Interview

RASTLOSE ROCKMUSIKER

A WILHELM SCREAM
15.05.2008, Hamburg, Molotow

Es gibt amerikanische Bands, die sich die Fans sehnlichst auf die deutschen Bühnen wünschen, dieses Unterfangen jedoch erst nach diversen Jahren des Bestehens in die Tat umgesetzt wird. Eine solche Formation sind A Wilhelm Scream, von 1996 bis 2002 noch unter dem Namen Smackin’ Isaiah unterwegs, die erst kürzlich die europäischen Gefilde für sich entdecken konnten. Doch seitdem befindet sich das Quintett aus New Bedford quasi ständig auf Entdeckungstour – ob im Vorprogramm aufstrebender Acts wie Rise Against oder als Headliner höchstpersönlich. Und kaum waren einige Monate und ein weiteres Album in die Lande gegangen, da stehen A Wilhelm Scream schon wieder auf der Matte beziehungsweise auf der Bühne. Bevor es dazu kam, konnten wir Bassist Brian Robinson abfangen, um ein wenig hinter die Kulissen der rastlosen Combo zu blicken.

Brian, die aktuelle Tour hat euch bereits für zwei Konzerte nach Russland geführt. Wie waren die Auftritte in einem Land, das eher als Entwicklungsland des Punkrock gilt?
Brian:
Sie waren wirklich großartig. In Russland spielen bekanntlich nicht so viele Punkrockbands aus anderen Ländern, obwohl es eine Menge Fans gibt. Die Leute, die zu unseren Konzerten kamen, schienen richtig dankbar dafür zu sein, dass eine internationale Band bei ihnen auftritt. Dazu haben wir viele neue Freunde gefunden, beispielsweise unser Support-Act, der ins Englische übersetzt „Supermarket“ bedeutet. Keine Ahnung, wie der russische Name lautete. Auf jeden Fall waren die Jungs wahnsinnig nett und haben sich hundertprozentig darum gekümmert, dass wir uns wohlfühlten und keinerlei Schwierigkeiten auf diesem Ausflug hatten. Wir mussten nicht auf der Straße schlafen.

Ihr seid zum wiederholten Male in Deutschland auf Tour, und die Liste eurer Shows erweckt den Eindruck, dass dieses Land nicht das schlechteste ist, um live zu spielen.
Brian:
Das ist vollkommen untertrieben, Deutschland ist ein großartiges Land, um Konzerte zu spielen. Im Grunde war es bislang immer so, dass sich unsere Touren fast ausschließlich auf Deutschland konzentriert hatten, abgesehen von einigen kurzen Abstechern. Bei euch in Deutschland gibt es Städte wie Hamburg, Berlin und Dresden, die über erstklassige Auftrittsmöglichkeiten verfügen.

In Hamburg habt ihr ja schon die Markthalle kennen gelernt, die im Vergleich zum Molotow riesig erscheint…
Brian:
Ja, das Blöde an dem heutigen Termin ist, dass wir gegen das „Give It A Name“-Festival antreten müssen. Dort spielen unter anderem Strike Anywhere, denen wir überraschender Weise vorhin über den Weg gelaufen sind. Wir wollten lediglich etwas zu essen besorgen, und plötzlich standen die Jungs vor uns. Das ist schon eine kuriose Sache, obgleich ich festhalten muss, dass diese terminliche Überschneidung wirklich unglücklich und von uns nicht beabsichtigt ist. Wir hatten uns darüber im Vorwege mit Strike Anywhere auf dem „Groezrock Festival“ in Belgien, auf dem wir gemeinsam gespielt hatten, unterhalten. Als sich in dem Gespräch herausstellte dass sie am selben Abend ebenfalls in Hamburg spielen, haben wir uns richtig geärgert.

