wenigstens alle Kleinigkeiten über diese Band und dass Farin der süßeste ist und Bela der coolere. Naja, kommen wir zu den Bands am Sonntag. Thrice haben mir gefallen, obwohl sie jahrelang nie auf meinem musikalischen Radar aufgetaucht waren. Danach der sonnenstrahlenschießende SkaPunk von Less Than Jake, der immer jede Menge Menschen glücklich macht. Leider vergaß ich dabei irgendwie, dass ich die Gutter Twins sehen wollte. Madsen kommen nicht aus ihrer Haut. Klingen sie auf ihren letzten beiden Platten wesentlich ruhiger als auf ihrem Debüt, geht es auf der Bühne mit ihnen durch. Da schreien sie wie in Anfangstagen und klingen noch immer wütend. Die Blood Red Shoes sind mittlerweile ein Garant für exzellente Konzerte. So war es auch auf dem Highfield Festival, mit ordentlich Schmackes bretterten sie sich durch ihr kleines Punkpop-Set. Im Gegensatz zum Melt!-Festival durften sie in dem kleinen Zelt spielen, was aber für das Konzert wesentlich besser war. Hier sprang die Dynamik bei Songs wie „You Bring Me Down" mit Begeisterung auf das Publikum über. Dabei reichen ihnen Gitarre und Schlagzeug, um ein brillantes Konzert abzuliefern. Auf der Hauptbühne der Alleingang von dem System Of A Down Sänger Serj Tankain, dabei stellte man fest, dass er alleine auch gut überleben kann und sehenswert ist. Aber irgendwie vergisst er hier, was seine Band ausmacht, Brüche mit Tempo und Genres. Da hat man ein wenig mehr erwartet. Kommen wir zu einem Thema, bei dem jeder Besucher von Festivals mitreden kann, nämlich Bands, die man unbedingt sehen will, aber schon mehrfach verpasst hat. Bei mir ist Slut so eine Band die ich unbedingt mal sehen will, aber immer wieder verpasse. Aber laut Besuchern war es ein gelungenes Konzert, bei dem auch die „Dreigroschen Oper" gut neben Band-Standards wie „Easy To Love" funktionierte. Das erklärte Ziel der Dropkick Murphys, eine Stimmung „Alle Für einen, einer für Alle" zu erzeugen, ist ihnen mal wieder gelungen. Allerdings hatte man auch das Gefühl, dass ihre Fans zu den Trinkfesteren des Festivals gehörten, aber allesamt friedlich, und natürlich durfte ihre Coverversion vom Irish Folk Klassiker „The Wild Rover" nicht fehlen, wobei einige Besucher wahrscheinlich wieder einmal dazu „An der Nordseeküste" gesungen haben, wir drücken ein Auge zu.

Zum krönenden Abschluss gaben sich die Beatsteaks noch die Ehre. Die haben in den letzten Jahren viel erlebt und genauso viel gelernt. So haben sie sich angeeignet, wie man sich als Headliner zu benehmen hat, denn an dem Auftritt gibt es grundlegend nichts zu meckern. Sie enttäuschen nicht die Fans, und so spielen sie alle ihre Hits und wagen sich auch an Donna Summers Disco-Hits heran, und man stellt fest, dass sie auch das können. Was auch auf ihrem jahrelangen Lehrplan stand, war das Fach „Zuschauer-Einbindung". So forderten sie beispielsweise die männlichen Fans auf, ihre T-Shirts auszuziehen und damit wild zu wedeln, was aus der Ferne doch recht eindrucksvoll war. Mit viel Entertainment und hymnenhaftem Punkrock vergingen die neunzig Minuten wie im Fluge. Danach gingen die meisten Besucher friedlich nach Hause oder zu ihren Zeltplätzen. Doch leider gibt es überall Idioten, und so war auch das Highfield Festival nicht frei von intoleranten Dummköpfen. So haben wieder einige Besucher Zelte angezündet, und angeblich wurde auch eines in Brand gesetzt, in dem sich ein Besucher aufhielt, der sich danach im Krankenhaus wiederfand. Desweiteren wurden noch ein paar Dixies angezündet, und als Ordner diese löschen wollten, wurden sie beschimpft. Da fragt man sich, wie wenig aktive Hirnmasse einige „Festivalbesucher" aufweisen.

Ein Paradebeispiel ist, das sich auf dem Festivalgelände ein Besucher auf ein Dixie stellte und sich als Ku-Klux-Klan-Mitglied verkleidet zum Volldeppen gemacht hat. Doch wo einer ist, sind gleich noch viel mehr, so erntete dieser armselige Wicht auch noch jede Menge Applaus von einer Meute. Diese Eintrittskarteninhaber, die wahrscheinlich die NDP wählen, weil diese Partei als einzige etwas für die Jugend macht und sich für den kleinen Mann einsetzt, denken wohl auch, dass unter Adolf Hitler auch nicht alles schlecht war. Doch ich will anmerken dass 99% der Highfield Besucher freundliche und friedliche Musik- und Feierfreunde sind. Ein sehr schönes Festival, bei dem auch Rosemarie nächstes Jahr einkehren könnte.  

BERICHT: Hauke

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