Konzertbericht

MEHR MELT!

MELT! 2008
18. - 20.07.2008, Ferropolis

Dieses Jahr war das Glück dem Melt! Festival nicht hold und das hatte mehrere Gründe: War früher Petrus der beste Freund dieses Festivals, so ist die Zuneigung scheinbar in Abneigung umgeschwenkt. Denn so sehr hatte es noch nie geregnet bei dieser Veranstaltung. Da waren die Besucher und Veranstalter sicherlich gleichermaßen gleich irritiert. Doch dafür kann die Melt!-Crew nun wirklich nichts. Doch ganz frei von Schuld sind die Veranstalter nicht, denn warum hatte man die Bändchen-Ausgabe an einen anderen und wesentlich schlechteren Platz versetzt und nicht darüber informiert? Und überhaupt, wieso hat man den Melt! Klub in eine Halle versetzt, die ein kleineres Fassungsvermögen hat, als das letztjährige Coca Cola Soundwave Tent? So war es vielen nicht möglich, zum wunderbaren ElectroDancePop von The Whitest Boy Alive zu tanzen oder mit Alexander Marcus „Papaya, Papaya, Coconut, Banana" zu singen. Dafür hatte man vor der Hauptbühne wesentlich mehr Platz, denn wo diese Bühne sich letztes Jahr noch den Platz mit einer weiteren Bühne teilen musste, stand jetzt nur die Hauptbühne. Macht grundsätzlich Sinn, denn dieses Jahr hatten sie mehr Headliner als zuvor. Doch kleinere Acts wie beispielsweise Lightspeed Champignon wirkten verloren. D

abei hat der ehemalige Test Icicle Musiker seine Songwriter-Perlen mit Begeisterung und Elan dargeboten. Auch bei den Blood Red Shoes hätten man sich mit weniger Platz besser entfalten können, man erinnere sich an den Auftritt auf dem Hurricane Festival 2007. Stattdessen funktionierte der Human League 2.0 Dance Pop von Late Of The Pier richtig gut, denn die spielten auf der kleineren Gemini Stage. Zur gleichen Zeit auf der „Big Wheel Stage" tanzten schon einige zu den elektronischen Klängen des Kompakt Labels. Dieses Kölner Label kamen mit ihren Zugpferden Tobias Thomas, Supermayer, Gui Boratto und Modeselektor, während zu später Nacht dann die Bpitch Acts wie Sascha Funke oder Ellen Allien den Ton angaben.

Auf der Hauptbühne hingegen gab Adam Green den großen Zampano, doch eigentlich den meisten Zuspruch bekam er mit Songs aus dem „Friend Of Mine"-Album. Klee bewies, dass sie live spannender sind als auf Platte, und Zoot Woman war keine Band sondern kam als Plattenunterhalter daher. Kate Nash hatte mit Regen und schwachem Sound zu kämpfen, und dEUS mussten gar im strömenden Regen spielen. Ein guter Grund, zur überdachten Gemini Stage zu gehen und die Lieblinge von Hercules And The Love Affair zu sehen und zu „Blind" zu tanzen. Doch sehr zum Ärgernis Vieler fiel dieses Konzert aus, und Miss Kittin & The Hacker wurden vorgeschoben, ebenso alle darauf folgende Acts die früher ihren Auftritt absolvieren durften. Man verpasste also sehr viel, und somit war der Melt! Klub eine Alternative, die aber wegen Überfüllung unerreichbar war.

Also zurück zur Hauptbühne mit dem Marketing-Namen „Converse Main Stage", dort spielten die Editors. Das war ein sehr schönes Konzert, denn die Songs kamen druckvoll daher, und dass sich der Himmel rabenschwarz gefärbt hatte, machte dieses Konzert noch stimmiger. Eines der Highlights auf dem Melt! 2008! Anschließend kam Robyn, die ein wenig verloren wirkte auf der Bühne, allerdings nicht so wie auf dem Madonna Konzert. Was besonders charmant war, dass sie ihren EuroDance-Frühhit „Show Me Love" nicht unter den Teppich kehrte, sondern in einen ruhigen Klang packte. Kurz nach drei zollte mein Alter dem Abend Tribut, und ich hatte meine Bekannten verloren, ein guter Grund, in den Schlafsack zu steigen. Mit großer Hoffnung schlug ich am nächsten Tage meine Augen auf in der Hoffnung auf einen regenfreien Tag. Tatsache, es regnete nicht, es war nur leider zu kühl um ins naheliegende Gewässer zu springen. Deswegen war es eine gute Idee, zeitig zum Superpunk-Konzert zu gehen, die Hamburger sind charmant und ehrlich, und es machte Spaß dieses Konzert zu schauen.

Danach stand auf dem Timetable „Secret Guests" für die Hauptbühne, man fragte sich, wer das sein könne. Auf der Bühne geschah nichts, doch dann kam der diesjährige Festival-Dauerbesuch namens Regen. Musikalischer Überraschungsbesucher war weit und breit keiner zu sehen, das bescherte auf der Nebenbühne Fujiya & Miyagi ordentlich Zulauf. Bei Notwist regnete es zwar deutlich weniger, und für die Band nimmt man gerne auch eine kleine Erkältung in Kauf. Belohnt wurde man mit dem typischen Notwist Wohlklang und Songs vom neuen Album „The Devil, You + Me". Wermutstropfen war dabei, dass dieses Konzert ein wenig später anfing, somit musste man das Konzert von den quirligen Operator Please leider verpassen. Glücklicherweise wurde dann der Zeitplan eingehalten, und so konnte man zu den Stereo MCs wieder entspannt schwofen.