Keineswegs ein Grund zum Ärgern war die Veröffentlichung eures Albums „Career Suicide““ im vergangenen Jahr. Dieses wird als euer bis dato rasantestes Werk beschrieben. Welche Absichten hattet ihr beim Schreiben?
Brian:
Unsere Songs entstehen je nach Gemütslage, quasi aus dem Bauch heraus. Was „Career Suicide“ betrifft, so hatten wir einfach Lust, schnelle Songs zu schreiben. So etwas ist ja nichts Neues, schließlich haben A Wilhelm Scream auf ihren früheren Alben ebenfalls schnellen Punkrock gespielt. Das aktuelle Album ist ein Produkt der Band, es hat also jeder seinen Teil zum Songwriting beigetragen. Früher war es eher so, dass Trever und Chris fast komplette Songs auf Lager hatten. Bezüglich der Geschwindigkeit sei noch erwähnt, dass wir uns nicht vorgenommen hatten, das schnellste Album der Bandgeschichte einzuspielen. Es hat sich schlicht so ergeben, und wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

In 2002 habt ihr „Benefits On Thinking Out Loud“ herausgebracht, 2004 folgte „Mute Print“, nur ein Jahr später wurde „Ruiner“ veröffentlicht und jetzt – rund zwei Jahre später – kam „Career Suicide“. Wie ist es möglich, dieses Veröffentlichungstempo beizubehalten?
Brian:
Das kann ich auch nicht genau erklären, ich kann nur hinzufügen, dass wir den Blasting Room im kommenden Dezember wieder gebucht haben.

Schon wieder? Für ein komplettes Album?
Brian:
Ja, wir spielen ein komplettes Album ein. Wenn wir nicht auf Tour sind, schreiben wir neue Songs, und wie man sieht, arbeiten wir sehr effektiv. Trevors Vater hat im Keller ein kleines Studio eingerichtet, dort haben wir bereits einen Song als Demo aufgenommen. Hinzu kommen noch zahlreiche neue Ideen, die wir lediglich noch strukturieren müssen.

Gibt es ein spezielles Schema, nach dem ihr vorgeht, um mit Erfolg auf dem schmalen Grat zwischen Komplexität auf der einen Seite und Eingängigkeit auf der anderen Seite zu wandeln?
Brian:
Wir müssen oft aufpassen, dass wir es mit der technischen Komponente nicht übertreiben. Trevor als unser Haupt-Songwriter besitzt ein gutes Händchen für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Komplexität und Eingängigkeit, außerdem bezieht er unsere Ideen mit ein. Wir haben durchaus das Recht, Einspruch zu erheben – Musik ist bei uns eine kollektive Angelegenheit.

Gibt es in eurer Bandgeschichte einen bestimmten Zeitpunkt, an dem ihr das Gefühl hattet, absolut auf dem richtigen Weg zu sein?
Brian:
Wir befinden uns auf dem einzigen Weg, auf dem wir sein können. Es ist nicht unser Ding, an unserem Image zu künsteln, nur um die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Wir sind mit dieser Musik groß geworden und bei ihr hängen geblieben. Es ist ein ganz natürlicher und bodenständiger Prozess.

Ein weiser Schritt war meines Erachtens das Aufsuchen des Blasting Rooms. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande, und wird sie für immer Bestand haben?
Brian:
Ich gehe davon aus. Als A Wilhelm Scream zum ersten Mal den Blasting Room aufsuchten, war ich noch nicht in der Band. Aber ich kann mich erinnern, dass die alte Plattenfirma, Jumpstart Records aus New Jersey, der Band einen Vorschuss gewährte, um im Blasting Room ein Album aufnehmen zu dürfen. Als die Macher von Jumpstart Records dann hörten, dass die Band bei Nitro Records unterschrieben hatte, um „Mute Print“ zu veröffentlichen, waren sie ziemlich sauer. Schließlich wollten sie gerne weiter mit A Wilhelm Scream kooperieren.

Es gibt einige Bands, die von dem erstklassigen Blasting Room-Sound profitieren…
Brian:
Es ist Bill Stevenson! Ihm gelingt es immer, dass ein Album nicht wie das andere klingt, und trotzdem bringt er den Sound stets auf den richtigen Weg.

Hatte er eigentlich Einfluss auf eure Songs?
Brian:
Nicht strukturell. Aber er ist in punkto Gesangslinien eine riesige Hilfe und hat dazu noch ein ausgezeichnetes Timing.

