Konzertbericht

SO ROCKT DER SPÄTSOMMER!

AREA4 - FESTIVAL
29.08. - 31.08.2008 (Lüdinghausen)

Gehen wir nach dem Muschel-Prinzip vor: Mit jeder Menge Vorfreude stürzen sich Menschen sowohl aus der Nähe als auch aus der Ferne auf einen Haufen dieser mit einer robusten Schale umgebenen Weichtiere, um nach dem Öffnen ihres Schutzpanzers auf wertvolle Schmuckstücke zu stoßen. Heraus kommt zumeist eine Menge Schlamm, doch dann und wann lässt sich eine kleine Perle erblicken. Eine solche in der Muschelwelt der Musikfestivals ist zweifelsohne das Area4-Speaktakel auf dem Flugplatz Borkenberge in Lüdinghausen südwestlich von Münster. Während Veranstaltungen wie das Hurricane Festival, Rock am Ring, Rock im Park und Artgenossen mittlerweile fast aus allen Nähten platzen und zum Teil den zweifelhaften „Be there or be square“-Charme versprühen, schraubte das Area4 die Dimensionen kräftig herunter, legte aber dennoch viel Wert auf ein hochwertiges Unterhaltungsprogramm.

Das Festivalgelände entpuppte sich als sehr überschaubar: Ein Parkplatz, ein Campinggelände, ein Coca Cola-Soundwave-Tent und eine Hauptbühne ließen weder große Irrtümer noch endlose Fußmärsche zu. Im Inneren der Bauzäune bot sich die altbekannte Mischung aus Aktionseinrichtungen wie einem Bungee-Katapult, unterschiedlichen Futterbuden und zahlreichen Möglichkeiten, die Geldbeutel ein wenig zu erleichtern. Die Infrastruktur stimmte zu einhundert Prozent, was Wettergott Petrus anscheinend mit Wohlwollen auffasste, indem er allerfeinstes Sommerwetter knapp unterhalb der 30 Grad-Grenze gewährleistete.

Nun war es nur noch an den musikalischen Akteuren, die drei Augusttage zu einem rundum gelungenen Erlebnis arten zu lassen. Ein Blick auf das Line-Up offenbarte eine Menge Rockmusik und Schwerstarbeit für die schnalzende Zuge. Die durch die kurzfristige Absage Slipknots geflossenen Tränen wurden auf fachkundige Art und Weise von Soulfly getrocknet, ansonsten hielt das Programm, was es versprach. The Gaslight Anthem bestätigten vor großem Publikum ihren Status als aufstrebender Insidertipp, und auch Disco Ensemble, Louis XIV und El*ke nutzten die Gelegenheit, ihren Bekanntheitsgrad kräftig zu erhöhen. Es ist und bleibt ein ungeschriebenes Gesetz: Junge, talentierte Bands für sich zu entdecken ist das Salz in der Suppe eines jeden Musikfestivals.

Natürlich waren auf dem Flugplatz Borkenberge auch honorige Köche des Musikgeschäfts Werk, beispielsweise Millencolin, bei denen der Funke aufgrund durchschnittlichen Liedgutes und einer teilweise leblosen Bühnenshow nicht immer vollständig überspringen möchte. Ebenfalls ein wenig bewegungsarm präsentierten sich die Plain White T’s, bis der Überhit „Hey There Delilah“ ausgepackt wird, der die komplette Meute in einen gigantischen Chor verwandelt. Gotthilf Fischer hätte es an dieser Stelle nicht besser machen können. Und wo die kollektive Stimmgewalt schon einmal eine Berücksichtigung findet, seien selbstverständlich Pennywise erwähnt, die ihren energiegeladenen Auftritt mit dem Klassiker „Bro Hymn“ beendeten.

Wer davon ausging, dass ein Potential von rund 15.000 Besuchern nicht ausreichen würde, um namhafte Bands nach Nordrhein-Westfahlen zu losten, musste sich eines Besseren belehren lassen. Nicht nur die schwer angesagten The Subways nahmen die Bühne in Beschlag, auch System Of A Down-Frontmann Serj Tankian ließ sich nicht lange bitten. Zu den absoluten Headlinern gehörten unter anderem Bad Religion. Die alten Recken des Punkrocks mischten bei der diesjährigen Open Air-Saison kräftig mit und erkoren dabei auch das Area4 für ein Gastspiel aus. Angefangen mit „21st Century (Digital Boy)“ lud das Quintett – Gitarrist Brett Gurewitz glänzte wie so oft durch Abwesenheit – zu einer Reise durch die Bandgeschichte mit insgesamt 25 Stationen ein. Von „Suffer“ über „A Walk“ bis hin zu „New Dark Ages“ blieb keine Schaffensphase unberücksichtigt und kein Anhänger der Band unzufrieden.

Für entzückte Gesichter sorgten auch The Hives mit einem Sammelsurium von 18 Songs, einem flotten Dresscode und einem Höchstmaß an Spielfreude. Hits wie „Walk Idiot Walk“, „A Little More For A Little You“ und das abschließende „Tick Tick Boom“ gingen auf direktem Wege in die Tanzbeine. Nebenbei führte Sänger Howlin' Pelle Almqvist gekonnt und sympathisch durch die eineinhalbstündige Show. Auf die doppelte Dauer eines solchen Auftritts bringen es gerne Die Ärzte, denen in Lüdinghausen – das Trio aus der Hauptstadt wandte sich regelmäßig mit einem liebevollen „Dülmen“ an die Anwesenden – zwei Stunden zur freien Entfaltung gewährt wurden. Diese spickten die Berliner unter anderem mit Nummern wie „Hurra“, „Deine Schuld“, „Lasse redn“, „Wie es geht“, „Junge“, „Ist das alles“ und dem schmachtenden „1/2 Lovesong“. Dazu bestand das Publikum die „Unrockbar“-Prüfung, ehe die Darbietung mit „Schrei nach Liebe“ und „Zu spät“ beendet wurde. Zwischendurch unterhielten Bela, Farin und Rod die Menge mit den bekannten filigranen Verbal-Kombinationen, animierten zum Geschlechterkampf im Wettschreien und testeten die Wirksamkeit des White Stripes-Hits „Seven Nation Army“. Ja, man durfte sich durchaus gejazzt fühlen.

Kurzum: Das Area4-Festival hat richtig viel Spaß gemacht und sich das Attribut „klein, aber fein“ durchaus verdient. Feine Bands, bestes Wetter und null Stress – Musikfreund, was willst du mehr? Und übrigens: Das nächste Area4 steht schon in den Startlöchern. Vom 21. bis 23. August 2009 landen erneut zahlreiche Newcomer und Hochkaräter aus der Musikwelt auf dem Flugplatz Borkenberge. Der Vorverkauf läuft bereits, Tickets gibt es ausschließlich telefonisch unter 01805/853653.

BERICHT: Jack

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