Doch gespannt war man auf das exklusive Festivalkonzert von Franz Ferdinand. Denn man erwartete hier die Darbietung der neuen Songs. Diese Songs sind wirklich eine kleine Überraschung, denn die sind tanzbar, aber nicht auf die bandtypische Art. Stattdessen arbeiten sie mit elektronischen Möglichkeiten, die sogar Techno-Rhythmen zulassen. Auch sonst wirkt der neue Output wesentlich üppiger arrangiert, und trotzdem sind es Hits. Dass die ehemalige Moloko-Sängerin live überzeugt, wusste man schon. Auch diesmal gehört sie zu den Gewinnern dieses Wochenendes. Bei der tollen Bühnenshow war man schwer beeindruckt, und sie schaffte es schnell, dass das Publikum die kleinen Missgeschicke der letzten beiden Tage vergaß.

Wer dann noch fit war, wartete auf das Drum & Bass Gewitter von Goldie. Auf der Gemini Stage tobten Acts des Ed Banger Labels. Zuerst knatterte Mr.Oizo durch die elektronische Prärie, danach machten Uffie und Feadz mit den 90er-Jahre-Eurodancern Technotronic gemeinsam Party. Nicht so ausschweifend wie letztes Jahr Deichkind mit Snap, aber dennoch eine passende Kombination für die Nachtschwärmer. Was beim Melt! eigentlich immer ein wenig schwierig ist, dass man sich zwischen unterschiedlichsten Acts entscheiden muss und somit immer ein tolles Konzert verpasst. Deswegen war der neu anberaumte dritte Festival-Tag schon ein praktischer Segen. Denn auf der Gemini Stage wurde man mit elektronischen Vielfaltsklängen von Acts wie Jack Tennis, DJ Supermakt oder Shir Khan versorgt oder konnte auf der Sleepless Floor ein letztes mal tanzen zur Musik von Ruede Hagelstein, Oliver Koletzki und die Melt! Hymne „3 Tage Wach" von Lützenkirchen für bare Münze nehmen.

Man hatte allerdings auch die Gelegenheit, einen stressfreien Tag zu begehen und die Acts auf der Hauptbühne zu genießen. Als erstes überzeugte Get Well Soon, denn Konstantin Gropper schaffte es, dass die Songs einen in den Bann zogen. Es wirkte gekonnt und routiniert und funktionierte trotz leichtem Sonnenschein, denn der Regen war an diesem Tag weitergezogen, vermutlich hat er nicht mitbekommen, dass dieses Fest auf drei Tage gewachsen ist. Apropos „Drei": Hot Chip waren diesmal schon zum  dritten mal in Folge hier. Es scheint ihnen in  Gräfenhainichen bzw. Ferropolis sehr zu gefallen, weshalb sie auf der Bonus-DVD ihres aktuellen Album „Made In The Dark" einen Konzertmitschnitt vom Melt! beigefügt haben.

Musikalisch war auch dieses Jahr alles gut, nur mit dem Sound hatten Alexis Taylor und Co spürbar Probleme. Natürlich tanzten viele Leute, aber so frenetisch wie im letzten Jahr war es leider nicht. Um 22:30 kam dann die Person auf die Bühne, für die extra der dritte Tag anberaumt wurde. Aber wenn Björk ihr Erscheinen zusagt, dann erweitert man gerne mal ein Festival, und es hat sich gelohnt. Denn mit einer zehn Frauen starken Bläsergruppe, alle bunt gekleidet und viele Fahnen tragend, kam sie auf die Bühne. Das lenkte den Blick auf das bunte Treiben und drängte die beiden Männer an den futuristischen elektronischen Klangerzeugern optisch in den Hintergrund, und auch das Schlagzeug wurde von den Bläserinnen und Björk verschluckt. Aber wie sollen sie auch gegen soviel Performance auffallen. Denn die Damen hatten alle unterschiedliche Blasinstrumente, die für einen tollen Gegensatz zu den kräftigen Electronica Sounds sorgten und teilweise sogar fast kriegerische Tänze einlegten. Trotzdem drehte sich alles um Björk, und die fesselt einen noch immer, und auch die Tatsache, dass ihr Set aus neuen und alten Songs bestand, war erfreulich, wobei die meiste Zustimmung natürlich die Klassiker wie das sehr maschinell treibende „Army Of Me" oder das ruhende und emotional fesselnde „Joga" ernteten. Besonders schön war es zu sehen, wie sich die organischen Bläser, die Computersounds und Björks Gesang so gelungen zusammen fügten.

Dieser Auftritt versöhnte einen doch mit den Absagen und Änderungen im Timetable, dem schlechten Wetter und den kleinen Unannehmlichkeiten. Zufrieden fuhr man nach Hause und hatte dann doch fast nur die schönen Momente im Kopf.

BERICHT: Hauke

Impressum © 2006 hoersturz.net