Du hattest eben Nitro Records erwähnt. Kannst du uns erzählen, was in diesem Hause derzeit vor sich geht? Es macht den Anschein, in letzter Zeit ziemlich inaktiv zu sein.
Brian:
Ja, es sieht so aus. Fest steht, dass „Career Suicide“ unser letztes Album auf Nitro Records ist. Sie haben sich frühzeitig einen ernormen Personalstab zugelegt, schafften es aber nicht, eine Band unter Vertrag zu nehmen, von der sie überdurchschnittlich viel profitieren können. Damit meine ich nicht, dass ihre Bands schlecht waren – Much The Same, die sich leider aufgelöst haben, waren großartig.

Und No Trigger…
Brian:
Oh ja, die hatte ich fast vergessen. Mit ihnen tourten wir vor einiger Zeit durch Europa. Leider ist es auch ziemlich still um sie geworden. Im Grunde hatte Nitro Records gute Ansätze, doch in der jüngeren Vergangenheit ging es ziemlich bergab. Aber wer weiß, vielleicht entdecken sie schon bald die nächsten AFI oder die nächsten Offspring, und Punkrock wird – hoffentlich – wieder zu einer großen Nummer. Es kann wahnsinnig schnell passieren, dass man sich plötzlich wieder in der Vorreiterrolle befindet. Aktuell sind Nitro Records noch aktiv, wenn auch nur ein bisschen.

Welche Plattenfirma bringt euer nächstes Album heraus? Hast du spezielle Wünsche?
Brian:
Ich habe keine Ahnung. Ich wünsche mir Geffen, und Bon Jovi tritt als unsere Vorband auf. Ich lasse mich dann mit dem Hubschrauber direkt zu jedem Konzert einfliegen. Einmal ins Molotow, bitte!

Das wäre doch etwas. Wart ihr zufrieden mit dem Vertrieb und der Bewerbung eurer Alben. Nitro Records hatte sich ja herzlich wenig um den europäischen Markt bemüht.
Brian:
Jedes Mal, wenn wir im Europa unterwegs sind, entdecken wir mehr Werbung für uns, zudem merken wir, dass sich die Zahl der Besucher auf unseren Konzerten stetig steigert. Es kommt sogar vor, dass sie sich richtig alte Songs wünschen, bei denen ich mich wirklich wundere, woher sie diese kennen, wo ich nicht einmal in der Lage bin, die Songs zu spielen.

Eure Heimat als Band ist New Bedford, daher stammt du allerdings nicht…
Brian:
Nein, ich komme aus Kanada, aus der Nähe von Toronto. Aber New Bedford ist sozusagen meine zweite Heimat geworden.

Du hattest vorher in The Fullblast gespielt, soweit ich mich erinnern kann.
Brian:
Du kennst meine ehemalige Band?

Eine großartige Band! Das Album „Short Controlled Bursts“ ist wirklich klasse.
Brian:
Vielen Dank! Bei A Wilhelm Scream mache ich genau dort weiter, wo ich mit The Fullblast aufgehört habe. Als A Wilhelm Scream noch Smackin’ Isaiah hießen, haben sie eine Show in Ontario mit uns zusammen gespielt. Seitdem blieb ich mit den Jungs regelmäßig in Kontakt. The Fullblast lösten sich dann auf, und ich rief Trevor an, um ihm meine Bereitschaft zu signalisieren, als Bassist einzusteigen. Das führte mich automatisch nach New Bedford, eine Arbeiterstadt, die für ihren Walfang bekannt ist. Ich muss sagen, dass ich dort zahlreiche großartige Menschen kennen gelernt habe. Wenn ich dort bin, fühle ich mich wahnsinnig wohl. Wie gesagt, es ist zu meinem zweiten Zuhause geworden.

Die Band musste in der Vergangenheit einige personelle Wechsel verkraften, es machte jedoch immer den Anschein, als hättet ihr diverse Leute bereits in der Hinterhand, die einspringen, wenn jemand von Bord geht, quasi wie Auswechselspieler beim Sport. Andere Bands offenbaren große Schwierigkeiten, Lücken zu schließen – siehe Sum 41 – oder lösen sich sogar komplett auf, wie es bei besagten Much The Same der Fall war.
Brian:
Bei Sum 41 ist der Gitarrist von Gob seit einiger Zeit dabei. Ich habe ihn auf einem Konzert erlebt. Er macht seine Sache wirklich gut. Was unsere Band betrifft, so bestand sie schon immer aus Nuno, Trevor und Nick. Diese drei bilden so etwas wie den Kern der Band, immerhin kennen sie sich seit über zwei Jahrzehnten. John, der erste Bassist, verließ A Wilhelm Scream im Guten. Die anderen konnten seine Entscheidung, die Schule weiter zu besuchen und ins alltägliche Leben zurückzukehren nachvollziehen. Sein Nachfolger ließ die Band während einer Tour im Stich, dabei war angedacht, dass er erst im Anschluss aufhört und ich dann einspringe. So ging alles schneller als geplant. Chris ist unser letzter Abtrünniger gewesen. Bei ihm war es wie bei John, er wurde 30, hatte eine langjährige Beziehung… Er liebt die Musik, er liebt die Band, er hatte bloß keine Lust mehr auf das Tourleben nebst allen Schikanen. Nachdem er seinen Ausstieg angekündigt hatte, kam Trevor zu mir und fragte mich, wen ich für den abgefahrensten Gitarristen halte. Ich dachte auf der Stelle an meinen Kumpel Mike, der in einer Band namens Alucard spielte. Wir kennen uns aus einer Zeit, in der ich noch bei The Fullblast dabei war. Ich rief ihn an und fragte, ob er nicht Lust hätte, bei unserer anstehenden Tour auszuhelfen – mit dem Hintergedanken, ihn komplett in die Band aufzunehmen. Er ist ein unglaublicher Typ, wahnsinnig positiv, hoch motiviert und zugleich angenehm und verständnisvoll. Mike ist ein echter Gewinn für die Band.

Auf eurem neuen Album geht ihr nicht zimperlich mit Kritik an der Entwicklung des Musikbusiness um. Im Fadenkreuz stehen besonders Bands, die nur auf das schnelle Geld aus sind. Wenn du die Möglichkeit hättest, etwas zu verändern, was wäre es?
Brian:
Ich wünsche mir, dass die wirklich guten Bands den Stellenwert erhalten, den sie verdienen. Genau diese sollen die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch die Musik zu finanzieren. Sie sollen nicht in Geld baden, sondern nur ohne Probleme für ihre regulären Unkosten aufkommen können. Es gibt viele erstklassige Musiker, die sich nicht hundertprozentig entfalten können, weil sie irgendwelchen Jobs nachgehen müssen.

Da kommt mir gerade ein Statement von Yellowcard-Geiger Sean Mackin in den Sinn, das ich kürzlich las. Er kritisierte heftigst das illegale Herunterladen von Musik und fügte hinzu, dass dieses seiner Band erheblichen Schaden zugefügt habe.
Brian:
Erinnerst du dich noch an die Zeit, als Metallica groß gegen den Diebstahl ihrer Musik anging? Uns macht so etwas überhaupt nichts aus. Wenn die Kids wirklich etwas auf illegale Weise herunterladen möchten, dann schaffen sie es auch. Das bringt uns nicht vom Kurs ab. Mit dem Verkauf unserer Alben machen wir nicht das große Geld. Wenn wir auf Tour etwas verdienen, dann aus dem Verkauf von Merchandise. Ich möchte nicht schlecht über andere Bands reden, aber man sollte vielleicht auch einmal die Schuld bei sich suchen.

Meine letzte Frage: Habt ihr jemals darüber nachgedacht, die alten Smackin’ Isaiah-Alben erneut zu veröffentlichen oder sogar neu einzuspielen, wie es Rise Against mit „The Unraveling“ gemacht haben?
Brian: Wir haben tatsächlich schon einmal über das Thema gesprochen und darüber nachgedacht, die alten Songs mit ein paar neuen Elementen zu versehen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, die richtig alten Nummern großartig zu finden.

Brian, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten.

INTERVIEW: Jack

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